InterviewS-21-Vereinschef Georg Brunnhuber „S 21 ist Ouvertüre für das Rosensteinviertel“

Das Turmforum, das für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm wirbt, wird 20 Jahre alt. Georg Brunnhuber, Vorsitzender des die Ausstellung tragenden Vereines, spricht über das geplante neue Domizil der Schau und seinen überraschenden Rückzug von der Vereinsspitze.

Georg Brunnhuber gibt sein Amt an der Spitze des S-21-Vereins auf. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Georg Brunnhuber gibt sein Amt an der Spitze des S-21-Vereins auf. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Stuttgart 21 sei die „größte Fehlentscheidung der Eisenbahngeschichte“ hat Landesverkehrsminister Winfried Hermann jüngst befunden. Der S-21-Ausstellung bescherten solche Aussagen erhöhten Zulauf, sagt Georg Brunnhuber und empfiehlt dem Minister selbst mal einen Besuch.

Herr Brunnhuber, Verkehrsminister Winfried Hermann hat Stuttgart 21 in der vergangenen Woche als größte Fehlentscheidung in der Eisenbahngeschichte bezeichnet. War er zu selten in Ihrer Ausstellung?
Ich glaube, er war es überhaupt noch nicht, und das ist ein Fehler. Denn alle, die in der Ausstellung waren – und das waren in nun 20 Jahren vier Millionen Menschen – sind mit der klaren Erkenntnis gegangen, dass das Projekt ein Gutes ist. Die Aussage von Minister Hermann ist einem Teil seiner Wählerklientel geschuldet. Und das erkennen viele Menschen, nämlich dass mit dem Projekt viel Politik gemacht wird. Wir im Turmforum informieren sachlich.
Diese Ansicht scheinen nicht alle zu teilen.
Ich vermisse in der ganzen Diskussion den Hinweis darauf, dass da nicht nur Bahnin-frastruktur entsteht, sondern der erste Bahnknoten Europas, in dem die Züge digital gesteuert werden. Wir setzen nicht nur im Fernverkehr das europäische Zugsicherungssystem ETCS ein sondern auch bei den Regionalzügen. Und wir bemühen uns im Verbund mit Land, Region und Stadt, dass das auch auf die S-Bahnen übertragen wird. Das schafft nochmals mehr Kapazität im Knoten, weil die Züge schneller aufeinander folgen können. Und genau das ist es, was Stuttgart braucht.
Wie hat sich in den 20 Jahren, in denen die Ausstellung zu sehen ist, der Fokus der Besucher verändert?
Mittlerweile muss man sich nicht ausschließlich an Plänen und Skizzen informieren, sondern kann den Baufortschritt ansehen. Deswegen sind wir jetzt zweigleisig aufgestellt: Wir beginnen alle Führungen im Turm und gehen dann auf die Baustellen. In Zukunft werden die Baustellenführungen noch mehr zulegen. Und nach Äußerungen wie der von Winfried Hermann steigen bei uns wieder die Anfragen nach Terminen. Ende des Jahres dürften wir die 2000. Führung in diesem Jahr haben.
Gibt’s aus Sicht des Baustellenführers genug zu sehen? Der Baufortschritt ist verhalten rasant.
Das Wachsen der Kelchstützen hier am Bahnhof ist schon ein gigantischer Blickfang für die Menschen. Sie sehen da, wie komplex das ist. Und was noch nicht zu sehen ist, zeigen wir anhand von 3D-Modellen und in der virtuellen Realität. Damit haben wir schon vor fünf Jahren begonnen. Damals waren wir das erste Bauprojekt europaweit, das auf diese Technik gesetzt hat.
Am Jahresende ist Schluss im Bahnhofsturm. Nun ist bekannt geworden, dass es neue Ausstellungsflächen geben soll. Sollte ein mehr als acht Milliarden Euro teures Projekt nicht für sich sprechen und eine Ausstellung eigentlich nicht nötig haben?
Die Neugier der Menschen ist so eminent groß, dass wir nicht nur nicht darauf verzichten können, sondern dass die Schau auf hohem Niveau bleiben muss. Die Baustellen in der Stadt und auf der Fahrt nach Ulm bleiben den Menschen ja nicht verborgen, das weckt Interesse und das kann man nicht ignorieren. Deswegen sind wir froh, dass die Überlegungen, die wir im Verein schon vor Jahren angestellt hatten, nun von allen Partnern aufgegriffen werden. Damit können wir einen neuen Pavillon am Gleis 16 bauen. Das neue Ausstellungsgebäude wird die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, da es von allen Seiten zu sehen sein wird. Wir schaffen quasi einen Ersatzturm. Dort findet zum einen die Ausstellung weiterhin statt. Aber dort können auch die Pläne fürs Rosensteinviertel gezeigt werden sowie die Überlegungen für die Internationale Bauausstellung. Das ist Ergebnis der Gespräche mit unseren Partnern. Das Bahnprojekt ist die Ouvertüre – das große Werk folgt mit dem Rosensteinviertel.
Wenn Sie Stadt und Region mit ihm Boot haben, heißt es aber zusammenrücken. Wie sieht das Konzept der Schau aus?
Wir sind jetzt gerade dabei mit dem Architekturbüro Heller Designstudio die Planung zu beenden. Das mehrgeschossige Gebäude soll auch ein Café und eine Aussichtsterrasse bieten. Natürlich wird es weniger Platz geben als im Bahnhofsturm. Aber durch die digitale Technik können wir die Themen flexibel spielen: so könnten wir im ersten Moment die ganze IBA im Haus zeigen, eine Stunde später das Rosensteinviertel und dann das Bahnprojekt. Wenn es gut läuft, können wir im Sommer 2019 eröffnen. Der Pavillon kann zudem über 2025 hinaus stehen bleiben. Er befindet sich an einem Platz, der auch nach Inbetriebnahme des Durchgangsbahnhofs nicht gleich benötigt wird.
Wie teuer wird das, und wer soll das bezahlen?
Wie gehen von Kosten zwischen drei und vier Millionen Euro aus. Die Finanzierung klären wir gerade mit Stadt, Land, Region und der Bahn. Und der Verein selbst hat Rückstellungen für die neue Ausstellung gebildet. Wir können mehr als eine Million Euro einbringen.
Sie hätten den Verein bis 2020 führen können. Warum verabschieden Sie sich Ende des Jahres?
Mein Ehrgeiz war immer, das Projekt 2021 in Betrieb zu nehmen. Jetzt wird es bis 2025 dauern, da wäre ich im 78. Lebensjahr. Das kann ich mir nicht zumuten – und auch nicht denen, die mit mir zusammenarbeiten. Der Umzug der Ausstellung bedeutet einen großen Schnitt, die Hereinnahme der Stadt und der Region bringt ganz neue Herausforderungen mit sich. Da war für mich klar: jetzt ist ein guter Moment, um sich zu verabschieden.
Was muss ein Nachfolger mitbringen?
Die Bahn hat das Vorschlagsrecht. Voraussetzung ist eine absolute Kenntnis des Projekts. Zudem muss man politisch und gesellschaftlich in der Region und im Land vernetzt sein. In dieser Funktion muss der kleine Dienstweg funktionieren. Man muss die richtigen Leute auch spontan ansprechen können.
Und welche Namen fallen Ihnen dazu ein?
Da hätte ich schon ein paar. Aber jeder, den ich jetzt nenne, hätte dann ein Problem. Es gibt eine größere Zahl von Leuten, die in Frage kommen und die es wahrscheinlich auch gerne machen würden.
Noch gibt es aber den Vorsitzenden Georg Brunnhuber. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ein großer Erfolg des Vereins ist es, geschafft zu haben, trotz immer schriller werdender Anläufe, das Projekt madig zu machen, das Interesse am Vorhaben auf hohem Niveau gehalten zu haben. Ein bisschen stolz bin ich auch auf das Verhältnis, das wir zu unseren Projektpartnern aufgebaut haben. Dazu gehört es eben auch, die Kontakte zu ihnen zu pflegen. Das habe ich gemacht – von Berlin bis Stuttgart.
Und was machen Sie mit der künftig zur Verfügung stehenden Zeit?
Das weiß ich auch noch nicht so genau. Ich habe mit 17 zu arbeiten begonnen und werde nächstes Jahr 71. Irgendwann lässt dann die Kraft nach – auch wenn man es selbst am wenigsten merkt. Und der Job hier bringt auch Herausforderungen mit sich, wenn man mit einem Teil der Projektpartner Sträuße ausfechten muss. Ich habe mir jetzt mal ein E-Bike gekauft, damit ich mich nicht so schlauch auf der Schwäbischen Alb. Meine ganzen Altersgenossen in Oberkochen haben wunderschöne Hobbys, für die ich bislang nicht die Zeit hatte. Und dann sind da noch drei Enkel. Zuletzt sind außerdem die Fernreisen von meiner Frau und mir zu kurz gekommen. Ich habe ihr immer versprochen, einmal Hongkong und Singapur zu sehen.