Herr Ruf, wie stark traumatisiert sind die aus Odessa geflüchteten Menschen?
Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht exakt eingrenzen. Denn die Flucht hat drei Phasen. Die erste Phase ist mit den Ereignissen im Heimatland abgeschlossen, dann die Flucht selbst, die wohl relativ glimpflich verlief aufgrund der Hilfe aus Böblingen. Jetzt befinden sich die Mütter mit ihren Kindern in der Phase des Ankommens. Allerdings sind die Familien auseinander gerissen. Die Ehemänner und älteren Söhne und auch Töchter verteidigen ihr Heimatland. Die Verunsicherung und Ungewissheit ist daher weiter groß.
Welche Prognose geben Sie den Kindern und Jugendlichen aus Odessa?
Ich habe sie nicht ausgefragt. Wir haben mit ihnen indirekt gearbeitet und sind spielerisch auf sie zugegangen. Es war ein guter Einstieg, sie ohne ihre Mütter kennzulernen. Die Kinder und Jugendlichen haben sich darauf eingelassen und haben einen seelisch stabilen Eindruck gemacht. Aber es war erst ein erster Aufschlag. Wir kommen gern wieder, um weiter zu begleiten.
Welchen Eindruck machen ihre Mütter?
Sie sind insgesamt sehr aufgeräumt und engagiert, wollen ihren Kindern Vorbild und Halt geben, gleichzeitig haben sie auch Sorgen und Ängste. In diesem Spannungsverhältnis befinden sich die Mütter, die am Samstagvormittag auch psychologische Hilfe bekamen.
Warum entstehen überhaupt Traumatisierungen bei den Betroffenen?
Krieg mit allen seinen Begleiterscheinungen erschüttert wie alle traumatischen Extremstress-Erfahrungen die Grundannahmen der Betroffenen über Selbst und Welt, also Gutartigkeit und Sinnhaftigkeit der Welt sowie den Selbstwert. Alle Bereiche, die auch mit unserem Sicherheitserleben zusammenhängen, werden durch solche schweren Traumatisierungen massiv geschädigt. Mittel- und langfristig können sich daraus massive Traumafolgestörungen ergeben wie Depressionen, Suchtmittelmissbrauch und auch Suizidgedanken.
Wie kann denn Kindern und Jugendlichen bei der Verarbeitung von Extremstresssituationen pädagogisch beigestanden werden?
Während die psychosoziale Akutversorgung im Notfall bisher fast ausschließlich durch Notfallmedizin, Notfallpsychologie und Notfallseelsorge ausgeübt wurde, rücken unter dem Begriff der Notfallpädagogik auch pädagogische Interventionsmöglichkeiten in das Blickfeld einer psychosozialen Unterstützung.
Seelische Wunden zu heilen, ist wahrscheinlich ein langwieriger Prozess?
Psychotraumata sind seelische Wunden, die durch Extremstress verursacht werden. In der Regel verheilen diese Verletzungen nach gewisser Zeit. Es kann aber, vergleichbar dem physischen Wundheilungsprozess, auch bei psychischen Verletzungen zu Komplikationen bei der Wundheilung kommen. Auch seelische Wunden können sich infizieren und erhebliche Komplikationen nach sich ziehen. Extreme und belastende Erlebnisse führen die Betroffenen in einen Ausnahmezustand, der ihr Denken, Fühlen und Handeln nachhaltig bestimmt. Die scheinbar nicht zu bewältigende Bedrohung führt zu Erlebnissen der Ohnmacht, Selbstunwirksamkeit, emotionaler Gefühlslosigkeit, innerer Leere oder aber zu massiven Gefühlsausbrüchen. Gefühle des Entsetzens, der Verzweiflung, Angst und Wut können das Opfer überfluten.
Wie können notfallpädagogische Interventionen helfen?
Sie können traumatisierte Kinder in Extremsituationen stabilisieren. In Akutinterventionen können Flashbacks unterbrochen oder Panikattacken gemildert werden. Traumatische Verkrampfungen können durch Massagen und Einreibungen gelöst werden. Eurythmie, Bewegungsspiele, Sport oder auch nur Spaziergänge wirken der lähmenden Bewegungsunlust entgegen. Rhythmische Übungen stabilisieren die menschlichen Vitalkräfte und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Der Wiederaufbau einer rhythmisierten Tagesstruktur hilft, neue Ordnung in einer zusammengebrochenen Welt zu schaffen. Ritualisierte Abläufe geben neuen Halt, Orientierung und Sicherheit.
Und wenn traumatisierte Kinder nicht mehr sprechen?
Auch Sprache ist ein Akt der Distanzierung und Verarbeitung. Kinder können zum Sprechen nicht gezwungen werden. Es müssen deshalb nonverbale, kreative Ausdrucksmittel gefunden werden. Malen, Zeichnen, Musik und Tanz können solche heilenden Ausdrucksmittel sein.
Warum sind solche Hilfen so wichtig?
Nach dem Schockerlebnis entscheidet sich in den ersten Wochen und Monaten, ob das traumatische Erleben selbst verarbeitet werden kann oder ob sich krankhafte Trauma-Folgestörungen entwickeln.
Können sich Ängste und Traumata der Eltern auch auf die Kinder übertragen?
Ja. Wer Kindern und Jugendlichen nach Katastrophen helfen möchte, muss auch ihren meist ebenfalls traumatisierten Eltern beistehen. Traumata sind ansteckend wie eine Infektionskrankheit. Auch Kinder, die kein direktes traumatisches Geschehen erlebt haben, können allein durch eine Traumatisierung der Eltern infiziert werden, wir sprechen dann von sekundärer Traumatisierung. Kinder zeigen oft als Folge psychotraumatischer Erlebnisse psychosomatische Reaktionsbildungen oder Verhaltenssymptome, die für Eltern und Erzieher eine pädagogische Herausforderung darstellen.
Sie haben deshalb auch mit Lehrerinnen und Lehrern der Böblinger Waldorfschule gesprochen.
Auch Pädagogen müssen dazu lernen. Wichtig ist vor allem, einzusehen, dass die in den ersten Wochen auftretenden Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung noch keine Krankheit darstellen, sondern normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse sind. Die Symptombildungen nach extremer Stresserfahrung können zunächst als nützliche Selbstheilungsversuche des Organismus gelten. Dann können Leitlinien erzieherischer Hilfsmaßnahmen im Umgang mit traumatischen Reaktionen erarbeitet werden. Falls die zunächst normalen Reaktionsweisen auf ein traumatisches Geschehen aber auch nach Wochen und Monaten noch nicht nachlassen und Trauma-Folgestörungen auftreten sollten, benötigen die Eltern kompetente professionelle Ansprechpartner zur weiteren Hilfe.
Der Krieg in der Ukraine ist uns allgegenwärtig, aber wie groß ist die Not in der Welt?
Die Zahl der Kinder, die in Kriegen leiden müssen, war noch nie so hoch wie heute. Fast eine halbe Milliarde Kinder unter 18 Jahren leben weltweit in einem Konfliktgebiet. Fast jedes fünfte Kind ist von Krieg oder Konflikten betroffen. Hunderttausende Kinder sterben infolge bewaffneter Konflikte, Millionen werden traumatisiert.
Wie stellt sich die Situation in Deutschland dar?
Laut einer Studie der AOK aus dem Jahr 2018 über die psychische Gesundheit von Migranten in Deutschland waren damals 600 000 Flüchtlinge, also jeder Dritte, traumatisiert. 58 Prozent dieser Menschen sogar mehrfach: Bei 60 Prozent der Betroffenen handelte es sich um persönliche Kriegserlebnisse, mehr als 40 Prozent wurden direkt von Bewaffneten angegriffen, jeder Dritte erlebte die Verschleppung oder Ermordung von nahe stehenden Personen, jeder Fünfte musste Folter erdulden. Etwa 50 Prozent dieser traumatisierten Flüchtlinge waren Kinder und Jugendliche, wobei die unbegleiteten minderjährigen Ausländer die vulnerabelste Gruppe darstellen.
Bernd Ruf hat vor 16 Jahren die Notfallpädagogik ins Leben gerufen
Ausbildung
Geboren 1954 in Karlsruhe. Ausbildung für Lehramt an Gymnasien in Germanistik und Geschichte sowie zum Waldorfpädagogen an der Freien Hochschule Stuttgart.
Waldorf-Pädagoge
Mitbegründer und 20-jährige Unterrichtstätigkeit an der Freien Waldorfschule Karlsruhe. Mitbegründer und seit 2003 Schulleiter des freien pädagogischen Parzival-Kompetenzzentrums für Bildung, Förderung und Beratung. 1993 bis 2007 Mitglied des Bundesvorstandes des Bundes der Freien Waldorfschulen in Deutschland. Seit 1993 Mitglied der Internationalen Konferenz der Waldorfschulen. Seit 1987 geschäftsführender Vorstand des Vereins „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ mit Schwerpunkt „Freiwilligendienste“.
Notfallpädagogik
Seit 2006 Aufbau und Leitung notfallpädagogischer Kriseninterventionen in Kriegs- und Katastrophenregionen. 2007 bis 2012 Beiratsmitglied des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.