Bobbycars poltern über den Asphalt zwischen den barocken Gebäuden des ehrwürdigen Klosters Sießen. Hin und wieder ist Babygeschrei zu hören. Das ist Alexandra. Ihr gesamtes bisheriges Leben hat die Kleine auf der Flucht verbracht. Mit ihrem Alter von fünf Wochen ist sie die jüngste unter den 30 ukrainischen Flüchtlingen, die im Franziskanerinnenkloster bei Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen) untergekommen sind: sechs Kinder, sieben Jugendliche, acht junge Frauen und neun Mütter, die aus Kiew, Donezk oder Mikolajiw stammen und nun in der Abgeschiedenheit Oberschwabens ein wenig Ruhe finden sollen.
Die 160 Franziskanerinnen von Sießen sind nicht die einzigen Ordensfrauen, die dieser Tage Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine empfangen. Auch das Schönstattzentrum Liebfrauenhöhe oder das Kloster Neresheim haben Zimmer freigeräumt. Im ehemaligen Kloster Oggelsbeuren werde die Aufnahme durch die dort ansässige Stiftung ermöglicht, sagt der Sprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gregor Moser.
In fast allen Klöstern gibt es seit Kriegsbeginn Friedensgebete. Daraus entstand das Bedürfnis aktiv zu werden. „Es gehört zu unserem Auftrag, hier zu helfen“, sagt Claus Mellinger, Sprecher des Klosters Reute.
Auch dort, in Untermarchtal oder in Heiligenbronn bei Schramberg fanden Menschen eine Zuflucht. 16 Flüchtlinge habe man aufgenommen, berichtet die Heiligenbronner Schwester Magdalena Dilger: Mütter mit Kindern, aber auch ein Großelternpaar und sogar ein Hund seien im Kloster einquartiert. „Für uns ist das neu. Das hatten wir so noch nie.“
Andererseits: Auch für die Ukrainer – meist sind sie orthodox – ist es etwas Neues, in einem Kloster zu leben. Es seien aber nur solche untergebracht worden, für die es in Ordnung sei, sagt Schwester Magdalena.
Sogar ein Hund wohnt jetzt im Kloster
Seit Jahrzehnten geht die Zahl der Nonnen und Ordensfrauen im Land stetig zurück. In Heiligenbronn, wo im Mutterhaus vor dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als 300 Schwestern lebten, sind es heute nur noch 28. Dennoch ist es nicht so, dass weite Bereiche der großen Klosteranlage leer stünden. Viele Gebäude haben neue Nutzungen erhalten. Auf dem Gelände sind Sozialwerke angesiedelt. Deshalb musste man für die Flüchtlinge zusammenrücken. Man habe den Mitlebekonvent, in dem Frauen für wenige Tage oder Wochen am Klosterleben teilnehmen könnten und mit drei Schwestern in einer Wohngemeinschaft lebten, leer geräumt, sagt Schwester Magdalena. Am Samstag zog die letzte Schwester aus, am Mittwoch kamen die Flüchtlinge.
Ohne WLAN geht gar nichts
Auch in Sießen ging es schnell. 2015 und 2016 hatte man hier schon viele syrische Flüchtlinge. Nach mehreren Jahren seien sie ausgezogen und stünden auf eigenen Füßen. Als nun der Anruf aus dem Landratsamt kam, habe man aber gewusst, was zu tun ist, sagt Schwester Elsbeth Bischof, stellvertretende Oberin in Sießen. In einem ehemaligen Trakt des Pflegeheims, der eigentlich abgerissen werden soll, wurden Betten und Schänke aufgestellt. Nasszellen gab es schon, Kühlschränke und Waschmaschinen wurden besorgt, Anwohner spendeten Fahrräder. Am wichtigsten: Für 1500 Euro ließen die Schwestern ein leistungsfähiges WLAN-Netz einziehen. Die Frauen seien in engem Kontakt zu Männern, Brüdern und Großeltern, die in der Ukraine zurückgeblieben sind.
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Die Angst ist ständiger Begleiter. „Man spürt die große Müdigkeit. Abends herrscht Totenstille“, sagt Schwester Elsbeth. Die Sprachbarriere überwindet sie momentan noch mit dem Google-Übersetzer auf dem Smartphone. „Der ist gar nicht so schlecht.“ Während die Kinder demnächst in die Schule gehen, sollen die Erwachsenen im Kloster Deutschunterricht erhalten. Dafür wird Schwester Irmengardis Gebhart, Leiterin der Klosterbibliothek und frühere Lehrerin, mit ihren 85 Jahren noch einmal die Kreide in die Hand nehmen.
Dabei ist klar: Alle wollten bald wieder nach Hause. Doch die Schwestern richten sich darauf ein, dass die neuen Mitbewohner lange bleiben. Eine zeitliche Begrenzung gebe es nicht, sagt Schwester Elsbeth. Sie rechnet mit drei Jahren.