Rumoren beim Energiekonzern EnBW-Personalstrategin wird zur Reizfigur

Turbulenzen im Personalbereich: Energiekonzern EnBW Foto: dapd/Ronald Wittek

„Der Mensch im Mittelpunkt“ lautet die Devise bei der EnBW. Aber das Agieren der zweithöchsten Personalmanagerin, Maria Knill, erleben viele Beschäftigte anders. Nun erreicht der Unmut den Konzernchef.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Es war nur ein Wort, aber das genügte, um viele EnBW-Beschäftigte in Wallung zu bringen. Der Karlsruher Energiekonzern sei eine „Wohlfühlzone“ – so sagte es ausgerechnet die oberste Personalmanagerin unterhalb des Vorstands, Maria Knill. Viele Mitarbeiter fühlten sich dem Unternehmen eng verbunden und verspürten dort eine hohe Sicherheit. „Veränderung nimmt aber etwas von dieser Sicherheit“, ließ sich Knill in einem Beitrag der „Wirtschaftswoche“ zitieren. Die EnBW wurde darin als eines von mehreren Beispielen dafür angeführt, was für ein Kraftakt die Transformation von Unternehmen für Führungskräfte sei.

 

In der Belegschaft machte der Artikel rasch die Runde und entfachte viel Aufregung. Denn die Leiterin des Bereichs Human Resources-Strategie und Transformation, engste Vertraute der Personalvorständin Colette Rückert-Hennen, galt vielen Mitarbeitern bereits als Reizfigur. Die provokante Wortwahl war für sie da der Tropfen, der ein randvolles Fass zum Überlaufen brachte. Inzwischen hat sich ein Sturm gegen Knill zusammengebraut, der sie am Ende wegfegen könnte. Vorläufiger Höhepunkt: Der Betriebsrat hat seinen Unmut über Arbeit und Auftreten der Personalchefin direkt an den Vorstandsvorsitzenden Andreas Schell herangetragen. Nun wird mit Spannung erwartet, wie er damit umgeht.

8000 Stellen sind neu zu besetzen

Es sind fraglos fordernde Zeiten für Personalmanager bei der EnBW. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Mitarbeitenden stark gestiegen, von gut 18 000 auf mehr als 26 000. Dynamisch geht es auch weiter: Bis 2025 sind nach offiziellen Angaben fast 8000 Planstellen im Konzern neu zu besetzen, fast ein Drittel der gesamten Belegschaft. Wachstum, demografischer Wandel und natürliche Fluktuation werden als Gründe genannt. Mit dem Umbau von Kernkraft und Kohle zu alternativen Energien, vom Versorger zum „nachhaltigen Infrastrukturanbieter“ ändern sich auch die Anforderungen an die Beschäftigten. Alte Jobprofile fallen weg, neue entstehen, Menschen müssen um- und dazulernen. Mit Corona änderten sich viele Arbeitsweisen zudem grundlegend. Die Personalvorständin Rückert-Hennen, lobt eine EnBW-Sprecherin, kümmere sich seit ihrem Amtsantritt 2019 „erfolgreich um die langfristige, strategische Planung der gesamten Personalentwicklung“.

Dabei stützt sich die Juristin eng auf die Sozialpädagogin Knill, die sie zum Energiekonzern mitbrachte. Zuvor hatten die beiden schon jahrelang Seite an Seite gearbeitet: erst beim Reiseveranstalter Thomas Cook, dann beim Modulhersteller Solarworld. Der Erfolg der einen sei untrennbar mit dem der anderen verknüpft, heißt es in Karlsruhe. Doch der Bereichsleiterin weht der Wind zunehmend ins Gesicht – und das nicht nur, weil Veränderung stets auf Widerstände stößt, sondern besonders wegen ihres robusten, als wenig empathisch empfundenen Führungsstils.

Dürftige Bewertung von den Mitarbeitern

Dabei weiß Knill eigentlich, worauf es ankommt. „Der Mensch im Mittelpunkt“ lautet ihre und auch Rückert-Hennens Devise, wie sie auf der EnBW-Internetseite erläutert. Die Transformation des Konzerns könne nur gelingen, wenn man die Mitarbeiter dafür gewinne; sie müssten diese mittragen, mitgestalten und letztlich umsetzen. Daher sei die Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen „nicht nur eine Phrase, sondern ernst gemeint“. Gerne erläutert Knill – Pagenschnitt, große Brille, entschlossene Miene – auch in Foren und Fachbeiträgen, wie sie die Transformation angeht. Etwa mit dem Programm „Best Work“: Tausend Teams sollen dabei selbst herausfinden, wie sie am besten zusammenarbeiten.

Der Mensch im Mittelpunkt – für viele EnBW-ler klingt das wie Hohn. Von Wertschätzung, Respekt und Anerkennung spüren sie wenig. Wie ein „Bulldozer“ pflüge Knill durch den Konzern, heißt es, statt mitgenommen fühlten sich viele Beschäftigte überrollt. Selbst im eigenen Bereich soll die Personalchefin bei der jüngsten Mitarbeiterumfrage weit unterdurchschnittliche Bewertungen erhalten haben. Doch schlechte Noten in puncto Führung blieben ohne Konsequenz, dort wie auch anderswo.

Masterarbeit registriert geringes Vertrauen

Zuletzt kursierte eine Masterarbeit im Konzern, die dem Personalbereich ein kritisches Zeugnis ausstellte. Die Autorin untersuchte darin Möglichkeiten zur internen Entwicklung von Beschäftigten und führte etliche Interviews. Sie ging unter anderem der Frage nach, warum sich Stellensuchende nicht an die Personalabteilung wendeten. Ihr Verdacht: Es bestehe offenbar „kein ausreichendes Vertrauensverhältnis“. Nach dem Eindruck von Beschäftigten habe der Personalbereich „nicht primär das Mitarbeiterwohl, sondern die Verfolgung von Business-Interessen im Blick“.

Auch beim Betriebsrat soll Knill wiederholt Irritationen ausgelöst haben – etwa mit ihren Plänen für eine neue, „agile“ Organisationsform. Viele fragen sich, ob diese wirklich zur EnBW passe; die bewährten Spartenstrukturen fielen dann weg. Es muss einiges zusammengekommen sein, bis sich die Arbeitnehmervertreter direkt an Konzernchef Schell wandten. Näheres dazu will weder das Unternehmen noch der Betriebsrat verraten. Zu internen Personalangelegenheiten könne man aus Gründen des Datenschutzes, aber auch der Fürsorgepflicht nichts sagen, erklären sie unisono. Schell scheint die Beschwerden aber ernst zu nehmen und gründlich zu prüfen. Knill selbst wollte sich nicht äußern.

„Wohlfühlzone“ als Ziel definiert

Beim Arbeitgeberportal Kununu wird der Bereich Karriere und Weiterbildung bei der EnBW übrigens am schlechtesten bewertet; die beste Note gab es für den Kollegenzusammenhalt. Mit einem Gesamtwert von 3,9 und einer Weiterempfehlungsquote von 86 Prozent komme man „im Vergleich zum Wettbewerb auf sehr gute Zahlen“, betont die EnBW-Sprecherin. Die Masterarbeit habe für das Unternehmen „keine neuen Erkenntnisse“ gebracht. Schon zuvor sei die Notwendigkeit erkannt worden, den Personalbereich weiterzuentwickeln. Und Knills Reizbegriff „Wohlfühlzone“ interpretiert der Energiekonzern ganz unverfänglich: Wie bei jedem Arbeitgeber sei es auch das Ziel der EnBW, „dass sich unsere Mitarbeiter:innen bei uns auch wohlfühlen“.

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