Russland Wie der Kreml Kindern das Spielen verbietet
Quadrobics nennt sich ein Trend, bei dem sich Kinder und Jugendliche mit Masken wie Tiere bewegen. Moskau sieht darin einen gefährlichen westlichen Trend, „Faschismus“ und „Entmenschlichung“.
Quadrobics nennt sich ein Trend, bei dem sich Kinder und Jugendliche mit Masken wie Tiere bewegen. Moskau sieht darin einen gefährlichen westlichen Trend, „Faschismus“ und „Entmenschlichung“.
Kinder auf allen vieren? Mit Masken, Stoffpfoten und baumelnden bunten Schwänzen? Nein, solch ein Verhalten dürfe nicht geduldet werden. Sergej Lawrow und Wjatscheslaw Wolodin, Russlands Außenminister und Russlands Parlamentssprecher, sind sich sicher: Dieses „Projekt zur Entmenschlichung“, so Wolodin, diese „krankhafte Beschäftigung“, so Lawrow – in ihren Augen natürlich aus dem Westen heraus ihr geliebtes Russland unterwandernd – müsse weg.
Die beiden sind nicht allein mit ihrer Meinung, dass Quadrobing oder Quadrobics, wie das Hobby einiger Kinder und Jugendlicher weltweit genannt wird, nichts auf Russlands Straßen und auch nicht in Russlands Haushalten zu suchen habe. Ähnlich wie die nicht vorhandene „LGBT-Bewegung“ soll nun auch Quadrobing per Gesetz als „extremistische, destruktive Ideologie“ verboten werden. Ein Gesetzesentwurf liegt der Staatsduma bereits vor.
Unter Russlands Abgeordneten hat sich ein Trend etabliert: Gefahren dort zu sehen, wo keine sind. Schon veranstalten Schulen Elternabende, Kliniken verteilen Merkblätter zur „Gefahr durch Quadrober“. Der Staat droht mit dem Entzug des Sorgerechts, sollte ein Kind Hund oder Katze spielen.
Bei Quadrobics – einer Art Aerobics auf allen vieren – ziehen sich Kinder und Jugendliche, meist zwischen sieben und 14 Jahren, Masken und Tierkostüme an und imitieren Bewegungen des jeweiligen Tieres. Das Spiel geht auf den japanischen Sprinter Kenichi Ito zurück, der es im Jahr 2008 auf allen vieren laufend ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft hatte. In Russland steigt der Verkauf von Tiermasken seit Monaten an.
Seit Monaten ist auch die staatliche Hysterie in Sachen Quadrobics entbrannt. Es kam allerdings eher zufällig. Die russische Sängerin Mia Boyko hatte auf einem ihrer Konzerte eine Achtjährige, die in der Menschenmasse verloren gegangen war, auf die Bühne geholt – und sich dann, kaum hatte sie deren Katzenmaske gesehen, lustig über das Kind gemacht. Viele warfen der Sängerin öffentliche Erniedrigung des Mädchens vor. Boyko wehrte sich: „Das sind fremde Einflüsse aus dem Westen, wo das Brechen von Normen zum Trend geworden ist. Das ist nicht normal. Ich will unsere Gesellschaft vor der Zerstörung bewahren.“ Auf diesen Zug der „Wahrung von traditionellen Werten“ sprangen plötzlich auch Funktionäre auf. Und Russlands Außenminister Lawrow brachte die Quadrober auf die internationale Bühne, als er seinen armenischen Kollegen plötzlich fragte, ob in Armenien „so etwas“ auch bekannt sei. Der Armenier verstand nicht recht, worum es geht.
Russlands Kirche erkennt in dem Spiel eine „Antiwerte-Bewegung“, und Russlands Propagandisten befürchten, das Tor zu „Unzucht und Faschismus“, wie es der einstige Filmemacher Nikita Michalkow ausdrückt, sei geöffnet.
Manche Eltern sind verunsichert: „Meine Tochter spielt Katze. Ein völlig harmloses Spiel. Ich habe Angst, dass sie so in die Schule geht“, berichtet eine Mutter auf Youtube. „Als Fuchs fühle ich mich freier. Die Realität ist mir zuwider. Ja, ich flüchte“, erzählt ein 14-Jähriger in einer anderen Sendung. Es ist offenbar ein Weg des jungen Quadrobers, genau der Welt zu entfliehen, die Lawrow, Wolodin und andere aufbauen.