Russland Niedrige Corona-Todesrate wirft Fragen auf

Von red/AP 

Eine andere Erfassung, schnelle Beschränkungen, Millionen Tests und gut gerüstete Kliniken: So erklärt Russland, warum die Todeszahlen in der Corona-Krise vergleichsweise niedrig sind. Die Statistiken werden dennoch mit Skepsis betrachtet.

Wie steht es um das Coronavirus in Russland? Foto: dpa/Dmitri Lovetsky
Wie steht es um das Coronavirus in Russland? Foto: dpa/Dmitri Lovetsky

Moskau - Als der Vater von Leonid Schlikow im Mai nach elf Tagen Beatmung in einem Moskauer Krankenhaus starb, war seine Corona-Infektion auf dem Totenschein nur als Begleitumstand zu lesen. Als Todesursache wurde das Coronavirus nicht gezählt. Der Sohn sieht das anders: „Ja, er litt an eingeschränkter Nierenfunktion und Diabetes, aber ohne Covid-19 würde er noch leben“, erklärte Schlikow auf Facebook. Hätte die Familie das wahre Ausmaß der Infektionen und Todesfälle gekannt, hätte sie den Vater wohl früher ins Krankenhaus gebracht, sagte er mit Blick auf Russlands Statistiken.

Die offizielle Zahl der Corona-Toten steht bei etwa 7000. Mit seinen rund 530 000 gemeldeten Infektionen liegt Russland nur hinter den USA und Brasilien zurück - und dort sind die Todeszahlen um ein Vielfaches höher. In den USA stehen diese weit über 100 000, in Brasilien bei über 40 000. Dafür dürfte es mehrere Gründe geben, doch die enorme Diskrepanz lässt Spekulationen über mögliche Manipulationen Raum.

Kritiker haben angedeutet, dass die russische Regierung mit den niedrigen Todeszahlen den Ausbruch aus politischen Gründen herunterspielen könnte. Und ein ranghoher Vertreter der Weltgesundheitsorganisation sprach zumindest davon, dass die niedrige Zahl „sicherlich ungewöhnlich“ sei. Die russischen Behörden weisen jeden Verdacht weit von sich. „Wir haben nie die offiziellen Statistiken manipuliert“, betonte Vizeministerpräsidentin Tatjana Golikowa.

Vermutlich hohe Dunkelziffer in vielen Regionen

Die tatsächlichen Zahlen zu ermitteln, ist schwierig. In verschiedenen Ländern werden Todesfälle anders gezählt, von der vermutlich hohen Dunkelziffer in vielen Regionen ganz zu schweigen. Zur niedrigen Zahl der Corona-Toten in Russland dürfte stark beitragen, dass anders als anderswo genau zwischen Tod mit und durch das Coronavirus unterschieden wird. Bei jedem bestätigten oder vermuteten Covid-19-Fall sei nach dem Ableben eines Patienten eine Autopsie vorgeschrieben, erklärt die Pathologin Natalia Belitschenko, die für die Region um Sankt Petersburg zuständig ist. Fast täglich habe sie solche Todesfälle. Doch nur etwa 20 Prozent seien der Ursache Covid-19 zugeschrieben worden. In den anderen Fällen sei die Corona-Infektion als Zusatzerkrankung erfasst worden. „In den allermeisten Fällen hätte die Lungenentzündung selbst nicht zum Tode geführt, wenn die Vorerkrankungen nicht so stark durchgeschlagen hätten, dass sie tödlich wurden“, erklärt Belitschenko.

Dagegen gebe es Länder, deren Statistik auch Patienten erfasse, die eine Corona-Infektion hatten, aber an anderen Ursachen starben, sagt Michael Ryan, WHO-Exekutivdirektor für Notfallprogramme. In beide Richtungen schwingt also das Pendel.

Verzögerungen bei der Erfassung der Toten?

Ali Mokdad von der Universität Washington hat beobachtet, dass zumindest anfangs vielerorts andere Todesursachen angegeben worden seien, weil gar nicht auf eine Corona-Infektion getestet wurde. Teils seien auch nur die Toten in Krankenhäusern erfasst worden. Auf der anderen Seite hätten manche Länder eher „überberichtet“, indem sie Fälle als Corona-Tote meldeten, bei denen eine Infektion lediglich angenommen wurde.

Russlands niedrigere Zahlen könnten nach Ansicht des Demografen Alexej Rakscha ferner auf Verzögerungen bei der Erfassung der Toten und bei der Datenübermittlung zurückzuführen sein, auf relativ geringe Reisebewegungen in Teilen des riesigen Landes und auf eine Lebenserwartung, die unter den westlichen Staaten liegt. Damit sei auch die Zahl der älteren und häufiger durch Vorerkrankungen geschwächten Menschen geringer.

Die Behörden führen außerdem frühe Quarantänemaßnahmen und eine schnelle Ausweitung der Krankenhauskapazitäten an, Todesfälle seien so vermieden worden. Zudem hätten rund 14 Millionen Tests dazu beigetragen, Infizierte ohne Symptome zu entdecken, die sonst nicht gefunden worden wären und die die Krankheit hätten weitertragen können.

Datenanalysten sehen Angriffspunkte in den Zahlen

Nichtsdestotrotz: Russland hat die Angewohnheit, gerne unangenehme Wahrheiten zu verschleiern, wie Judy Twigg sagt, Professorin der Virginia Commonwealth University und Expertin für internationale Studien. Auch Pathologen verrieten der Nachrichtenagentur AP hinter vorgehaltener Hand, dass sie von den Krankenhausverwaltungen unter Druck gesetzt würden, den Behörden genehme Berichte zu schreiben. Anfragen und Anweisungen, bestimmte Todesursachen zu verdecken, seien „ein unausweichlicher Teil unseres Jobs“, sagte ein Pathologe in Sibirien unter der Voraussetzung, dass sein Name nicht genannt würde.

Auch Datenanalysten sehen Angriffspunkte in den Zahlen. So gebe es Regionen, die mehrere Tage hintereinander exakt die gleichen Infektionszahlen meldeten. Oder die Daten der Regionen und der Zentralregierung wichen voneinander ab. „Ich traue den offiziellen Statistiken nicht“, sagt Boris Owtschinnikow, Direktor der Moskauer Forschungsgruppe Data Insight. „Und ich glaube, ich habe guten Grund dazu.“

Beobachter stolperten auch über Meldungen aus der Region Altai in Südsibirien, in denen Zahlen an den Gouverneur mit dem Zusatz „zur Freigabe“ versehen waren. Als dies in sozialen Netzwerken die Runde machte, wurde der Vermerk umgehend entfernt. Aus Lipezk in Südwestrussland sickerten Berichte durch, wonach der Gouverneur im Mai gemahnt haben soll, dass die Zahlen geändert werden müssten, weil „unsere Region sonst schlecht beurteilt wird“. Es habe ohne Zweifel Manipulationen an der Statistik auf regionaler Ebene gegeben, meint auch der Analyst Gleb Pawlowski. Das aber scheine auf „eigene Initiative“ passiert zu sein, erklärt der frühere Kreml-Berater.




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