Russland-Ukraine-Krieg Stuttgarter Initiative Arthelps kämpft gegen Trauer und Panik

Thomas Lupo von Arthelps und Irina Foto: cf/Thomas Lupo

Die Hilfsorganisation bringt Geflüchtete aus der Ukraine über die Grenze – unter anderem nach Filderstadt. Der Stuttgarter Designer Thomas Lupo war selbst im Kriegsgebiet, um zu helfen. Er warnt vor Menschenhändlern.

Sie sind eine der letzten, die den Doppelstockbus in Filderstadt verlassen, Veronika mit ihren beiden sechs- und elfjährigen Töchtern, dem neunjährigen Sohn Ilija und ihrer 55-jährigen Mutter Irina, Sie sind unter den rund 100 Geflüchteten aus der Ukraine, die Thomas Lupo von Arthelps nach Stuttgart gebracht hat. Frauen, Kinder, Seniorinnen und Senioren. Das jüngste war fünf Jahre alt, die älteste, eine 86-jährige aus Kiew. „Das Busunternehmen Wöhr hat uns bei dieser Sache unterstützt“, sagt der 43-Jährige.

 

Thomas Lupo erzählt wie Veronika mit ihren Kinder und ihrer Mutter tagelang im Keller in Chernigov 150 Kilometer nordöstlich von Kiew ausgeharrt hat. Das ist in der Nähe der Frontstadt Awdijiwka in der Oblast Donezk. Dort hatte der Stuttgarter Designer Lupo vor drei Jahren ein Kunstprojekt für Kinder und Jugendliche gestartet, für das er bis Ende Februar eine Crowdfunding-Aktion initiiert hatte. Nun organisiert er seit Ausbruch des Krieges gemeinsam Hilfstransporte. Seit heute ist Thomas Lupo mit einem Team wieder unterwegs. Diesmal mit zwei LKW mit Medikamenten, darunter welche gegen Verbrennungen, Insgesamt 550 Tonnen Hilfsgüter, gespendet von Einzelpersonen, Vereinen und Unternehmen in 53 Orten haben sie bislang von Sokal aus verteilt. Außerdem mehr als 50.000 Menschen aus den gefährlichen Gebieten gemeinsam mit Partnern evakuiert.

„Es ist lebensgefährlich“

Sokal liegt in der Westukraine 80 Kilometer nördlich von Lwiw (Lemberg) nahe der polnischen Grenze. Bis in die Ostukraine ist es zu gefährlich, erklärt Lupo. Er erzählt, wie in Sokal schon auf die Lkw gewartet und innerhalb von eineinhalb Stunden alles auf Kleintransporter umgeladen wird. Wegen zerstörter Straßen und Brücken sei mit großen LKW nicht durchzukommen. Bepackt mit Medizin, Nahrungsmitteln, Bettdecken und Schlafsäcken führen Familienvätern und junge Männer die Kleintransporter in die umkämpften Städte. „Es ist lebensgefährlich“, sagt Lupo. Sie säßen mit Fahrradhelmen in den Wagen, versuchten an russischen Panzern einfach vorbeizufahren. Zurück kämen sie mit Menschen aus den umkämpften Gebieten teilweise mit herausgeschossenen Autoscheiben. Auch Veronika ist mit Kindern und Mutter in einem Kleinbus rund 700 Kilometer durch umkämpfte Gebiete gebracht worden. Die mutigen Fahrer bräuchten Helme, Ellenbogenschützer und schusssichere Westen. Die Fahrzeuge hätten einen hohen Verschleiß, nicht nur wegen der Einschusslöcher, sondern auch wegen der kaputten Straßen. Deshalb gehe es jetzt darum, statt Sachspenden, gezielt mit Spendengeldern einzukaufen, was fehlt, meint Lupo. Er habe sich viel mit Leuten vor Ort unterhalten. Man müsse dafür sorgen, dass beispielsweise die Bäckereien und Wirtschaftszweige, die noch funktionierten, weiterhin Geld verdienten und nicht durch Sachspenden beeinträchtigt würden. Dieses Wochenende werden sie besprechen, welche Hilfsgüter vor Ort gekauft und damit auch die Produktion in der Ukraine unterstützt werden kann und welche sie aus Deutschland mitbringen sollten.

Überall ist der Krieg präsent

Auch in Sokal sei überall der Krieg präsent. Straßen seien mit Absperrungen blockiert, alle zwei Kilometer gebe es Checkpoints. Aber er habe den Alarm, den der Raketenangriff auf ein Militärlager nahe der polnischen Grenze Jüngst auslöst hatte, mitbekommen. In dem Moment seien alle Sirenen in den Nachbarorten angegangen.

Von Sokal aus müssten die Menschen zu Fuß über die Grenze. Es sei ihm als Vater von zwei Kindern sehr nahe gegangen, wie Männer und Väter sich verabschiedeten, ohne zu wissen, ob sie ihre Frauen und Kinder wiedersehen werden. „Es ist viel Trauer zu spüren und Panik“, sagt er. Seien die Männer weggefahren, wollten die Menschen nur noch über die Grenze. Dort warteten oft Verwandte oder Busse. Auf der polnischen Seite gebe es viele Ehrenamtliche. Essen, Lebensmittel, Kleidung stünden für die Ankommenden bereitet. „Es wird viel Unterstützung gestellt“, erzählt Lupo. Auch einen Shuttleservice zum Bahnhof gebe es.

Arthelps habe Menschen mitgenommen, die nach Deutschland oder zum Warschauer Hauptbahnhof wollten. Dort hätten sie einen Zwischenstopp gemacht. Zehn Menschen seien ausgestiegen und sie hätten mit einem Megafon andere Geflüchtete ausfindig gemacht, die nach Deutschland wollten. Vor Ort prüfe die Polizei, ob es sich um vertrauensvolle Angebote handele. „Es sind Menschenhändler unterwegs, die die Situation ausnutzen“, sagt Lupo. Er hat mittlerweile Irina, deren Kinder und Mutter in die Halle in Filderstadt begleitet.

Sänger Rea Garvey ist Arthelps-Botschafter

Dort gibt es unterstützt von der Schatztruhe e.V. Kleidung, Schuhe, Bücher, Spiele, einen Aufenthaltsraum und ein großes Buffet für alle Ankommenden. Lupo hält einen Button hoch: „You are not alone“ steht darauf. Zwei Dolmetscher erklären den Geflüchteten, dass sie beispielsweise kostenlos mit dem Zug an ihren Wunschort weiterfahren können. Viele wollten einfach gleich zum Hauptbahnhof und zu Verwandten oder Freunden. Nur einige sind in Stuttgart geblieben. Er habe mehr Angebote für Menschen zur Unterbringung gehabt, als diesmal gebraucht wurden, erzählt Lupo. „Die Unterkünfte stammen von Freunden und anderen Menschen aus Stuttgart und Umgebung“, erklärt er. Eine Mutter mit zwei Kindern hat auch der Sänger Rea Garvey, der Botschafter von Arthelps ist, aufgenommen. Veronika mit Kindern und Mutter ist dagegen in Ditzingen bei einer Familie untergekommen. Garvey hatte das insgesamt neunköpfige Team nach Sokal begleitet. Auch ein Kamerateam hatten sie dabei gehabt. Seine Erfahrungen mit dem Hilfstransport waren auf ProSieben ausgestrahlt worden.

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