Russland rüstet massiv auf So stark ist Russland wirklich

Drohnen prägen auch Russlands Aufrüstung: Im Bild ein Soldat der Drohnenabwehr der tschetschenischen Spezialeinheit Achmat in der Ukraine. Foto: Imago/SNA

Russland versetzt der Nato immer mehr Nadelstiche und rüstet massiv auf. Doch wie stark sind seine Streitkräfte tatsächlich?

Solche Vorfälle häufen sich: Cyberattacken gegen Infrastruktur, Unternehmen, militärische Einrichtungen. Flüge russischer Kampfjets und Drohnen über Gebiet oder Schiffe von Nato-Staaten. In immer dichterer Folge testet Europas mit Abstand stärkste Militärmacht die Verteidigungsbereitschaft, die Schwachstellen und vor allem die Entschlossenheit der westlichen Allianz.

 

Überraschend kommt das nicht. Präsident Wladimir Putin hat immer wieder betont, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sei im Kern gegen die Nato, ja gegen das westliche Gesellschafts- und Demokratiemodell gerichtet. Die ranghöchsten Soldaten vieler Bündnispartner, darunter der deutsche Generalinspekteur Carsten Breuer, haben in den vergangenen Monaten davor gewarnt, Russland könnte versucht sein, den Krieg über die Ukraine hinaus nach Mittel- und Westeuropa zu tragen.

2027 bis 2030 ist die Gefahr am größten

Angesichts der gewaltigen und nur langsam zu schließenden Lücken in den Arsenalen der europäischen Nato- und EU-Länder beziffern Experten aus Wissenschaft, Politik und Militär das Risiko für die Jahre 2027 bis 2030 als besonders hoch. Zumal Russland seine Aufrüstung mit aller Macht vorantreibt. Auch weil diese Rüstung weit über die Erfordernisse in der Ukraine hinausgeht.

„Seit einiger Zeit ist erkennbar, dass nur noch der kleinere Teil dessen, was die weitgehend auf Kriegswirtschaft umgestellte Ökonomie an militärisch Nutzbarem produziert, als Ersatz für die hohen Materialverluste in der Ukraine ankommt“, sagt Erhard Bühler, der bis 2020 das Alliierte Gemeinsame Truppenkommando der Nato im niederländischen Brunssum führte und heute Streitkräfte in mehreren europäischen Staaten berät. „Der große Teil geht in die neuen Strukturen.“

Die macht der Vier-Sterne-General außer Dienst vor allem bei der Westgruppe der russischen Streitkräfte in den Militärbezirken Kaliningrad und Moskau aus: „Da stellen sie sich mit insgesamt zwölf Heeresdivisionen plus Unterstützungskräften gerade neu auf.“ Zwar haben russische Divisionen mit rund 9000 Soldaten nur rund zwei Drittel der Größe vergleichbarer Nato-Verbände. Aber Putins Anordnung, die Streitkräfte von 1,13 Millionen auf 1,5 Millionen Soldaten zu vergrößern, umreißt die Dimension.

Finnland und Schweden, die jüngsten Nato-Partner, erleben den Aufbau quasi vor ihrer Haustür. Russland errichtet entlang der Grenze zu Finnland großflächig militärische Infrastruktur. „Sie bauen ihre drei Brigaden im Norden zu drei Divisionen aus“, so der finnische Heereschef Pali Valimäki zu unserer Zeitung. „An dem, was sie bauen, sehen wir: Das ist kein Etikettenschwindel. Sobald das Personal nach einem Ende des Ukraine-Kriegs dafür frei wird, werden diese Leute zu uns in den Norden kommen“, ist sich Valimäki sicher.

Im vergangenen Jahr investierte Russland 6,7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die angestrebte Überlegenheit über den Rest Europas, knapp 42 Prozent mehr als 2023, hat das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) in London errechnet. Kaufkraftbereinigt seien die Ausgaben höher als die aller anderen europäischen Länder zusammen.

Russlands Aufrüstung vollzieht sich in großen Teilen seines Arsenals. So berichtete das investigative US-Portal Dallas im Mai über erhebliche Investitionen in die strategische Bomberflotte und über erbliche Steigerungen der Produktion von Raketen und Marschflugkörpern. Ein russischer Militärblogger schrieb im August, der größte Panzerbauer Uralvagonzavod habe im vergangenen Jahr bis zu 300 Kampfpanzer des modernsten Typs T-90M hergestellt, 2022 seien es noch gut 60 gewesen. Außerdem stelle das Unternehmen gerade auf Rund-um-die-Uhr-Produktion um.

Im Mittelpunkt aber steht die Rüstung mit Drohnen. Kaum ein taktischer Anwendungsbereich, in dem die unbemannten Flugzeuge keine Hauptrolle spielen. Die Berichte häufen sich über neuartige optische oder thermische Sensorik, Verteilerplattformen wie das Roboterfahrzeug Dronobus oder Munition für Drohnen.

Schlafstätten für zigtausende Drohnenbauer

Auf der Basis amerikanischer Satellitenaufklärung berichtet der seriöse US-Think-Tank Institute for the Study of War, bei der Jelabuga Drohnenfabrik in Tatarstan seien bis Mitte Juli 104 Gebäude errichtet worden, die als Schlafstätten für rund 40000 Arbeiter identifiziert wurden. Der US-TV-Sender CNN und der Radiosender Radio Free Europe berichteten im Sommer über den Einsatz von Studenten aus Russland und aus zentralasiatischen Ländern beim Bau.

Die Schulbehörde hat kürzlich ein Lehrbuch für die Klassen Acht und Neun genehmigt. Der Inhalt: So steuere ich eine Drohne. Längst hat patriotisch-militärischer Unterricht wieder Einzug an Schulen gehalten, der an sowjetische Zeiten erinnert.

Auch im Militär soll eine Fortbildungsoffensive greifen. Das Verteidigungsministerium kündigte Ende Juli an, bis 2034 weitere 15 höhere Militärschulen – meist für neue Spezialisierungen – zu eröffnen.

Schwächen weist Russland allerdings genau dort auf, wo es um Menschen geht. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärft die Überalterung des Landes und die für ein hoch entwickeltes Land auffällig kurze Lebenserwartung bei Männern. Im Militär belegen die vielen Kriegsverbrechen in der Ukraine einen erheblichen Mangel an Disziplin. Nicht nur in regimekritischen Medien häufen sich Berichte über Vorgesetzte, die ihre Soldaten erpressen. Einschüchterung und Gewalt gehören zum Führungsstandard. Misstrauen prägt die Zusammenarbeit zwischen militärischen Dienststellen.

Schwachstellen in Russlands Rüstung

Das geht einher mit taktischen Mängeln. Nationalistische russische Militärblogger, unzufrieden mit dem Fortgang in der Ukraine, benennen sie offen. Erhard Bühler sagt: „Kräfte in einem Verbund zur Wirkung zu bringen und Lagen zu schaffen, aus denen man Größeres machen kann, gelingt den Russen selten. Es fehlt an Eigeninitiative der Kommandeure.“

Engpässe bei Panzerstahl oder bei Chips für den Bau weiterer Superkampfjets vom Typ Su-57 vermag Russland teilweise auszugleichen durch Unterstützung aus Nordkorea und vor allem aus China. Beim Faktor Mensch aber gilt: Masse soll es machen.

Außerdem verfügt das Land noch immer über die größte Zahl von Atomwaffen weltweit. Auch sie sind in die aktuelle Rüstungsoffensive einbezogen. Und Präsident Wladimir Putin verweist immer wieder auf seine Bereitschaft Massenvernichtungswaffen einzusetzen, wenn er das für notwendig erachtet

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