Das Undenkbare ist passiert“, sagt Sergej Lawrow und dreht seinen Kugelschreiber hin und her. Der russische Außenminister stellt sich den Fragen ausländischer Journalisten in Moskau. Das „Undenkbare“ ist in Lawrows Augen nicht der Krieg in der Ukraine, den Russland seit mehr als drei Monaten führt, ohne seine „Pläne“ und „Ziele“ aufzugeben. Lawrow gebraucht nicht einmal das Wort „Krieg“, er nennt den russischen Überfall auf sein Nachbarland, wie alle offiziell in Russland, eine „militärische Spezialoperation“, und stellt diese, ebenfalls wie alle offiziell in Russland, nicht infrage.
Seinen Humor hat Lawrow längst verloren
Das „Undenkbare“ ist die Luftraumsperre, die seinen Besuch in Serbien verhinderte. Russlands abgebrühter Außenminister blieb am Boden – und schäumte. Der Nato und der EU warf er „niederträchtige Methoden“ vor, Bulgarien, Nordmazedonien und Montenegro sprach er die „Würde“ ab und beschwerte sich, dass der Westen Russland wieder einmal das Recht nehme, die eigenen nationalen Interessen zu verteidigen. In der Kunst des Umdeutens ist Russland bestens beschlagen. Die Selbstironie, die Lawrow oft nachgesagt wird, hat der dienstälteste Außenminister Europas längst verloren. Im Zentrum seiner Auftritte stehen fast nur noch Hetzreden gegen den Westen, der – so das russische Narrativ – Russland seit Jahrtausenden in die Knie zwingen will.
Der Hobbyruderer Lawrow spielt gern Gitarre
Lawrow, seit 2004 auf seinem Posten, hat stets die Vorstellung Russlands als führungsstarkes Imperium vertreten. Seine harte Rhetorik gilt bei den Diplomaten quer durch die Welt als legendär. Seinen Witz aber hat er über die Jahre beiseitegelegt – oder bewusst aufgegeben. Was zählt, sind nur noch die Machtinteressen Moskaus. Im Westen glaubte man bis zu jenem 24. Februar, dem Tag der Invasion, die Diplomatie des 21. Jahrhunderts sei mehr als reine Interessenpolitik. Russland mit seinem Anti-Diplomaten Lawrow hat dieses Denken umgeworfen. Der Hobbyruderer ist das Spiegelbild russischer Außenpolitik. Der Absolvent des Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen, Russlands Kaderschmiede für künftige Diplomaten, arbeitete bereits als 22-Jähriger an der russischen Botschaft in Sri Lanka, bis er nach einigen Jahren in Moskau an die UN-Vertretung nach New York wechselte. Hier zeigte er sich selbstbewusst und humorvoll. Bei einer Sitzung soll er auf einem Zettel das Wortspiel gekritzelt haben: „Diplomacy – deep, low, messy“ (Diplomatie – unergründlich, gerissen, chaotisch).
In seiner Freizeit singt der Vater einer Tochter gern zu seinen eigenen Gitarrenklängen. Auch die Hymne seiner früheren Uni soll von ihm stammen. Darin heißt es: „Wenn schon lernen, dann begierig, wenn schon trinken, dann bis zum Ende, bloß nicht fallen, sondern hartnäckig das Ziel verfolgen.“