Rundfunk Dann gibt’s was auf die Ohren

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„Radioretter“ wollen das Kulturangebot der ARD schützen. Auch der SWR 2 könnte ein Fall für sie werden, denn das Kulturprogramm ist gefährdet.

Nicht nur im Studio ist höchste Konzentration gefordert: Radiohörer sind belastbarer, als mancher Intendant denkt. Foto: Steinert
Nicht nur im Studio ist höchste Konzentration gefordert: Radiohörer sind belastbarer, als mancher Intendant denkt. Foto: Steinert

Baden-Baden - Die Ingenieurin Petra Bohr aus Karlsruhe ist die 17 938. Unterzeichnerin der „Radioretter“-Resolution im Internet – und war damit am Mittwochmittag dieser Woche die vorerst letzte. Ihr aber werden sicher noch weitere „Radioretter“ folgen. Denn auch den Kunstfreunden bietet das World Wide Web eine neue Dimension der Protestkultur.

Ursprünglich richtete sich der „Offene Brief“ einer Reihe mehr oder weniger prominenter Radiohörer (darunter die Autoren Günter Wallraff, Navid Kermani und Richard David Precht) nur gegen geplante Veränderungen im Programm von WDR 3, der öffentlich-rechtlichen Kulturwelle aus Köln. Längst hat die Aktion aber überregionale Bedeutung erlangt: Die „Radioretter“ wollen das Kulturangebot der ARD-Sender insgesamt schützen – vor allen Versuchen, aus anspruchsvollen Kulturprogrammen, wie sie es sehen, „biedere Klassikradios“ zu   machen: „Die all­mähli­che Zu­rich­tung ei­nes an­spruchs­vol­len Kul­tur­pro­gramms in ein leicht kon­su­mier­ba­res Häpp­chen­an­ge­bot (,Kul­tur to go‘) ist nicht nur schäd­lich, son­dern ge­schei­tert.“

Es gibt eine gute Nachricht: Jede der neun ARD-Landesanstalten bietet den Hörern auch weiterhin mindestens eine im weitesten Sinne kulturell geprägte und daher als „anspruchsvoll“ eingestufte Hörfunkwelle. Die schlechte Nachricht lautet allerdings, dass diese Kulturwellen schon jetzt senderintern unter enormem Kosten- und Rechtfertigungsdruck stehen und dieser Druck angesichts langfristig vermutlich sinkender Gebühreneinnahmen noch zunehmen wird. Denn an einem Kulturprogramm mit Magazinen, Hörspielen, Features, Debatten, Lesungen und anspruchsvollen Musiksendungen sind naturgemäß weitaus mehr Redaktionen und Mitarbeiter beteiligt als an einer 24-Stunden-Popwelle, die nur gelegentlich von kurzen Nachrichten, Telefongesprächen oder Comedy-Happen unterbrochen wird. Der SWR-Intendant Peter Boudgoust will bis 2020 im Etat seines Hauses 15 Prozent einsparen – für die Kulturwelle SWR 2 sieht er unter besagten Umständen ein überproportionales Sparziel von 25 Prozent vor.

Die Aufgaben sind „ebenso sportlich wie selbstbewusst“

Rund 21,5 Millionen Euro nennt SWR-2-Programmchef Johannes Weiß als jährliche Kosten für fest angestellte Redakteure, freie Mitarbeiter, Autoren und Produktionen – für ein Programm, dessen 300 000 Hörer zweifellos nur einen sehr kleinen Teil von den rund 8 Millionen SWR-Radiohörern insgesamt ausmachen. Doch der Wellenchef in Baden-Baden sieht seine Aufgabe „ebenso sportlich wie selbstbewusst“: „SWR 2 bleibt auch in Zukunft ein Kultur-Vollprogramm für anspruchsvolle Hörer. Und wo immer wir sparen werden, ganz sicher nicht an der Qualität.“

So oder so ähnlich lauteten allerdings auch die Devisen bei NDR, MDR und RBB – drei ARD-Anstalten, die ihre Kulturwellen schon vor Jahr und Tag zu „durchhörbaren Tagesbegleitprogrammen“ im Magazinstil umgestaltet haben. Das Musikprogramm besteht dort vorwiegend aus einzelnen kurzen Konzertsätzen von Spätbarock bis früher Klassik, die Wortbeiträge sind kurz und „nutzwertorientiert“, beziehen sich also beispielsweise auf aktuelle Veranstaltungen oder populäre Bücher – im Grunde ein Konzept, das der Privatsender Klassik Radio seit seiner Gründung in den achtziger Jahren ganz ohne GEZ-Gebühren betreibt. Bei Radio Berlin-Brandenburg klingt die Selbstbeschreibung so: „Klassik rund um die Uhr, mit Anregungen für Geist, Seele und Ohr. Kulturradio begleitet durch den Tag – mit Informationen aus dem Kulturleben und Empfehlungen für Theater, Konzerte, Lektüre und Event.“ Ob die Hörerzahlen in Hamburg, Berlin oder Leipzig so wirklich gesteigert werden konnten, darüber streiten die Gelehrten – ermittelt werden diese zweimal im Jahr durch mehr oder weniger zufällige Telefonumfragen eines Meinungsforschungsinstituts.

Auf der anderen Seite des Kulturwellenspektrums rangieren zweifellos der WDR und der Bayerische Rundfunk. Beide Häuser leisten sich neben den populären Programmen eine komplette Wortwelle (WDR 5 und Bayern 2) und eine Klassikwelle (WDR 3 und Bayern 4). Das schafft klare Orientierung für den Hörer: Die aktuelle politische Berichterstattung, Hörspiele, Ratgeber und Essays findet er in dem einen, komplette Konzerte, Musikmagazine und Kulturkritiken in dem anderen Programm. Alles, was er selbst tun muss, ist, je nach Tagesform hin- und herzuschalten.

Das deutschsprachige Kulturangebot ist reich und vielfältig

Diese Aufspaltung ist dem SWR aufgrund der Frequenzverteilung nicht möglich. SWR 2 ist ebenso wie HR 2 und das zweite Programm des Saarländischen Rundfunks weiterhin der Versuch, „alles in einem“ zu bieten, wie Johannes Weiss erläutert, „vom aktuellen Korrespondentenbericht aus Kairo am Morgen über die Buchvorlesung in Fortsetzungen mit Martin Walser am Nachmittag bis zum großen RSO-Livekonzert am Abend“. Zwar werde es auch hier immer wieder Veränderungen geben: „Gerade beraten wir über eine Neugestaltung des Programms am Samstagnachmittag. Da sind wir, obwohl viele Menschen auch längere Zeit zum Zuhören haben, im Moment noch sehr kleinteilig.“ Aber die Betonung liege auch hier auf „Zuhören, nicht Durchhören“.

Die SWR-2-Hörer werden es mit Sicherheit aufmerksam verfolgen. Der Erfolg der „Radioretter“ zeigt: Kulturfreunde mögen eine Minderheit sein, aber sie wissen sich offensichtlich wortstark Gehör zu verschaffen. Und die Konkurrenz für die regionalen Kulturprogramme wird immer stärker: Der Deutschlandfunk aus Köln und das Deutschlandradio Kultur aus Berlin bieten zwei ebenfalls öffentlich-rechtliche anspruchsvolle Vollprogramme, die an Qualität und Abwechslung kaum Wünsche offenlassen. Woran es mangelt, ist höchstens der regionale Bezug.

Summa summarum? Im internationalen Vergleich ist das deutschsprachige Kulturangebot weiterhin reich und vielfältig (wie auch unsere neue Serie „Radioperlen“ zeigen wird, die heute auf dieser Seite beginnt). Doch die Sorge der Kulturhörer ist groß – und nachvollziehbar: das Einsparvorbild des NDR lässt wenig Gutes hoffen. In der Zeit, da dieser Artikel geschrieben wurde, wuchs die Zahl der „Radioretter“-Unterzeichner übrigens auf 17 941. Vorläufiges Schlusslicht ist nun der Grafiker Albrecht Hahn aus Sindelfingen.