Derzeit läuft die dritte Schau des inzwischen 76-Jährigen, wieder auf Initiative des Kulturamts, und wieder ist der Andrang groß. Man müsse „hoch anerkennen, dass die Überlinger das jetzt gemacht haben“, lobte Lenk in einem TV-Interview, aber es sei wohl das letzte Mal: „So was wird nicht noch mal genehmigt.“
Tatsächlich scheint die von einem SPD-Oberbürgermeister regierte Stadt inzwischen etwas Angst vor der eigenen Courage bekommen zu haben. Seit der Eröffnung der noch bis Oktober dauernden Ausstellung betont sie immer wieder, es gehe um Kunst und nicht um Politik. Bereits gedruckte Plakate und Handzettel wurden – weil angeblich zu politisch – zurückgezogen und durch entschärfte ersetzt. Lokale Politgrößen vermeiden es derweil tunlich, die Botschaften von Lenk zu kommentieren.
S-21-Film gehört fest zur Ausstellung
„Das Trojanische Pferd“ heißt die vom Künstler selbst kuratierte Ausstellung. Gemeint ist das Projekt Stuttgart 21, das er früh als „brandgefährliches Geschenk“ der Bahn an die Landeshauptstadt erkannte. Im Mittelpunkt steht daher jene Großskulptur, die schon 2020 in Stuttgart Furore machte: der „Schwäbische Laokoon“, jenes fast zehn Meter hohe Figurenensemble, in dem Winfried Kretschmann mit einer Schlange in Gestalt eines ICE-Zugs ringt, umgeben von diversen Akteuren aus Politik und Wirtschaft. Nach der temporären Aufstellung vor dem Stadtpalais hatte sich in Stuttgart kein dauerhafter Platz gefunden, nun steht das Werk in Lenks Garten am Bodensee. In Überlingen werden großformatige Entwürfe und originale Figurenmodelle gezeigt, dazu andere, noch unbekannte jüngere Werke des Bildhauers.
Integraler Bestandteil der Schau ist für ihn der Film des Regisseurs Klaus Gietinger („Daheim sterben die Leut“) über Stuttgart 21. Auch der heißt „Das Trojanische Pferd“ – weil es in Wahrheit um ein Immobilienprojekt gehe – und handelt von fortgesetzten Täuschungen, Fehlplanungen, Kostensteigerungen und vielen anderen Kritikpunkten. Die filmische Abrechnung mit dem Tiefbahnhof läuft ständig parallel zur Ausstellung. Auch zum Auftakt wurde sie gezeigt, zum Missvergnügen des langjährigen Bodenseekreis-Landrats Lothar Wölfle (CDU), wie der „Südkurier“ andeutete: „Kein Kommentar“ habe der nur geknurrt.
Plakate und Handzettel – plötzlich verändert
Auch auf Plakaten und Handzetteln wurde „S 21“ als Thema der Ausstellung zunächst klar benannt – rot auf weiß, angelehnt an das Bahn-Design. Doch plötzlich verschwanden die bereits eingesetzten Werbemittel, auf den neuen fehlte das Signet, an seiner Stelle prangte nun Freiraum – zur Verwunderung mancher aufmerksamer Überlinger. OB Jan Zeitler, wurde gewispert, habe persönlich interveniert.
Die Initiative für die Änderung „ging von der Stadt aus“, bestätigt eine Rathaus-Sprecherin, ohne konkreter zu werden. In Absprache mit dem Künstler habe man sich „darauf geeinigt, einen neutralen Ausstellungstitel zu wählen“. Begründung: Es handele sich „um eine Kunstausstellung, nicht um eine politische Veranstaltung“ – was bei Lenk freilich nie klar zu trennen ist. Ursprünglich wollte der Bildhauer auch ein Kretschmann-Zitat zur S-21-Volksabstimmung auf dem Plakat unterbringen: In der Demokratie entscheide nicht die Wahrheit, sondern die Mehrheit. Doch das sei von Anfang an nicht durchsetzbar gewesen.
Dem Erfolg der Ausstellung scheint das Gerangel derweil nicht zu schaden: Bisher kamen nach Angaben der Stadt bereits 6000 Besucher, bis zum 8. Oktober würden insgesamt 15 000 erwartet.