Frau Pawlik, wie ist es um die Integration der Russlanddeutschen bestellt?
Es gibt große Wissenslücken in unserer Gesellschaft: Viele wissen nicht, warum diese Menschen überhaupt hier sind, dass es etwas mit dem Nationalsozialismus und dem Kriegsfolgenschicksal zu tun hat. Da gibt es Aufholbedarf in der Wissensvermittlung. Was die Integration betrifft, so ist das natürlich eine sehr individuelle Angelegenheit. Aber es gibt wissenschaftliche Studien, die der russlanddeutschen Community bescheinigen, dass diese sehr gut angekommen ist in Deutschland. Dennoch gibt es weiterhin Herausforderungen, die noch zu bewältigen sind: etwa bei der Anerkennung von Bildungsabschlüssen oder bei der Chancengleichheit für Kinder, deren erste Muttersprache nicht Deutsch ist.
Welche Rolle spielt der Krieg in der Ukraine für das Verhältnis zu den Russlanddeutschen und deren Zusammenleben?
Niemanden in unserer Gesellschaft lässt dieser Krieg völlig kalt. In der russlanddeutschen Community gibt es sehr viele persönliche Beziehungen – sowohl nach Russland als auch in die Ukraine. Die Familien und Bekanntenkreise sind ja sehr durchmischt. Trauer, Sorge um Angehörige oder Freunde, politische Debatten beeinflussen tief die zwischenmenschlichen Beziehungen und innerfamiliären Verhältnisse. Da kann es schon vorkommen, dass jüngere Menschen andere Ansichten vertreten als ihre Eltern.
Gibt es bei diesem Thema unterschiedliche Loyalitäten?
Es wäre zu einfach, das nur auf eine Generationenfrage zurückzuführen. Das ist wissenschaftlich auch nur ungenügend untersucht. Was wir aber schon sehen, ist, dass Jüngere, die hier aufgewachsen sind und ihr komplettes Leben hier verbracht haben, ein positiveres Verhältnis zu unserem politischen System oder zu Europa haben. Aber das ist nicht immer eine Generationenfrage. Es gibt auch jüngere Menschen, die russischen Desinformationskampagnen Glauben schenken, oder Ältere, die sich mit dem russischen Staat nie identifizieren konnten, weil sie dort ja verfolgt wurden.
Welchen Einfluss haben russische Medien?
Russische Desinformationskampagnen wirken in die Breite unserer Gesellschaft – bis hinein in den Deutschen Bundestag werden entsprechende Narrative verbreitet. Das betrifft nicht nur die russlanddeutsche Community. Aber es gibt schon den Versuch aus Moskau, die russischsprachigen Menschen im Ausland zu instrumentalisieren für die eigenen Interessen. Insbesondere auch, weil die russische Sprache dafür einen besonderen Zugang bietet. Wir halten dagegen, indem wir zum Beispiel auch Medienangebote und politische Bildung in russischer Sprache fördern, etwa mit dem Projekt „Ostklick“, das für die Demokratie im Netz wirbt und über Desinformationskampagnen aufklärt.