Es ist ein filigranes, goldschimmerndes Gebilde aus Blumen, Knospen und Ranken in einem schwarzen Holzrahmen. Der Betrachter staunt, welch große Fingerfertigkeit es erfordert haben muss, um es zu gestalten. Nur ein mit einer Goldbordüre eingefasste Text offenbart, dass eine große Familientragödie dahintersteckt, die sich vor 140 Jahren ereignet hat.
Bei diesem besonderen Kunstwerk handelt es sich um einen Wandschrein, gestaltet aus blonden Haaren, die einst Anna Maria Stahl gehörten. Sie ist vor 140 Jahren im Alter von 25 Jahren bei der Geburt ihrer sechsten Tochter gestorben.
Mehrere Berufe waren nötig
Der Wandschrein ist im Besitz des Arbeitskreises Geschichte vor Ort in Rutesheim. „Es ist ein kleiner Schatz“, sagt der Sprecher des Arbeitskreises, Harald Schaber. Neben dem kleinen gläsernen Wandschrein gehört eine Familienbibel mit vielen Einträgen dazu. „Das hat uns veranlasst, weiter zu recherchieren und in das Leben von Anna Maria Stahl zurückzublättern.“
Sie wurde am 22. Februar 1858 als Anna Maria Binder in Rutesheim geboren. Ihr Vater Johann Jakob war Schuhmachermeister, Nachtwächter und Totengräber. Mehrere Tätigkeiten waren seinerzeit nötig, um die große Familie mit zwölf Kindern – nur eines war früh gestorben – zu ernähren. Anna Maria wuchs als Viertälteste der Geschwister im Ort auf und besuchte die frühere Schule bei der Johanneskirche.
Fünf kleine Mädchen
Mit 18 Jahren wurde Anna Maria schwanger und gebar am 1. November 1876 die Tochter Katharina. Die Hochzeit mit dem Kindsvater, Gottlieb Friedrich Stahl, geboren am 15. Juli 1854, fand am 2. September 1877 in der Johanneskirche statt. Gottlieb Friedrich war von Beruf Weber und arbeitete zudem als Feldschütz. Schon drei Monate später wurde die zweite Tochter Maria geboren.
Ein Jahr später folgte die Tochter Pauline. Am 18. Juli 1880 schreibt der Vater in die Familienbibel: „Sonntags morgens um 6 Uhr wurde eine liebe Tochter geboren und erhielt den Namen Friederike“. Die fünfte Tochter Barbara kam zwei Jahre später auf die Welt. Die junge Familie wohnte in einer Wohnung in der Elbenstraße. Es herrschte das bunte Treiben einer Großfamilie mit fünf kleinen Mädchen. Doch dann schlug das Schicksal unbarmherzig zu.
Am 1. Dezember 1883 wurde die sechste Tochter Margareta geboren. Aber es war eine lange und schwere Geburt, und das kleine Mädchen starb schon einen Tag später – „mittags um 1 Uhr“. Es wurde am 4. Dezember – „mittags um 3 Uhr“ – auf dem Rutesheimer Friedhof beerdigt.
Auch der jungen Mutter ging es immer schlechter, sie starb am 7. Dezember 1883 im Wochenbett unter großen Schmerzen an einer Unterleibsentzündung. Sie wurde am 9. Dezember, dem zweiten Advent 1883, beerdigt. Anna Maria Stahl hinterließ mit 25 Jahren dem jungen Vater Gottlieb Friedrich fünf Mädchen im Alter von ein bis sieben Jahren.
Ein Kunstwerk aus blonden Haaren
Der Verlust der lieben Frau und Mutter war groß. „Ob Gottlieb Friedrich das Kunstwerk aus den blonden Haaren seiner Frau zum Gedenken in Form eines Blütenkranzes selbst anfertigte oder anfertigen ließ, wissen wir nicht“, sagt der Ortshistoriker Harald Schaber. „Es ist jedenfalls ein beeindruckendes Werk und hing zur Erinnerung an Anna Maria über Generationen hinweg in den Häusern der Nachkommen.“
Die Inschrift lautet: „Auf Wiedersehn Anna Maria Stahl, geb. Binder. Geb. den 22. Febr. 1858, gestorben den 7. Dez. 1883. Das Haar, das einst Dein Haupt geziert, bekränzt jetzt Deinen Namen, Der Herr hat Dich zu sich geführt, um uns den Weg zu bahnen. Wir rufen Dir im Glauben zu, Du gingst ja ein zu Gottes Ruh“. Zur ehelichen Einsegnung am 2. September 1877 in der evangelischen Kirche hatte das junge Paar eine Hausbibel erhalten. In diese trug Gottlieb Friedrich alle wichtigen Familienereignisse fein säuberlich ein. So auch die Geburt der sechs Töchter und den Tod seiner lieben Frau. Gottlieb Friedrich heiratete danach nicht mehr und zog die Töchter alleine und mit Hilfe der Großeltern auf. In der damaligen Zeit war das außergewöhnlich.
Alle Familienereignisse stehen in der Bibel
In der Bibel wurden auch weitere Familienereignisse wie Konfirmationen und die Hochzeiten der Töchter festgehalten. So zog Katharina nach der Hochzeit 1903 nach Höfingen, Pauline 1905 nach Weilimdorf und Maria heiratete 1909 einen Buchbinder in Stuttgart. Barbara heiratete 1908 den Rutesheimer Schumacher und Feldschütz August Kilper und lebte bis Januar 1973 im elterlichen Haus in der Elbenstraße 15. Sie starb mit 90 Jahren.
Er überlebte seine Frau um 52 Jahre
Es gab weitere schmerzliche Ereignisse im Leben des Gottlieb Friedrich Stahl. So starb die erstgeborene Katharina am 30. Januar 1917 nach langer Krankheit mit 40 Jahren. Auch der Tod der Tochter Friederike im Mai 1922 als Folge einer Lungenkrankheit ist in der Hausbibel beschrieben – wie viele weitere Ereignisse. Der letzte Eintrag in der Familienchronik lautet „Mein Leben“. Gottlieb Friedrich Stahl starb am 14. Juni 1936, er wurde 81 Jahre alt und überlebte seine Frau um mehr als 52 Jahre.
Der Wandschrein mit dem Haarkunstwerk der Anna Maria Stahl und die Familienbibel wurden beim Stand des Arbeitskreises am jüngsten Bürgerfest ausgestellt. „Es ist die Geschichte einer Familie, mit Höhen und Tiefen, wie in jedem Leben“, sagt Harald Schaber. Der Haarkranz von Anna Maria habe sie noch einmal aufleben lassen.
Der Wandschrein für Anna Maria Stahl ist nun zusammen mit der Familienbibel und einem Begleittext in der Christian-Wagner-Bücherei in Rutesheim ausgestellt.