Russland-Ukraine-Krise Was Putins Krieg für Poltawa bedeutet

Millionen Ukrainerinnen mit ihren Kindern fliehen. In Poltawa sind viele Menschen aus Sumy und Charkow gestrandet. Die Bewohner dort kümmern sich. Foto: dpa/Jan Woitas

Stand Mittwoch sind in der Partnerstadt von Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern keine Bomben gefallen. Doch auch dort haben sich viele zur Flucht entschlossen. Poltawa ist zudem Zufluchtsort für Menschen aus zerbombten Städten.

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

BBisher sind in der Partnerstadt von Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen und Ostfildern keine Bomben gefallen, noch wurden keine Gebäude von Raketen getroffen. Dennoch erreichen auch immer mehr Flüchtlinge aus dem zentralukrainischen Poltawa die Region Stuttgart, wie Alena Trenina berichtet. Sie ist bei der Stadt Leinfelden-Echterdingen für die ukrainische Partnerschaft zuständig und steht im engen Austausch mit den Mitarbeitern des Rathauses von Poltawa. „Die Menschen in Poltawa haben Angst“, sagt sie. Denn die russischen Soldaten rücken immer weiter im Land vor, kommen also näher.

 

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Poltawa liegt an den Ufern der Worskla, einem Nebenfluss des Dnepr, und gehört mit seinen rund 300 000 Einwohner zu den osteuropäischen Großstädten. Die Kommune ist einerseits eine grüne Stadt mit vielen Parks, beherbergt aber auch viele industrielle Betriebe. Die Stadt hat viele Hochschulen und Kliniken, mehrere Theater und Museen.

Apotheken zunächst leer gekauft

Gleich in den ersten Tagen von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine sind laut Alena Trenina vier unbemannte Drohnen der Russen über dem kleinen, schon lange stillgelegten Militärflughafen von Poltawa abgeschossen worden. Seitdem seien keine Drohnen mehr gesichtet worden, und auch sonst ist Poltawa bisher verschont geblieben. Sämtliche Kliniken und Ambulanzen sind also noch im Betrieb. Noch müsse dort auch niemand Hunger leiden.

„In den Lebensmittelläden gibt es noch immer Grundnahrungsmittel zu kaufen“, sagt Trenina. Das liege auch an der Lebensart vieler Ukrainer. Sie bauen selbst Obst und Gemüse an, legen traditionell Vorräte an, die wohl noch bis in den April hinein reichen werden, erklärt sie. „Auch in den Apotheken, die in den ersten Kriegstagen leer gekauft wurden, gibt es wieder Medikamente“, sagt die städtische Mitarbeiterin. Allerdings seien spezielle Krebsmedikamente knapp.

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Dennoch gebe es auch in dieser Region immer wieder Fliegeralarm. „Da die meisten Häuser nicht unterkellert sind, sitzen die Bewohner dann in ihren Badezimmern“, sagt Trenina. Denn die Badezimmer liegen meist in der Mitte der Wohnungen. Wenn also eine Druckwelle käme, und dadurch die Fenster zersplittern würden, würden die Bewohner selbst nicht so stark getroffen werden.

Eine Ausgangssperre – von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens – ist angeordnet. In dieser Zeit dürfe kein Licht in der Wohnung eingeschaltet werden. Auch die Straßenbeleuchtung bleibe aus. Die Fenster müssen abgedunkelt werden. „Bisher sind das alles nur Vorsichtsmaßnahmen“, sagt Trenina.

Hilfe für Bewohner anderer Städte

Es seien sehr viele Flüchtlinge aus den zerbombten Städten Sumy und Charkow, die in der Nähe von Poltawa liegen, in die Stadt gebracht worden, berichtet sie. Die Flüchtlinge seien teils in Privathaushalten untergebracht worden, aber auch in Schulen und Kindergärten. „Der Bürgermeister von Poltawa hat seine Leute aufgerufen, für diese Gestrandeten Sachen zu spenden.“ Diesem Aufruf seien sehr viele Bürger nachgekommen, und ihre Kollegen im Rathaus von Poltawa seien nun fast rund um die Uhr damit beschäftigt, warme Schlafhemden, Tee, Zucker und Marmelade zu sortieren und an Bedürftige auszugeben. Noch werden keine Sachspenden aus Deutschland in Poltawa gebraucht. Wer helfen will, kann Geld an das gemeinsame Spendenkonto der drei Filder-Kommunen spenden. Die Kontonummer ist auf den Internetseiten der Städte zu finden.

Der Flüchtlingszustrom aus der gesamten Ukraine stellt die Stadt Leinfelden-Echterdingen derweil vor Probleme. Laut dem Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell will die Kommune vorerst keine Turnhallen belegen und ist dabei, neue Liegenschaften zu erschließen. Das Oberaicher Bahnhöfle soll als Notunterkunft hergerichtet werden. Es wohnen bereits Flüchtlinge im Berufsgenossenschaftlichen Schulungszentrum in Oberaichen. Gemeinsam mit Filderstadt sei man dabei, eine Belegung des Waldheimes Bernhäuser Forst zu prüfen.

Veranstaltungen

Geflüchtete
 Um die Unterbringung Geflüchteter geht es am Mittwoch, 30. März, 18.30 Uhr, bei einem Infoabend in der Echterdinger Zehntscheuer, Maiergasse 8. Zuvor wird Osteuropa-Expertin Karoline Gil über den Hintergrund des Krieges sprechen. Veranstalter sind das Amt für soziale Dienste und die VHS. Eine Anmeldung ist unter Telefon 0711/16 00-3 15 notwendig.

Gedenken
 An diesem Freitag, 25. März, lädt Wolfgang Haug, Leiter des Stadtmuseums, zu einer Gedenkstunde. Beginn ist um 19 Uhr an der Hauptstraße 79. Bei einem Rundgang will er an die Folgen des Zweiten Weltkrieges erinnern und Solidarität mit den Opfern der Gegenwart dokumentieren.

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