S 21-Baustellen in Degerloch Bohrende Fragen zum Bohrer

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Die Bahn informiert im Bezirksbeirat Degerloch darüber, wie sehr sich die Bauarbeiten von Stuttgart 21 auf Degerloch auswirken. Die Lokalpolitiker sind teils alarmiert.

Der Foto: Archiv
Der Foto: Archiv

Degerloch - Das Reizwort heißt „Havarie“. Kaum hat es der Projektabschnittsleiter der Deutschen Bahn, Volker Weiß, ausgesprochen, ist es vorbei mit der relativen Harmonie im Sitzungssaal des Bezirksrathauses am vergangenen Dienstag, 25. Februar. Dabei hatte alles so schön angefangen bei der Informationsveranstaltung der Deutschen Bahn für die Degerlocher Bezirksbeiräte. Volker Weiß eröffnet seinen Beitrag mit der zur Sache kaum relevanten Information, dass er verheiratet sei und zwei Kinder habe. Fast so, als wolle er vorneweg klarmachen, dass auch Menschen, die für das umstrittene Projekt Stuttgart 21 arbeiten, normale Menschen sind und keine zweibeinigen Ungeheuer.

Der Bahn-Mitarbeiter kann auch schnippisch

Den jovialen Ton hält Weiß allerdings nur begrenzt durch an diesem Abend. Denn er kann auch anders, nämlich ziemlich schnippisch. Dann ist zu hören, dass er eigentlich gar nicht verpflichtet sei, irgendetwas zu sagen, oder es heißt, das stehe so im Planfeststellungsbeschluss und werde dementsprechend umgesetzt. Den Sprecher der Degerlocher Sozialdemokraten, Klaus-Dieter Kadner, fährt Weiß öfters an.

Dabei formulierte der SPD-Politiker nur etwas forcierter das Problem, das auch andere Bezirksbeiräte mit dem Vortrag des Projektabschnittsleiters hatten. Auch nach dem Vortrag von Volker Weiß bleibt eben vielen unklar, was die Bahn eigentlich genau vorhat auf der Gemarkung Degerloch tief unter dem Erdboden.

Zunächst aber zurück zur Havarie. Das Wort lässt an Kernschmelzen oder Schiffsuntergänge denken. Verständlich deshalb, dass die Bezirksbeiräte genau wissen wollen, was künftig in der Tiefe unter Degerloch so alles schiefgehen könnte.

Degerloch droht kein Fukushima

Weiß reagiert sichtlich genervt auf die wiederholten Nachfragen. Nach und nach wird klar, dass Degerloch kein Fukushima droht. Lediglich die viele Millionen Euro teure Bohrmaschine könnte in dem Tunnel versagen, der 100 bis 200 Meter tief unter Degerloch verlaufen soll. Dann müsste die Bahn allerdings etwas tun, was den Degerlochern überhaupt nicht gefiele. Der von Anwohnern gefürchtete sogenannte Zwischenangriff an der Sigmaringer Straße – ein weiterer Tunnel, von dem aus weiter gearbeitet werden könnte unter der Erde – würde dann nötig werden.

Unklar blieb zunächst auch, ob die für die Sigmaringer Straße geplanten Wohncontainer für die Arbeiter nun in jedem Fall kommen oder vielleicht doch nicht. Die Antwort ist kompliziert. Sie werden kommen – aber die Bahn will sie eigentlich nicht haben. Aus Sicht des Unternehmens wäre es eigentlich sinnvoller, die Container an anderer Stelle, nämlich an der Schelmenwasenstraße im Fasanenhof, zu errichten. Allerdings sei es der Bahn bisher noch nicht gelungen, die Fläche dafür zu erhalten.

Bezirksbeiräte sollen sich wehren, was sie aber nicht wollen

Also wird an der Sigmaringer Straße gebaut, wo dies der Planfeststellungsbeschluss ermöglicht. Ein anderer Bahnmitarbeiter auf dem Podium deutet aber an, dass die Verhandlungen über den von der Bahn favorisierten Standort weitergingen. Volker Weiß fordert die Bezirksbeiräte offen auf, sich ihrerseits dafür einzusetzen und politischen Druck für einen anderen Standort aufzubauen. Die Bezirksbeiräte reagieren verhalten. Klaus-Dieter Kadner äußert offen seinen Unmut: „Die SPD wird sich nicht daran beteiligen, Bezirke gegeneinander auszuspielen.“

Kadner will zudem von dem Bahnmitarbeiter wissen, welche Belastungen auf Degerloch zukommen für den Fall, dass nicht nur die Siedlung von Wohncontainern, sondern auch der Zwischenangriff gebaut wird. Weiß verweist bei der ersten Frage auf die Baufirma, die letztlich die Wohncontainer errichtet. Zum zweiten Fall gibt es aus seiner Sicht ohnehin nicht viel zu sagen, weil die Bahn nicht damit rechne, dass die Havarie im Tunnel unter Degerloch eintritt. Allerdings erinnert er an den Planfeststellungsbeschluss, der bis zu 700 Lastwagenfahrten pro Tag zu der Baustelle an der Sigmaringer Straße erlaubt. Die Bezirksbeiräte äußern ihre Sorge, weil sie einen Verkehrsinfarkt auf der B 27 fürchten. Zudem wird auf die Nähe zu zahlreichen Schulen.

Es wird ein Wiedersehen mit der Bahn geben

Am Ende der Informationsveranstaltung ist klar, dass es bald ein Wiedersehen geben wird zwischen Bahnmitarbeitern und Bezirksbeiräten. Das Unternehmen will die Lokalpolitiker regelmäßig über den Stand der Dinge informieren, im September soll es eine Veranstaltung für die Bürger geben. Schon eines steht fest, bevor die Bauarbeiten im kommenden Jahr überhaupt begonnen haben: Der Bohrer im Untergrund wird bis zum geplanten Abschluss der Arbeiten 2021 noch genügend Anlass bieten für bohren Fragen.

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