Einen harten Stand hatten die Gemeinderäte, die sich am Dienstagabend mit den Windkraftgegnern aus dem Böblinger Stadtteil Diezenhalde trafen. Im Waldstück zwischen Diezenhalde und Maurener Tal könnten bis zu sechs Windräder gebaut werden, jedes höher als der Stuttgarter Fernsehturm. Zwei davon auf Böblinger Markung, zwei auf Holzgerlinger Markung und zwei in Ehingen. Der Initiative „Lebenswertes Böblingen“ sind die Anlagen zu groß und zu gewaltig, das Wort von einer „Horizontverschmutzung“ machte die Runde.
Die Gegner haben Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der Anlagen, und die für die Anlagen notwendige Rodung von Waldflächen ist der Bürgerinitiative zu umfangreich. Denn es gehe, so ihr Argument, nicht um die 25 mal 25 Meter Fläche für das Fundament eines Windrades, sondern auch um die Rodungen für die Zufahrtswege, die Rodungen beim Bau der Anlagen und mögliche Nivellierungen im Gelände, das, so ein Vertreter der Bürgerinitiative „im wahrsten Sinne plattgemacht“ werden müsse.
Ein kommunales Schwergewicht
Die Diezenhalde in Böblingen ist mit ihren 9000 Einwohnern sicherlich ein Schwergewicht in der kommunalen Wählerschaft, die am 9. Juni zu den Urnen schreiten wird. Deswegen waren Vertreter aller Listen gekommen, um ihre Standpunkte klar zu machen. Heiko Haupenthal der Sprecher von „Lebenswertes Böblingen“ fasste die Diskussion nach knapp drei Stunden so zusammen: Die Bürger für Böblingen, die FDP, die Linke und die AfD sind gegen die Windräder in der Nähe der Diezenhalde, die SPD, und die Grünen sind dafür, die Freien Wähler und die CDU noch nicht eindeutig. Dem widersprach niemand, allerdings machten die Fraktionen klar, dass bei ihnen kein Fraktionszwang herrsche und jeder Gemeinderat nach seinem Gewissen entscheiden könne.
Der Tagungsraum im Neuberth am See war zu klein, um die mindestens 150 Bürger aufzunehmen, die zum Gespräch gekommen waren. Wenn man es denn Gespräch nennen will. Die Diskussion war ruppig, aggressiv, teilweise beleidigend, immer laut mit ständigen Zwischenrufen, gegen die sich meist gegen die Vertreter des Gemeinderates richteten, egal welcher Couleur, und auch gegen die Befürworter der Windkraft im Publikum.
Mit Argumenten kein Durchkommen
„Wenn Sie mich anschreien wollten, dann können Sie mich draußen anschreien“, sagte Thorsten Breitfeld, der Sprecher der CDU-Gemeinderatsfraktion, „aber wir wollen uns hier weiter unterhalten.“
Weil es eine Wahlkampfveranstaltung war, versuchten die Kandidaten auch Teile ihres Wahlprogramms an den Mann zu bringen, doch ging das oft schief. Die Stadtpfarrerin Gerlinde Feine (SPD) etwa hatte sofort den Saal gegen sich, und damit kamen ihre Argumente für die Windräder auch nicht mehr durch. Sie hatte sich zusammen mit dem Gemeinderat große Anlagen vor Ort angeschaut und war dort zu der Einsicht gekommen, dass die Windräder eben nicht übermäßig laut seien, und die Beeinträchtigung der Natur eben nicht übermäßig groß sei. Doch wurden diese Argumente in den hinteren Reihen des Tagungssaals überhaupt nicht mehr wahrgenommen und durch ständigen Zwischenrufen gestört.
In diesen Reihen des Publikums wurde diese Meinung laut: Statt Windräder sollte man Atomkraftwerke bauen, die in der Mehrheit der EU-Staaten als klimafreundliche Stromerzeugung gelten würden. Vor allem sei es ein Fehler gewesen, in Deutschland die restlichen Atomkraftwerke abzuschalten, wie es die Ampel-Regierung unternommen hatte.
An diesem Abend waren nicht nur Fragen an die ehrenamtlichen Lokalpolitiker zugelassen, sondern auch Meinungen. Man merkte, dass vor allem die Beeinträchtigung des Naherholungsgebietes die Bürger in Rage brachte. Ein Bürger sagte, „dieser Wald gibt mir Kraft für die Seele“. Ein Kritiker befürchtete, er könne winters nicht mehr im Wald spazieren, wenn der Eisschlag von den Rotorblättern falle, ein anderer Bürger sagte, die Schatten der Windräder würden im Winter, wenn die Sonne tiefer stehe, bis in die Böblinger Innenstadt reichen. Mehrere Bürger befürchteten, dass die Immobilienpreise sinken würden und die Bürger der Diezenhalde auf diese Weise Millionenbeträge verlieren würden. „Was tun wir, wenn ein Windrad brennt, und ein abgestürztes brennendes Rotorblatt im Wald den Zufahrtsweg der Feuerwehr blockiert?“, fragte ein Mann.
Nach diesen Aussagen kippte die Stimmung immer mehr gegen den Gemeinderat, dem Unlauterkeit und Unkenntnis unterstellt wurde. Dabei ist das Gremium nur für einen Teil der Planung verantwortlich. Über die Flächen beschließen wird nicht der Rat, sondern die Regionalversammlung. Obwohl man an diesem Abend den Eindruck gewinnen konnte, der Bau der Windräder stehe kurz bevor, fehlen noch Zwischenschritte.
Sind die Gebiete beschlossen, obliegt es den Räten der drei beteiligten Kommunen, einen Investor auszuwählen, der die Windräder errichtet. Dann können die Kommunen die benötigten Flächen verpachten. Der Investor wird zunächst Windmessungen vornehmen, erst dann wird er entscheiden, ob sich die er Bau von Windrädern lohnt.