Russland-Ukraine-Krieg Auch Zustimmung zu Putin unter Pforzheims Russlanddeutschen

Auf dem Haidach leben viele Spätaussiedler auch aus Russland – derzeit wissen viele nicht mehr, was sie denken und sagen sollen. Foto: /Sebastian Gollnow

Im Stadtviertel Haidach in Pforzheim leben 4500 Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Manche halten zu Russlands Präsident Putin – aber mit dieser einfachen Aussage wird man der sehr gemischten Stimmung nicht gerecht.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Pforzheim - Im Mix-Markt auf dem Haidach fühlt man sich mit dem Schritt durch die Eingangstür beinahe nach Russland versetzt: Viele Kunden und auch die Angestellten sprechen Russisch, es gibt Tee, Schokolade und Essiggurken aus dem Osten, und an der Kasse liegen Magazine mit Kreuzworträtseln oder Geburtstagskarten in kyrillischer Sprache bereit. Manche sagen sogar, dass es fast nirgendwo in Deutschland so russisch zugehe wie in dem Pforzheimer Viertel hoch oben über der Stadt.

 

Tatsächlich leben in ganz Pforzheim mehr als 18 000 Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen osteuropäischen Ländern. Auf dem Haidach sind es 4500, was mehr als die Hälfte der Bevölkerung in dem Stadtteil ausmacht. Dass gerade Krieg herrscht zwischen Russland und der Ukraine, merkt man auf dem Haidach aber nicht. Es gibt keine politischen Plakate, Fahnen sowieso nicht – ganz im Gegenteil, alles geht ganz normal seinen Gang.

Schwarz-weiß-Denke herrscht vor

Und das hat einen tieferen Grund: Viele der Russlanddeutschen in Pforzheim fühlen sich gerade, als säßen sie zwischen allen Stühlen. Ein sehr engagierter Pforzheimer, der selbst vor Jahrzehnten aus Russland hergekommen ist und viel für die Integration seiner Landsleute getan hat, will gerade lieber nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen. „Im Moment wird nur noch in Schwarz-weiß gedacht“, sagt er, „aber alles ist viel komplizierter.“ Vielmehr fühle man sich einerseits als Teil der deutschen Gesellschaft, andererseits hätten viele noch enge Beziehungen zu Russland. Doch neutral zu bleiben, werde teilweise nicht mehr akzeptiert: „Dabei wollen wir nicht, dass Misstrauen gesät wird.“

Auch Jörg Augenstein, der seit Jahrzehnten auf dem Haidach wohnt, dort eine Zahnarztpraxis betreibt und Vorsitzender des Bürgervereins ist, mahnt zu einer differenzierten Betrachtungsweise. Die Aussiedler der ersten Generation hätten sich als Deutsche gefühlt und mit Russland nichts zu tun haben wollen, und die in Deutschland geborenen Kinder sähen sich sowieso hier heimisch. Zudem stammten viele Menschen auf dem Haidach gar nicht aus Russland selbst, sondern etwa aus Kasachstan. Oder sie hätten russische und zugleich ukrainische Verwandte. Es sei deshalb ungerecht und falsch, alle Menschen auf dem Haidach über einen Kamm zu scheren.

Viele Einwohner auf dem Haidach fühlen sich stigmatisiert

Konrad Hilligardt, der für die Evangelische Gemeinde auf dem Haidach viel mit Jugendlichen zu tun hat, fasst deshalb zusammen, was die Einwohner vor Ort denken: „Viele stört, dass sie immer als Russen angesehen werden, wenn es Probleme mit Russland gibt.“ Sie fühlen sich dann stigmatisiert und ausgegrenzt.

Aber natürlich gibt es auf dem Haidach auch viele Menschen, die russisches Fernsehen schauen und die die Argumente von Präsident Wladimir Putin nachvollziehen können. Eine kleine Umfrage vor dem Mix-Markt bestätigt das. Ein junger Mann sagt sehr sanft und sehr freundlich, dass er stolz sei, Russe zu sein und dass er Putin verstehen könne: „Seit acht Jahren greift die Ukraine den Donbas an – jetzt muss Russland seine Bevölkerung dort beschützen.“ Dann entschuldigt er sich mehrfach für sein schlechtes Deutsch und geht weiter. Eine alte Frau, die einen Einkaufstrolley hinter sich her zieht, sagt recht kurz angebunden ebenfalls, dass Putin es richtig mache.

Auch Jugendliche finden die Politik Putins nicht so schlecht

Eine Gruppe junger Menschen gerät dagegen sofort in einen freundschaftlichen Streit, als sie nach ihrer Haltung zum Krieg gefragt werden. Eine junge Frau mit portugiesischen Wurzeln meint, alle sollten sich sofort an einen Tisch setzen und Lösungen suchen. Ihr Freund findet das Eingreifen Putins dagegen gut: „Sonst hätte Amerika die Ukraine bekommen, und das konnte Russland nicht zulassen.“ Zwei weitere Jugendliche wollen dagegen lieber gar nichts sagen. Es gebe Diskussionen, auch in den Familien, mehr wollen sie nicht beitragen.

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Doch finden sich auch markante Gegenpositionen. Dimitrij Walter etwa hat vor einigen Jahren bei der Wahl zum Pforzheimer Oberbürgermeister kandidiert und ist seither in der Stadt bekannt. Er ist in Moskau geboren und kam 1998 nach Deutschland. Es sei furchtbar, dass Frauen und Mütter in diesem Krieg ihre Männer und Söhne verlieren, sagt er. Und es sei furchtbar, dass Russland als demokratiefeindlicher Aggressor auftrete. „Putin sollte abtreten“, sagt Walter deshalb. Er ist aber überzeugt, dass die Menschen in Russland diesen Krieg nicht wollten, viele Männer seien nur deshalb zur Armee gegangen, weil sie sonst gar keine Arbeit gehabt hätten. Mit Sicherheit sei auch der Haidach gespalten.

Es gibt erste Anfeindungen gegen Russlanddeutsche

Offen reden, gar mit Namen, das wollen die wenigsten. Alexander Jeck, Diakon in Pforzheim, kümmert sich um Jugendliche auf dem Haidach – doch auch er hat niemand gefunden, der für ein Interview bereit wäre. Es gebe eine starke Verunsicherung und teilweise auch Angst, zumal die Jugendlichen von ersten Anfeindungen berichteten. So sei eine junge Frau in der Schule mit den Worten angesprochen worden: „Na, was macht dein Freund Putin?“

Wahr sei, dass viele Jugendliche die Politik Putins lange nicht schlecht gefunden hätten, sagt Jeck weiter, denn, so argumentierten die jungen Leute, Russland sei durch die Nato zu sehr bedrängt worden, und jahrelang habe niemand die Probleme im Donbas zur Kenntnis nehmen wollen. Aber den Krieg lehnten alle ab, so Jeck. Und überhaupt wüssten auch sie, die sich in deutschen und russischen Medien informierten, gar nicht mehr, was sie glauben sollen.

Menschen wollen in Ruhe gelassen werden

So wollen die Menschen auf dem Haidach vor allem eines: in Ruhe gelassen werden. Sie sind schon in der Vergangenheit immer wieder in ein schlechtes Licht gerückt worden, zunächst in den 1980er Jahren wegen der sozialen Probleme im rasch hochgezogenen Stadtteil auf der grünen Wiese, dann in den letzten Jahren wegen des hohen Wähleranteils der AfD. Nun wollen sie nicht auch noch als Putin-Versteher gebrandmarkt werden.

Auch Michael Strohmayer, der Sprecher der Stadt Pforzheim, mahnt zu Besonnenheit und gegenseitiger Rücksichtnahme. Ja, es gebe Menschen, die den Krieg in der Ukraine unterschiedlich beurteilten, aber das führe nicht zu Auseinandersetzungen auf der Straße: „Unser Eindruck ist, dass über alle Bevölkerungsgruppen hinweg die Überzeugung eine sehr, sehr breite Mehrheit findet, dass dieser Krieg so schnell wie möglich enden muss.“

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