Die Sprengung des Rumpfparlaments in Stuttgart beschäftigte auch die ausländische Presse. Die französische Zeitung „L’Illustration“ widmete dem Ereignisse das Titelblatt in der Ausgabe vom 30. Juni 1849. Foto: Stadtarchiv Stuttgart 9050 Dokumentation historisches Bild 08947
„Die Anfänge der Demokratie in Deutschland liegen nicht nur in der Frankfurter Paulskirche, sondern auch in Stuttgart“, erklärt das Stadtarchiv. Gemeint ist das sogenannte Rumpfparlament, der demokratische Restbestand der Frankfurter Nationalversammlung. Vor 175 Jahren tagte es in Stuttgart – ohne Happy End.
Wie unscheinbar ein Ort ist, sagt nichts darüber aus, welche Bedeutung er einmal hatte. Ein gutes Beispiel dafür ist die Leuschnerstraße im Stuttgarter Hospitalhofviertel, die einmal Kasernenstraße hieß. Das Auffälligste am heutigen, schlichten Straßenbild sind ein Plattenladen und das zur Liederhalle hin angrenzende Grün.
Reist man in der Geschichte 175 Jahre zurück, bietet sich an dieser Stelle ein ganz anderes, dramatisches Bild. Es ist der 18. Juni 1849, als württembergische Soldaten am Morgen das sogenannte Fritzsche Reithaus in eben jener Kasernenstraße besetzen, um den verbliebenen 145 Abgeordneten der Nationalversammlung, die bereits einmal in dem Gebäude getagt haben, den Zugang zu verwehren. 99 von ihnen entschließen sich daraufhin zu einem Demonstrationszug.
Michael Kitzing, Historiker und Politikwissenschaftler, beschreibt die Szene in einem aktuellen Beitrag für das digitale Lexikon des Stuttgarter Stadtarchivs folgendermaßen: „Auf Anregung von Ludwig Uhland zogen die Abgeordneten unter Führung ihres Präsidenten Wilhelm Loewe-Calbe, Uhlands und Albert Schotts trotz Verbots um 15 Uhr zur Fritzschen Reithalle.“ Im Bereich der heutigen Leuschnerstraße 15 wurden sie „durch württembergisches Militär mit angedeuteten Säbelhieben versprengt, nachdem zuvor Präsident Loewe-Calbe durch Trommelwirbel daran gehindert worden war, eine Erklärung abzugeben“.
Mit gezückten Säbeln gegen die demonstrierenden Abgeordneten
Bildlich festgehalten ist das Geschehen auf dem Titelblatt der französischen Zeitung „L’Illustration“ vom 30. Juni 1849 und in einer Buchillustration von 1893. Zu sehen sind württembergische Dragoner, die mit gezückten Säbeln ein Häuflein Abgeordneter auseinandertreiben. Was nicht zu sehen ist, beschreibt Michael Kitzing in seiner Rückschau: „Anschließend demolierte das Militär das Mobiliar in der Fritzschen Reithalle, während sich die Abgeordneten ins Hotel Marquardt zurückzogen, wo sie ein Protokoll über den als Sprengung des Rumpfparlaments in die Geschichte eingegangenen Vorgang erstellten.“
Das damalige Hotel Marquard in der Königstraße. An dieser Stelle steht heute der Marquardbau Foto: Stadtarchiv Stuttgart /9050 Dokumentation historisches Bild 06684
Rumpfparlament – das ist der spöttische Ausdruck für die Reste der mit großen Hoffnungen gestarteten Frankfurter Nationalversammlung, die aus der Märzrevolution 1948 hervorgegangen war. Unter dem Druck der Demokratiegegner beschloss das durch den Abzug der Abgeordneten Österreichs, Preußens, Sachsens und Hannovers bereits stark geschrumpfte, ursprünglich 587 Mitglieder zählende Parlament am 30. Mai 1949 nach Stuttgart auszuweichen. Als Alternative stand Heidelberg im Raum.
Angesichts des Aufstands in Baden und der Flucht des Großherzogs wollte man sich durch einen Umzug auf badisches Gebiet nicht zusätzlich angreifbar machen und gab Stuttgart den Vorzug. Immerhin war Württemberg mit Wilhelm I. das einzige Königreich, das die von der Nationalversammlung am 28. März 1849 verabschiedete Reichsverfassung akzeptierte – auch dank des liberal gesinnten württembergischen Justizministers Friedrich Römer, der selbst der Nationalversammlung angehörte und deren Fortbestand sichern wollte.
Vergebliche Versuche, die Reichsverfassung durchzusetzen
Die Abgeordneten hatten zuvor schwere Rückschläge hinnehmen müssen. Preußens König Friedrich Wilhelm IV., der nach einem Mehrheitsbeschluss an der Spitze des zukünftigen kleindeutschen Nationalstaates stehen sollte, hatte Verfassung und Kaiserkrone abgelehnt. Auch mit dem anschließenden Versuch, die Reichsverfassung „von unten“ durch eine Volksbewegung zu verankern, war die Nationalversammlung nicht durchgedrungen. Erschwert wurde ihre Position zusätzlich durch die Aufstände in Sachsen, der Pfalz und in Baden. Am 19. Mai hatte die Nationalversammlung zudem erklärt, die amtierende Regierung des Deutschen Reichs, die provisorischen Zentralgewalt, absetzen zu wollen, weil sie die Durchsetzung der Reichsverfassung nicht unterstützte. Ein Schritt, der weitere Abgeordnete zum Rückzug veranlasste. Lediglich drei demokratische Fraktionen und einige fraktionslose Parlamentarier, darunter der Dichter Ludwig Uhland, hielten an dem ursprünglichen Anspruch fest – nun von Stuttgart aus.
Auf die feierliche Begrüßung folgt Ernüchterung
Der Versuch währte allerdings nur zwei Wochen. Verlief die Begrüßung in der Stadt und der Auftakt im Halbmondsaal des Landtags in der Kronzprinzstraße am 6. Juni 1849 noch feierlich, setzte bereits am selben Tag Ernüchterung ein. Justizminister Römer, der das Gastrecht im Landtag erwirkt hatte, lehnte – wie die württembergische Regierung insgesamt – den Beschluss der Nationalversammlung ab, die provisorische Zentralgewalt durch eine fünfköpfige Reichsregentschaft zu ersetzen. Für die Abgeordneten schloss sich der Halbmondsaal, dessen Innenleben der Stuttgarter Historiker Frank Heinz im Blog des Stadtarchivs jüngst präzise beschrieben hat, daraufhin wieder.
Der 1819 eröffnete und im Zweiten Weltkrieg zerstörte Halbmondsaal des alten Landtags. Der Lange Bau, der den Saal beherbergte, stand in der Kronprinzstraße. Foto: Stadtarchiv Stuttgart/ 9050 Dokumentation historisches Bild 02491
In der Folge wirkten die Mitglieder des Rumpfparlaments auch in Stuttgart wie Getriebene. Sechs Zusammenkünfte an vier verschiedenen Orten sind zwischen dem 6. und dem 18. Juni dokumentiert: zwei im Landtag in der Kronprinzstraße, eine in der Bierhalle August-Kolb in der Militärstraße 38 (heute Breitscheidstraße), eine im Fritzschen Reithaus in der Kasernenstraße 15 (Leuschnerstraße) und ein letztes Treffen des „wackeren Dutzend“, des letzten demokratischen Aufgebots, im Hotel Marquardt in der Königsstraße 35 und 37.
Am Tag vor der Auflösung des Rumpfparlaments am 18. Juni hatte Justizminister Römer Parlamentspräsident Loewe-Calbe wissen lassen, „dass die württembergische Regierung sich in der Lage befindet, das Tagen der hierher übersiedelten Nationalversammlung (. . .) nicht mehr länger dulden zu können“. Damit war das Ende des demokratischen Rest- und Kernbestandes der Nationalversammlung besiegelt und somit auch des ersten Versuchs, eine Demokratie in Deutschland zu etablieren.
Die „Revolutionserinnerung“ lässt zu wünschen übrig
Haben die Abgeordneten zu viel gewollt und damit das jähe Ende der Nationalversammlung in Stuttgart selbst mit herbeigeführt? Der Heidelberger Historiker Frank Engehausen, der im vergangenen Jahr eine Gesamtdarstellung zur 48er Revolution („Werkstatt der Demokratie“) veröffentlicht hat , wirbt dafür, die Ereignisse nicht nur vom Ende her zu betrachten. Die Mitglieder des Rumpfparlaments hätten ihre Wirkungsmöglichkeiten zwar deutlich überschätzt, jedoch „die demokratische Fahne hochgehalten“ und Haltung bewiesen.
Engehausen würde die „Untergangsperspektive“ gerne um eine Aufbruchsperspektive ergänzt sehen. Vor allem wünscht er sich eine lebendigere „Revolutionserinnerung“. Die damaligen Abgeordneten hätten es verdient, stärker beachtet und gewürdigt zu werden. Durch ihre mutige demokratische Haltung hätten sie vielfach ihre berufliche Existenz riskiert.
Die Erinnerungstafel in der Leuschnerstraße l Foto: Jan Sellenr
„Dass man ihre Namen nicht mehr kennt, ist der Effektivität der Restauration geschuldet“, meint der Heidelberger Historiker: „Die demokratische Gegenelite wurde aus der Geschichte verdrängt.“ Umso wichtiger sei es, an Demokraten wie Karl Vogt zu erinnern, den kurzzeitigen „Außenminister“ der fünfköpfigen Reichsregentschaft: „Diese Leute hätten Deutschland gutgetan“, sagt Engehausen. Stattdessen seien viele notgedrungen ins Exil gegangen. Auch Akteure wie Friedrich Römer hätten mehr Beachtung verdient. Den liberalen Justizminister, der die Nationalversammlung in Stuttgart erst beherbergte und sie dann auflöste, nennt Engenhausen eine „tragische Figur“. Er habe jedoch erhebliche Verdienste um die weitere politische Entwicklung in Württemberg.
Bemühungen um einen „Platz der Demokratie“ in Stuttgart
Zur „Revolutionserinnerung“ gehören auch Orte. „Stuttgart hat in der Endphase der Revolution eine große Bedeutung gehabt“, betont der Heidelberger Historiker. Die Stadt könne stolz sein auf ihre demokratische Tradition, auch „wenn sich damals keine schützende Menschenkette um die Abgeordneten“ gebildet hätte.
Diese Bedeutung spiegelt sich im Stadtbild allerdings nicht wider. Am Marquardbau, dem Nachfolgebau des Hotel Marquard, und damit dem einzigen erhaltenen Schauplatz von einst, erinnert bis heute nichts an die demokratischen Ursprünge. Lediglich in der Leuschnerstraße findet sich ein Lebens- oder Erinnerungszeichen in Form einer Tafel. In knappen Worten erinnert sie an die Zerschlagung des Rumpfparlaments.
Immerhin gibt es Bemühungen, die wegweisenden politischen Ereignisse von vor 175 Jahren ins öffentliche Bewusstsein zurückzuholen. Der Stuttgarter SPD-Stadtrat Michael Jantzer wirbt im Gemeinderat für einen „Platz der Demokratie“, den er gerne in der Fußgängerzone in der Kronprinzenstraße verwirklicht sähe – dort, wo einst der Landtag mit dem Halbmondsaal stand.
Parallel dazu will das Forum Hospitalviertel mit seinem Vorsitzenden Eberhard Schwarz erreichen, dass an der Leuschnerstraße ein Platz an die Stuttgarter Zeit der Nationalversammlung erinnert – als Teil eines größeren Demokratieprojekts. Schwarz kann sich eine „Achse der Demokratie“ vorstellen, die die ehemaligen Stuttgarter Schauplätze miteinander verbindet. Es wäre eine Achse des Guten.
Veranstaltungen
Stadtrundgänge Anschließend des 175-Jahr-Jubiläums des Stuttgarter Rumpfparlaments lädt das Stadtarchiv am Sonntag, 9. Juni, um 15 Uhr zu einem Stadtrundgang ein unter dem Titel „Stuttgart 1849 – Auf den Spuren von Demokratie und Rumpfparlament “. Treffpunkt ist das Rathaus, Eingang Marktplatz. Am Donnerstag, 11. Juli, 18 Uhr, finden zum selben Thema Spaziergänge mit dem digitalen Stadtlexikon statt. Treffpunkt ist ebenfalls das Rathaus. Teilnehmer werden gebeten, ein Smartphone oder Tablet mitzubringen.
Vortrag Am Dienstag, 11. Juni, beschäftigt sich ein Vortrag im Stadtarchiv im Bellingweg 21 mit der Rolle des liberalen Abgeordneten und württembergischen Justizministers Friedrich Römer. Auf Veranlassung dieses Vorkämpfers für Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit übersiedelte die Nationalversammlung 1849 von Frankfurt nach Stuttgart. Auf seine Veranlassung hin wurde sie zwei Wochen später vom württembergischen Militär gewaltsam aufgelöst. Es spricht Michael Kitzing, Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Chemnitz und Autor des Beitrags im digitalen Lexikon des Stadtarchivs über das Stuttgarter Rumpfparlament. jse