Die Unterführung des S-Bahnhofs in Neuhausen hat die Gemeinde schon fertig. Die ersten Bahnen rollen aber wohl erst Ende 2028 in den neuen Endbahnhof ein. Foto: Markus Brändli
Die mehrfache Verzögerung des S-Bahn-Anschlusses für Neuhausen hat viele Menschen verärgert. Für Bürgermeister Ingo Hacker überwiegen die Chancen des Projekts.
Nicht nur Pendler erwarten die Verlängerung der S-Bahn-Linie 3 nach Neuhausen sehnsüchtig. Doch die ersten Züge kommen wohl erst Ende 2028. „Wir haben unsere Projekte nach Plan fertig“, sagt Bürgermeister Ingo Hacker. Er sieht in der mehrfachen Verzögerung des Bauprojekts auch Chancen. Denn der neue Busbahnhof und mit ihm der multimodale Knoten soll Ende 2027 zum Fahrplanwechsel in Betrieb gehen: „So haben wir eine lange Testphase.“ Im Interview spricht Hacker über den S-Bahn-Bau und die Entwicklung der Fildergemeinde mit rund 13. 000 Einwohnern.
Der Schienenanschluss, der 2028 kommen soll, macht den ÖPNV attraktiver und Neuhausen als Wohnort noch interessanter. Hat die Fildergemeinde denn vor, weiter zu wachsen?
Ingo Hacker: Wir müssen tatsächlich weiter wachsen. Der Schienenanschluss ist für uns ein Segen und gleichzeitig eine Verpflichtung. Denn wenn die öffentliche Hand eine Viertelmilliarde Euro in den Ausbau des Schienennetzes investiert, muss man schauen, dass möglichst viele Menschen die Schiene auch nutzen. Da geht es unter anderem um Wohnen und Arbeiten. In diesen Bereichen wuchern wir mit dem Pfund Schienenanschluss. Es ist für uns eine kontinuierliche Aufgabe, unsere Unternehmen zu halten oder neue anzusiedeln. Aus diesem Grund müssen wir neue Gewerbegebiete entwickeln. Auch städtebaulich haben wir das Areal um den neuen S-Bahnhof so organisiert, dass es möglichst einfach ist, Beruf und Familie gut unter einen Hut bringen – das geplante Kinderhaus zum Beispiel, das wir wegen der Finanzkrise leider auf Eis legen müssen, wird nur einen Steinwurf vom S-Bahnhof entfernt sein.
Stärkt der S-Bahn-Anschluss denn auch den Wirtschaftsstandort?
Spannend ist ja, dass am neuen S-Bahnhof ein multimodaler Verkehrsknotenpunkt entsteht. Mit der S-Bahn ist man schnell am Flughafen und damit am künftigen Filderbahnhof. Dieser ermöglicht Verbindungen ins ganze Land. Gerade mit Blick auf die Wirtschaftskrise und den Stellenabbau selbst bei großen Konzernen bieten sich so neue Möglichkeiten. Menschen, die sich etwa durch veränderte arbeitsmarktpolitische Bedingungen neu orientieren oder ihrem Arbeitgeber folgen müssen, bleiben durch diese Verkehrsgunst auch ohne eigenes Auto mobil und können ihren Lebensmittelpunkt in Neuhausen behalten.
Am S-Bahnhof in Neuhausen bauen die Stuttgarter Straßenbahnen AG und die Gemeinde. Foto: Markus Brändli
Worin sehen Sie die politische Verantwortung der Gemeinde?
Mit dem S-Bahn-Anschluss hat sich auch unser Status geändert. Im regionalen Netz sind wir nicht länger eine Kommune mit Eigenentwicklung. Jetzt sind wir eine Kommune mit Schienenanschluss. Das bedeutet, dass uns aus der Landes- und Regionalplanung mehr Entwicklungsmöglichkeiten gegeben werden. Im Umkehrschluss heißt das aber, dass wir dem gerecht werden und Flächen für Wohnbebauung und Gewerbeentwicklung anbieten müssen. Diesen Prozess haben wir schon vor Jahren angestoßen, mit den Veranstaltungen im Rahmen des Integrierten Gemeindeentwicklungskonzepts (IGEK). Und es gibt eine Arbeitsgruppe des Gemeinderates.
Was ist rund um das künftige Bahnhofsareal geplant?
In der Neuen Glaserei realisiert aktuell ein privater Investor Geschosswohnungsbau in etwa 350 Metern Entfernung zum neuen Bahnhof. Dann gibt es mehrere Flächen, die für Wohnbebauung genutzt werden können. Mit der Stuttgarter Straßenbahnen AG, der das S-Bahnhofsareal gehört, sind wir in Gesprächen, ob dort eine Mischbebauung mit Wohnungsbau, Arztpraxen und verschiedenen Dienstleistern möglich wäre. Innerorts, südlich des S-Bahnhofs gibt es weitere Gebiete, die entwickelt werden könnten. Die Unterführung der Bahngleise haben wir schon mit Blick auf diese Entwicklungsflächen geplant. Insgesamt setzen wir auf eine innerörtliche Nachverdichtung. Zwar könnten wir perspektivisch auf 15.000 Einwohner wachsen, aber nur schrittweise. Denn für uns ist die Integration in den Ort, von allen, die dies wünschen, ein wesentlicher Faktor.
Die mehrfache Verzögerung beim S-Bahn-Bau hat viele Menschen geärgert, immer wieder wurde der Termin nach hinten geschoben. Was hat das für Ihre städtebaulichen Projekte bedeutet?
Zunächst hatte es keine Auswirkungen. Wir haben unsere Projekte so umgesetzt wie geplant. Der neue Busbahnhof, die Park-and-Ride-Plätze und die Fahrradterminals nehmen wir planmäßig Ende nächsten Jahres zum Fahrplanwechsel in Betrieb. Das hat zwei Gründe: Zum einen haben wir einen Probelauf und zum anderen gewöhnen sich die Menschen an die Abläufe. Vor allem hoffe ich, dass möglichst viele mit dem Fahrrad, mit E-Scootern oder mit dem Pedelec zum Busbahnhof kommen. Gerade in der Rush Hour müssen wir testen, ob es klappt, wie es die Verkehrsplaner ausgewiesen haben. Wir haben bewusst so gebaut wie geplant, denn eine Verzögerung hätte für uns das Projekt verteuert. Ein großes Problem ist, dass wir sehnsüchtig auf die Förderbescheide des Landes warten. Diese würden uns für die Zukunft mehr Planungssicherheit geben. Wir gehen aktuell davon aus, dass Ende nächsten Jahres auch der S-Bahnhof fertig sein wird. Deshalb ist es umso wichtiger, dass auf dem Gelände möglichst früh viele Menschen unterwegs sind. Das ermöglicht nicht zuletzt eine gewisse soziale Kontrolle.
Rund um das künftige Bahnhofsareal entsteht eine zweite Ortsmitte. Foto: Markus Brändli
Neuhausens Finanzlage ist – wie in anderen Kommunen - extrem angespannt. Mussten die Pläne rund um den S-Bahnhof abgespeckt werden?
Ja, das ließ sich leider nicht vermeiden. Was mir als Radfahrer und auch städtebaulich sehr weh tut, ist, dass wir unseren Fahrradturm bis auf weiteres zurückstellen mussten. Wenn ich unsere aktuelle Finanzlage anschaue, wird der Turm lange nicht realisiert werden können. Städtebaulich wäre der Fahrradturm großartig gewesen – so hätte man den Bahnhof von überall her wahrgenommen. Die 1,8 Millionen Euro, die dieser Turm gekostet hätte, sind derzeit nicht machbar – und die Kosten werden sicher steigen. Auch die Gasregelstation konnten wir nicht so realisieren wie geplant.
Neuhausen wird künftig Endbahnhof sein. Das hat die Kehrseite, dass viele Leute von außerhalb kommen und möglicherweise Dinge beschädigen. Was wollen Sie da tun?
Wir haben uns frühzeitig Gedanken gemacht, auch mit Blick auf unsere Fasnet. Am Fasnetssonntag sind in Neuhausen rund 50. 000 Menschen auf den Beinen. Gemeinsam mit dem Narrenbund diskutieren wir Konzepte, wie wir die Besucherinnen und Besucher vom S-Bahnhof sicher in Richtung Schlossplatz leiten können. Dass möglicherweise auch Leute kommen, die sich nicht an die Regeln halten, lässt sich vermutlich nicht vermeiden. Der Bahnhof ist hell und offen gestaltet, so sind alle Bereiche gut einsehbar. Wir überlegen schon jetzt mit Ordnungsamt und Polizei, was wir gerade in der Zeit des Leerstands tun können. Dass der Anschluss an die S-Bahn nicht nur einen Sonnen- sondern auch eine Schattenseite hat, war uns klar. Darauf sind wir aber gut vorbereitet.