S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen Darum sind manche Eigentümer verärgert

Walter Schweizer muss wohl große Teile seines Ackers in Neuhausen abgeben. Er wünscht sich finanzielle Gleichbehandlung mit den Filder­städter Landwirten. Diese erhalten zehn Euro mehr pro Quadratmeter. Foto: Caroline Holowiecki

Für den Bau der S-Bahn-Strecke nach Neuhausen fehlen noch etliche Grundstücke. Die SSB, die für den Bau der Gleise zuständig sind, fühlen sich blockiert. Die Besitzer der Äcker haben eine andere Sicht. Warum sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Gewusst hat Walter Schweizer schon, dass da was kommen wird. Als er aber Anfang 2022 kommentarlos einen ausgefertigten Notarvertrag im Briefkasten vorfand, der den Kauf von Teilen seines Ackers zum Inhalt hatte, war er trotzdem erstaunt. Das Grundstück befindet sich auf der Gemarkung Neuhausen und wird von den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) zum Bau der S-Bahn-Verlängerung benötigt. Schweizer war früher Nebenerwerbslandwirt, heute, als Rentner, ist er immer noch auf dem Feld zugange. Mal baut er Weizen an, mal Gerste, mal Kartoffeln. Die Traktoren parken direkt am Wohnhaus in Sielmingen.

 

Der 72-Jährige hat eine Zeichnung zur Hand, die zeigt, welchen Teil seines Feldes er dauerhaft verkaufen, welchen er vorübergehend zur Verfügung stellen und welcher unangetastet bleiben soll. Gemäß dem Papier bliebe für eine lange Zeit vom rechteckigen 26,8 Ar großen Stück nur noch ein spitz zulaufendes Dreieck, 3,5 Ar groß. „Das kann man nicht mehr bewirtschaften“, sagt er.

Zwar ist die SSB für den Gleisbau zuständig, Eigentümer werden laut den Kaufverträgen jedoch die jeweiligen Kommunen. Und hier gibt es augenscheinlich einen Unterschied. Während es in Neuhausen 20 Euro pro Quadratmeter gibt, werden in Filderstadt 30 Euro gezahlt. „Dieses Angebot erfolgt vor dem Hintergrund, dass sowohl die Stadt Filderstadt als auch die Vorhabenträgerin SSB AG eine einvernehmliche Einigung mit möglichst allen Eigentümern erreichen möchten“, heißt es in einem Schreiben, das Schweizer unserer Zeitung vorlegt.

Auf Nachfrage begründen die SSB den Unterschied mit Bodenwerten und lokalen Kaufpreissammlungen. Das Geld stamme aus dem S-Bahn-Projektbudget. Schweizer wiederum findet das ungerecht. „Wir sehen nicht ein, warum wir für dasselbe Projekt 30 Prozent weniger kriegen“, wettert er. Er betont: „Wenn es 30, 40 Quadratmeter wären, würde ich das Geschiss nicht machen.“

Viele Landwirte müssen Teile ihrer Äcker für den S-Bahnausbau zwischen Bernhausen und Sielmingen hergeben. Foto: Holowiecki

In Walter Schweizers Stube in Sielmingen hat sich an diesem Vormittag auch ein Ehepaar aus Bernhausen eingefunden. Ihren Namen wollen die Leute nicht in der Zeitung lesen, was sie erzählen, klingt jedoch sehr ähnlich. Auch sie sind Eigentümer eines Grundstücks, das seit Langem im Familienbesitz ist und entlang der späteren S-Bahn-Trasse auf Neuhäuser Gemarkung verläuft, auch sie haben „aus heiterem Himmel“ einen fertigen Notarvertrag im Briefkasten vorgefunden, auch sie sollen einen zentralen Teil ihres Grundstücks hergeben, und auch ihnen werden 20 Euro pro Quadratmeter offeriert. Problematisch hier: Laut dem Vertrag ist angedacht, vom 32 Ar großen rechteckigen Acker dauerhaft an drei Seiten Streifen wegzunehmen, die vierte Seite grenzt ans Feld des Nachbarn. „Jetzt sagen Sie mir, wie man noch auf den Acker kommen soll“, sagt die Frau. Hinzu kommt: Das Trio stellt infrage, wie gut die Qualität der Felder noch sein wird, wenn dort mal Baumaschinen drübergefahren sind. Zwar werde seitens der SSB zugesichert, dass der einstige Zustand wiederhergestellt werde, aber „es gibt keinen Acker mehr, wie er war“, sagt die Frau. Die Bodenstruktur müsse sich dann erst regenerieren, erklärt ihr Mann. „Das sind alles Dinge, die wir ertragen müssen für die Allgemeinheit“, sagt er und fügt hinzu: „Da ist man dann angefressen.“

Die Bodenstruktur der Äcker leidet

Als Blockierer wollen sich die drei Eigentümer nicht verstanden wissen. „Wir sehen auch, man muss sich irgendwie einigen“, sagt die Frau. Sinn und Zweck der S-Bahn stellt keiner in Abrede, die Art und Weise, wie alles bislang gelaufen sei, habe jedoch zur Verstimmung geführt. Walter Schweizer sagt, er würde sich eine andere Kommunikation wünschen. Bislang sei nur bestimmt worden, nicht verhandelt. „Mich hat von der Gemeinde Neuhausen noch keiner angerufen“, sagt er. Außerdem wünschen sich die drei auch eine finanzielle Gleichbehandlung, „dann wäre es für uns wahrscheinlich schon gelaufen“, sagt Walter Schweizer. Er spricht von Fairness. „Wir sind nicht die Leute, die gern prozessieren. Aber wenn es sein muss, werden wir uns wehren.“

Flächen für die S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen

Grundstücke
Entlang der vier Kilometer langen S-Bahn-Neubaustrecke von Bernhausen nach Neuhausen benötigt die SSB 432 Grundstücke; Ackerparzellen, Gartenstreifen, Gewerbeflächen. Manche muss sie nur zwischenzeitlich betreten oder belegen, andere braucht sie dauerhaft. Dafür gibt es in der Regel Entschädigungszahlungen. 120 der Grundstücke sind öffentlich, gehören der SSB selbst, dem Land oder den Kommunen. Der Rest ist privat. Für etwa die Hälfte lagen der SSB bis Ende Oktober keine Genehmigungen vor. Bisweilen sei das bewusste Blockade, wird seitens der SSB moniert.

Recht
Die SSB sitzt jedoch am längeren Hebel, die rechtliche Lage ist durchs Planfeststellungsverfahren geklärt. Sie kann beim Regierungspräsidium als Enteignungsbehörde eine sogenannte vorzeitige Besitzeinweisung beantragen. Das sei bereits mehrfach erfolgt. car

Weitere Themen