Verspätungen, Gleiswechsel, verärgerte Fahrgäste: Ein Schaden an der Oberleitung vermiest der Bahn ihren Premierentag in Stuttgart – schon wieder.

Statt pünktlicher S-Bahnen nach sechs Wochen Sperrung grüßte am Montagmorgen das Murmeltier. Die Sommerferien sind vorbei, die Bauarbeiten  im innerstädtischen S-Bahn-Tunnel vorläufig beendet – zum Schulbeginn sollten die Bahnen auf Stuttgarts Stammstrecke eigentlich wieder im Viertelstundentakt starten. Eigentlich, denn verhindert hat das ein Schaden am Stromabnehmer einer S-Bahn, laut Bahnsprecher der ersten, die den Hauptbahnhof gegen 5.30 Uhr in Richtung Norden verlassen hatte. Die Oberleitung nahm Schaden, war stromlos, der Zug musste abgeschleppt werden. Die Folge: Verspätungen, nicht angefahrene Haltestellen, Gleiswechsel, ausgefallene S-Bahnen; ausgerechnet am ersten Tag nach Ende der Sperrung. Man könne „für den heutigen Betriebstag keinen Viertelstundentakt gewährleisten“, informierte der VVS die Fahrgäste. Bereits im vergangenen Sommer war die S-Bahn-Stammstrecke saniert und gesperrt worden, auch da vermieste eine Betriebsstörung der Bahn den Premierentag.

„Jedes Jahr das Gleiche hier“

„Ich habe es ja schon erwartet, jedes Jahr das Gleiche hier“, ärgert sich eine junge Frau am Morgen im Stuttgarter Hauptbahnhof. Sie will nach Tamm zur Arbeit, sucht die S 5. Wegen der Störung fuhren die S 4 und S 5 im Hauptbahnhof oben beim Fernverkehr ab. Nur wo genau, das ist ihr unklar. „In der Bahn-App wird kein Gleis angezeigt. Irgendwo zwischen Gleis eins und fünf, hat mir eine Bahnmitarbeiterin soeben gesagt“, sagt die Betroffene. Ähnlich geht es zwei Schülern, die mit Rucksäcken bepackt in Richtung Haupthalle rennen, zum Fluchen reicht ihr Atem noch. „Wir haben drei Minuten, um vom S-Bahnhof zum Hauptbahnhof oben zu kommen. Sonst verpassen wir die S 4 zur Schule“, ruft einer der beiden im Vollsprint.

Nicht nur in puncto Abfahrtsgleis lief es bei S 4 und S 5 nicht nach Plan an diesem Montagmorgen. Beide Linien endeten und starteten zwischenzeitlich am Hauptbahnhof. „Ich wollte an der Schwabstraße einsteigen, dann kam die Info, hier fahren die gerade nicht“, sagt eine Schülerin am Hauptbahnhof. Auch sie rennt: „In zehn Minuten muss ich am Berufskolleg sein.“ Am Montagmittag twittert das Social-Media-Team der Stuttgarter S-Bahn dann Entwarnung: S 4 und S 5 können Schwabstraße, Feuersee und Rotebühlplatz wieder anfahren, auch zum Nordbahnhof ist die Strecke wieder frei. Von 14 Uhr an fuhren dann auch die S 6 und S 60 wieder zwischen Weil der Stadt und Schwabstraße, statt nur bis Zuffenhausen.

Schneller hätte die Wiedereröffnung kaum schieflaufen können

Nicht mit Gleiswechseln, aber mit Verspätungen hatte zu kämpfen, wer die Linien S 1 bis 3 nehmen wollte, sie fuhren nur im Halbstundentakt. „Mein Meeting habe ich schon mal verpasst“, sagt Tom Ghiglione resigniert. Rollkoffer in der Hand, checkt er die Anzeigentafel am S-Bahn-Gleis erneut. Gleich vier Sonderinformationen leuchten dort. Für die Arbeit ist Ghiglione aus Frankfurt angereist: „Immerhin nicht nur für dieses eine Meeting, das ist doch etwas.“

Schneller hätte die Wiedereröffnung kaum schieflaufen können: Auf Twitter informierte das Social-Media-Team der S-Bahn um kurz vor 6 Uhr über die Störung. Nur eine Stunde zuvor war über den Account noch getwittert worden, dass die Bauarbeiten pünktlich beendet worden seien und der Regelverkehr starten könne. „Guter Kandidat für den am schnellsten schlecht gealterten Tweet aller Zeiten“, kommentiert ein Nutzer darunter. In den nächsten drei Jahren hat die Bahn die Chance, nach den Bauarbeiten einen Bilderbuchstart hinzulegen. Bis 2025 soll die S-Bahn-Strecke jeweils in den Sommerferien saniert werden.