Rydzek-Geschwister bei Olympia Zwei Skisportler mit besonders enger Bindung
Coletta und Johannes Rydzek sind erneut gemeinsam bei Olympischen Spielen. Sie stützen sich gegenseitig – und wollen Medaillen in unterschiedlichen Sportarten gewinnen.
Coletta und Johannes Rydzek sind erneut gemeinsam bei Olympischen Spielen. Sie stützen sich gegenseitig – und wollen Medaillen in unterschiedlichen Sportarten gewinnen.
Viele Athletinnen und Athleten in der deutschen Mannschaft haben sich aus zwei Gründen auf die Winterspiele im Norden Italiens ganz besonders gefreut: weil die Anreise mit dem eigenen Auto möglich ist – und weil die Verwandtschaft dabei sein kann. Dabei ist das für einige Olympia-Starter gar nicht so neu: bei ihnen ist die Familie Teil des Teams.
Zum schwarz-rot-goldenen Aufgebot gehören zum Beispiel die Eishockey-Zwillinge Lilli und Luisa Welcke und die Snowboard-Schwestern Kona und Leilani Ettel, dazu die beiden Brüderpaare Adam und Issam Amour (Bob) sowie Friedrich und Jakob Moch (Langlauf). Und dann gibt es noch ein ganz besonderes Geschwister-Duo: Coletta und Johannes Rydzek starten nicht nur in unterschiedlichen Disziplinen, sondern haben beide Medaillenchancen. Und er weiß, wie es sich anfühlt, Olympia-Gold zu holen.
Johannes Rydzek (34) ist einer der erfolgreichsten Kombinierer der Geschichte. 2017 gewann er bei der WM in Lahti alle vier Titel, ein Jahr später wurde er in Pyeongchang Doppel-Olympiasieger (Einzel Großschanze, Staffel). Er kennt aber auch die Schattenseite. 2022 in Peking sah er im ersten Einzel-Wettbewerb aus wie der sichere Sieger, ehe er auf den letzten 500 Metern noch von seinem Teamkollegen Vinzenz Geiger übersprintet wurde, der einige Konkurrenten mitzog. Am Ende wurde Johannes Rydzek Fünfter, war am Boden zerstört. Und froh, dass im Ziel seine Schwester auf ihn wartete und ihn in die Arme nahm. „Für mich ist damals eine kleine Welt zusammengebrochen“, sagt Johannes Rydzek, „Coletta hat mich emotional aufgefangen. In solchen Momenten ist es wichtig, jemanden zu haben, bei dem man seine wirklichen Gefühle zeigen kann.“ Und Nähe zulassen.
Coletta Rydzek (28) hat immer aufgeschaut zu ihrem großen Bruder, er war ihr Vorbild. Die olympische Premiere der Langläuferin vor vier Jahren ist schon nach vier Minuten vorbei gewesen, sie scheiterte in der Sprint-Qualifikation. Und entwickelte sich danach rasant weiter. Als sie am 21. März 2025 – ausgerechnet in Lahti – zu ihrem ersten Weltcup-Sieg sprintete, war der erste Gratulant im Ziel ihr Bruder, der nicht nur jeden Wettkampf von ihr verfolgt, sondern auch so oft wie möglich vor Ort ist. „Die beiden“, sagt Julian Schmid, der Kombinierer-Kollege von Johannes Rydzek, „geben sich enorm viel Energie.“ Zudem wird die Bindung der zwei Skisportler immer enger.
Schon früher haben sie sich getroffen, wann immer es ging. Zu Ski- und Bergtouren. Oder zum gemeinsamen Training. Zu Momenten, die nur ihnen gehören, in denen sie Zeit haben, um zu reden, zuzuhören, sich aufzubauen, zu motivieren, Tipps zu geben. Dabei ist es geblieben. Doch mittlerweile haben Johannes Rydzek und seine Frau Lissi auch noch die Einliegerwohnung in ihrem Eigenheim in Oberstdorf an Coletta Rydzek und deren Freund Simon Jocher, der zur Zeit in Bormio um olympische Meriten fährt, vermietet. Und die Geschwister leben nicht nur zu Hause unter einem Dach, sondern auch in Tesero.
In dem Ort, in dem das Olympia-Langlaufzentrum liegt, haben sich die deutschen Langlauf- und Kombinierer-Teams einquartiert. In der Villa di Bosco treffen sich die Rydzek-Geschwister immer mal wieder – und genießen auch hier ihre Nähe. „Es ist schön, dass wir uns im Hotel jeden Tag sehen“, sagt Coletta Rydzek, „auch wenn natürlich am Ende jeder sein eigenes Ding machen muss.“
Für die Sprinterin geht es an diesem Dienstag los. Um 9.15 Uhr ist die Qualifikation, um 11.45 Uhr beginnen die Finalläufe. Es wird im klassischen Stil gelaufen, die Strecke ist hart, die Konkurrenz stark. Und der eigene Anspruch trotzdem hoch. „Ich will mindestens ins Halbfinale“, sagt Coletta Rydzek, die bei der Generalprobe in Goms mit Laura Gimmler den Teamsprint gewonnen hat, „früher auszuscheiden, wäre eine große Enttäuschung.“ Und auch schlecht für ihren Bruder.
Für Johannes Rydzek stehen an diesem Dienstag erst drei Trainingssprünge auf der Normalschanze in Predazzo an, dann wird der Kombinierer versuchen, so schnell wie möglich die acht Kilometer ins Langlaufstadion zurückzulegen – um seine Schwester im Finale anzufeuern. Einen Tag später steht dann er selbst im Fokus. Erst ab 10 Uhr im Springen, dann ab 13.45 Uhr in der Loipe. „Coletta ist mehr als eine Außenseiterin“, sagt Johannes Rydzek, „ich wäre nicht überrascht, wenn sie eine Medaille holen würde.“ Und wenn nicht? Wird die Familie sie auffangen. Ganz sicher.