S-Bahn-Chaos in Stuttgart Fahrgäste fühlen sich schlecht informiert

Von Jörg Nauke 

Der Stromausfall nach einem Oberleitungsschaden auf der Stammstrecke am Wochenende hat für chaotische Zustände gesorgt. Viele Fahrgäste saßen stundenlang in den S-Bahnen fest und attestieren der Bahn ein „chaotisches Krisenmanagement“.

Nach dem S-Bahn-Chaos vom vergangenen Freitag stellt sich erneut die Frage nach der Qualität des Krisenmanagements. Foto: Achim Zweygarth
Nach dem S-Bahn-Chaos vom vergangenen Freitag stellt sich erneut die Frage nach der Qualität des Krisenmanagements. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Die S-Bahn Stuttgart nimmt ihren regulären Betrieb wieder auf.“ In den neun Stunden zwischen dieser Meldung der zentralen Pressebereitschaft der Deutschen Bahn in Berlin am Samstag um vier Uhr und der ersten Mitteilung über einen Stromausfall auf der unterirdischen Stammstrecke in der Innenstadt am frühen Freitag Abend herrschten in weiten Teilen des S-Bahnnetzes chaotische Zustände, und auch der Fern- und Regionalverkehr war beeinträchtigt. Bereits am Freitag Vormittag hatte es wegen eines Suizids Verspätungen gegeben. Die S-Bahn-Betreiber stehen wegen der ständigen Pannen unter Druck. Zuletzt wurde sogar die neueste S-Bahn-Generation ET 430 außer Betrieb genommen.

In diversen Internetforen haben verärgerte Bahnfahrer ihre Erlebnisse am Freitag Abend geschildert, die fehlenden Informationen über alternative Transportmöglichkeiten kritisiert und die Frage aufgeworfen, wie solche Störungen bewältigt werden könnten, wenn wegen Stuttgart 21 künftig die Gäubahnstrecke nicht mehr als Umfahrung zur Verfügung steht und auch keine S-Bahnen mehr alternativ oberirdisch im Hauptbahnhof halten können. Darauf gab es auch Antworten: Viele S-Bahnen würden wohl nur noch bis Zuffenhausen und Bad Cannstatt fahren.

Die Bahnpressestelle gibt sich zugeknöpft

Die Bahn hat am Sonntag nur vage Angaben zur Unfallursache gemacht: „S-Bahn rausgezogen, Verkehr vor dem Tunnel umgeleitet. Der Rest ist ja bekannt“, hieß es lapidar aus der Berliner Kommunikationszentrale. Nach Augenzeugenberichten hatte ein aus Richtung Feuersee kommender S-Bahn-Zug der neueren Baureihe ET 423 um 17.18 Uhr kurz vor der Station Stadtmitte die Oberleitung auf Gleis 2 heruntergerissen. Er konnte aber noch in die Station „Stadtmitte“ einfahren. Zwei Stunden später soll der defekte Zug mit einer aus Plochingen kommenden Diesellok abgeschleppt worden sein. Eine weitere S-Bahn in der Haltestelle Feuersee soll ebenfalls abgeschleppt worden sein.

Am Samstag um 0.15 Uhr hatte die Bahn noch mit Beeinträchtigungen bis in den Mittag hinein gerechnet. Zu diesem Zeitpunkt war wenigstens das nicht betroffene Gleis 1 zwischen den Tiefstationen Hauptbahnhof und Schwabstraße wieder befahrbar. In der Gegenrichtung wurden die Linien S 1, S 2 und S 3 zwischen Vaihingen und Hauptbahnhof über die Gäubahnstrecke geführt. „Für Reisende im Fern- und Regionalverkehr sind keine Beeinträchtigungen zu erwarten“, hieß es . Zuvor hatte es aber Verspätungen von bis zu 40 Minuten gegeben, weil S-Bahn-Züge oberirdisch in den Bahnhof einfuhren und momentan wegen der Verlegung des Querbahnsteigs für Stuttgart 21 zwei weitere Gleise gesperrt sind. Darüber hinaus soll ein Stromausfall in der Lok des Intercity nach Karlsruhe für weitere Behinderungen gesorgt haben. Er kehrte nach 500 Metern Fahrt in den Hauptbahnhof zurück und blockierte dort ein Gleis.

Drei Stunden für eine kurze Fahrt

Mancher S-Bahn-Fahrgast kam sehr spät ans Ziel. „Drei Stunden von Sindelfingen nach Stuttgart“ habe er gebraucht, beklagte sich ein „verärgerter Bahnfahrer“ im StZ-Leserforum. Ein anderer benötigte von Filderstadt in die City zwei Stunden. Wie andere bemängelten sie, dass Zugbegleiter und Fahrpersonal unzureichend oder falsch informiert würden. „In 15 Minuten geht es weiter, das nächste freie Gleis wird für uns reserviert“, sei immer wieder behauptet worden. Hätte man die Fahrgäste korrekt informiert, wäre ein Ausstieg in Vaihingen und die Weiterfahrt mit der Stadtbahn eine gute Alternative gewesen.

„Die Informationspolitik der Bahn ist ihrem Ruf voll gerecht worden“, befand ein mit dem ICE aus Hamburg kommender Fahrgast, der nach Backnang wollte. In Bad Cannstatt sei die Anzeige „Nicht einsteigen“ gekommen, fünf Minuten später habe es entgegengesetzte Lautsprecherdurchsagen gegeben. Ein „chaotisches Krisenmanagement“ attestierte ein anderer Passagier der Bahn. So habe sie die Fahrgäste einer fast leeren S 1 nach Böblingen aufgefordert, in eine auf dem Nebengleis haltende überfüllte S 1 nach Herrenberg umzusteigen – um dann nur den leeren Zug losfahren zu lassen. Der Augenzeuge: „In der anderen Bahn drängten sich die Fahrgäste in der Sommerhitze, dass das Wasser innen an den Fensterscheiben herunterlief.“




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