S-21-Tunnelbau in Stuttgart-Wangen Wenn nachts der Meißel kreischt

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In Stuttgart-Wangen beschweren sich Anwohner über den Baulärm der S-21-Tunnelbaustelle. Tagsüber werde gesprengt, nachts kreische ein Vortriebsmeißel. Die Bahn will nun ausloten, ob Sprengungen auch nachts möglich sind.

Bei der Tunneltaufe in der Ulmer Straße in Stuttgart-Wangen war noch alles okay. Jetzt klagen Anwohner über unerträglichen Baulärm. Foto: Michael Steinert
Bei der Tunneltaufe in der Ulmer Straße in Stuttgart-Wangen war noch alles okay. Jetzt klagen Anwohner über unerträglichen Baulärm. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Das Lärmprotokoll ist zwei eng beschriebene DIN-A-4-Seiten lang: Seit Anfang August hat ein Anwohner der Nähterstraße in Stuttgart-Wangen aufgelistet, welche Lärmbelastung von der S-21-Tunnelbaustelle ausgeht. Etwa 30 Meter unter seinem Haus werden die Röhren in Richtung Innenstadt vorgetrieben. Jetzt will die Bahn die Vortriebsart ändern: Auch nachts soll gesprengt werden.

„Starkes Klopfen/Meißeln“, steht in der Liste, „heftige Sprengung, sehr starke Erschütterungen, Vibrieren im Erdgeschoss, ich erschrecke mich zu Tode“. In den vergangenen Nächten ist es noch schlimmer geworden. „Um circa 1.30 Ihr beginnen die Meißelarbeiten. Sehr laut. Tochter Lilly kommt um 2 Uhr und klagt über den Krach. Bis 5 Uhr dauern die Meißelarbeiten mit bis über 45dBA. Unglaublich. Rufe bei der Polizei an und versuche, wieder vergeblich, eine Anzeige wegen Ruhestörung zu machen“, hat der Anwohner am Samstag, 3. Oktober, einem Feiertag, notiert. Auch in der Nacht zum Sonntag sei wieder von 0 bis 5.40 Uhr gemeißelt worden. „Die aktuelle Situation ist für viele Anwohner der Nähterstraße absolut untragbar. Der Lärm, der durch die Meißelarbeiten in den Häusern nachts ankommt, ist unerträglich“, sagt er.

Bahn prüft bessere Vortriebsarten

Nachdem sich am Wochenende die Situation verschärfte, reagiert der Bauherr, die bahneigene S-21-Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm. So haben sich einzelne Mitarbeiter direkt an Anwohner gewandt und angekündigt, nach einer Lösung zu suchen. „Wir bedauern, dass es beim Tunnelvortrieb zu den nächtlichen Ruhestörungen gekommen ist“, sagt am Sonntag ein S-21-Sprecher gegenüber der StZ. Man versuche, die Situation für die Anwohner zu verbessern, indem andere Vortriebsarten geprüft würden. Bisher verweist die Bahn darauf, dass der Tunnelvortrieb sieben Tage die Wochen und 24 Stunden am Tag genehmigt sei. Die Landesbergdirektion habe zudem vorgeschrieben, dass Sprengungen nur tagsüber von 6 bis 22 Uhr gemacht werden dürften. Deshalb werde nachts der Vortrieb mit Meißeln gemacht. „Dabei ist es aufgrund der unterschiedlichen Gesteinsformationen schwierig, die Lärmauswirkungen zu prognostizieren“, sagt der Sprecher.

In Gesprächen mit der Landesbergdirektion in Freiburg will die Bahn nun erreichen, dass sie auch nachts sprengen darf. „Eine Sprengung ist weniger belastend als der ständige Meißelvortrieb.“ Zudem könne man die nächtlichen Sprengungen auf zwei begrenzen, „das sind dann jeweils fünf Sekunden Schall und Erschütterungen“, sagt er. Das nächtliche Sprengverbot soll eigentlich die Anwohner vor Lärm und Erschütterungen schützen.

Gelten die Lärmgrenzwerte auch für die Bahn?

Die Anwohner verweisen darauf, dass die Bahn die Richtwerte für Baulärm seit Wochen verletze. So seien nachts Höchstwerte von 40 und 35 Dezibel für Gebiete vorgeschrieben, in denen vorwiegend oder ausschließlich Wohnungen seien. „Wir haben hier aber mehr als 45 Dezibel“, sagt ein Anwohner, der mit einem eigenen Gerät misst. Auch dass die Bahn von 6 bis 22 Uhr sprenge und nicht – wie in der AVV Baulärm vorgeschrieben – nur von 7 bis 20 Uhr hält er für bedenklich. Die Bahn verweist in diesem Zusammenhang auf ein Gutachten, das diese Ausnahme erlaube. „Wir haben den Eindruck, dass die Bahn zeit- und kostenmäßig so unter Druck ist, dass für sie nur zählt, rasch mit dem Vortrieb voranzukommen“, sagt ein Anwohner. Wenn man wisse, wie stark die Lärmbelastung sei, müsse man „doch nicht jede Vorschrift bis zur Grenze ausreizen“, sagt er.

Die Anwohner fühlen sich allein gelassen. „Wir haben keine Lobby“, sagen sie. Sie seien bisher von der Stadt und der Bahn immer wieder vertröstet worden. Und wenn man sich bei der Polizei über den Lärm beschwere und Anzeige erstatten wolle, werde man abgewimmelt, wie ein Anwohner unter dem Datum 23. September notiert: „Seit 5 Uhr versuche ich einzuschlafen. Geht nicht. Es hört und fühlt sich an, als klopft jemand mit dem Vorschlaghammer ans Haus. Man spürt die Erschütterungen jeden Schlages. Die Polizei weigert sich erneut eine Anzeige aufzunehmen. Die Baustelle sei genehmigt und werde ständig überwacht. Dass ich nicht schlafen kann, sei mein Problem.“