S-Mitte In der Stadtlücke mit Toto, Adele und Oasis

Von Petra Mostbacher-Dix 

Donnerstags lädt das Musikwerk Stuttgart zum Singen auf dem Österreichischen Platz ein. Und immer mehr Menschen kommen und testen ihre Stimmbänder.

Der Musikpädagoge Arnd Pohlmann (grauer Pullover) lockt zum entspannten Singen auf den Österreichischen Platz.Foto: Petra Mostbacher-Dix

Stuttgart-Mitte - Klack, klack – fast melodiös knallt der kleine weiße Ball auf die Tischtennisplatte, die neben Balanciergeräten, Wippen und Stühlen auf den einstigen Parkplätzen unter der Paulinenbrücke aufgestellt wurde. Sie sind Teil des Projekts Stadtlücken, das Orte wie den Österreichischen Platz beleben, Bewusstsein für öffentlichen Raum schärfen soll.

Bald wird an diesem Abend nicht mehr nur der Ball klackern. Jeden Donnerstagabend bieten dort die Macher des 2015 gegründeten Vereins Musikwerk Stuttgart von 19.30 Uhr an ein offenes Chorsingen an. Wer Lust hat, kann mitmachen – ohne Anmeldung, einfach eineinhalb Stunden mitsingen, oder auch kürzer, je nach Zeit, angeleitet von einem Profi!

Die Begeisterung ist ansteckend

Der studierte Musikpädagoge und Kirchenmusiker Arnd Pohlmann, Kantor der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Neckarsulm und Leiter des internationalen One-World-Chor, hat schon Keyboard auf- und Kartons mit Noten von Popsongs bereitgestellt, als kurz vor halb acht einige Sängerinnen und Sänger eintröpfeln. Dann schwappt ein Strom von Frauen und Männern in die Parkbucht. Sie schnappen sich Noten, stellen sich auf. Viele kommen regelmäßig.

Pohlmann erklärt, dass es am 3. Oktober ein Abschlusskonzert in der Kirche St. Maria gegenüber gibt – mit dem Pop-Chor des Musikwerks. „Wer mitmachen will, meldet sich an!“ Er hebt ein Formular hoch, bevor sich alle durch die Tonleitern „La la la la“ einsingen. Dann geht es los: Totos Hit „Africa“, „Takt 4, ‚It’s gonna take a lot to take me away from you’!“ Pohlmann schlägt die Melodie an, singt vor. Die Sopranfrauen stimmen mit ein, die Bassmänner bei „The wild dogs cry out in the night“. Viel Begeisterung schwingt auch durch die Luft, als Oasis’ „Don’t Look Back in Anger“ geprobt oder Adeles „Turning Tables“ angestimmt wird.

Und die Begeisterung ist ansteckend: Mehr Passanten bleiben stehen, reihen sich mal kurz, mal länger ein, klatschen Beifall. Auf den wippenden Bänken hat sich eine Familie niedergelassen, an den Tischen stehen Pärchen, die sich im Rhythmus wiegen.

Inspiriert von einem kanadischen Kneipenchor

Mehr als 70 Menschen eint die Musik schließlich auf dem Österreichischen Platz. „Ich singe wahnsinnig gerne, die Zeit lässt es nicht zu, fest in einen Chor zu gehen“, sagt Laurence. „So etwas Unkompliziertes habe ich schon lange gesucht.“ Sie ist zum ersten Mal beim offenen Chorsingen. „Ich hatte davon gehört, war einkaufen und dachte, jetzt geh’ ich mal hin.“

Thomas ist zufällig vorbeigekommen und hat gleich die Gelegenheit ergriffen, seine Stimmbänder zum Schwingen zu bringen. „Eine super Sache. Die Atmosphäre ist toll, es macht Spaß, verbindet Menschen.“ Schon länger dabei sind Matthias und Steffi. Beide schätzen das „Relaxte des Songprojekts“. Matthias ist Mitglied im Pop-Chor. „Klar, dass ich hier mitmache.“ Und Steffi erklärt, dass das offene Chorsingen, wenn möglich, in einen weiteren Pop-Chor münden soll, aber eben einen in offener Form.

Pohlmann, der sich von einem kanadischen Kneipenchor hat inspirieren lassen, und die Songs aussucht, bestätigt, dass er das Projekt auch nach dem Abschlusskonzert im Oktober gern weiterführen würde. „Aber dafür brauchen wir im Winter einen geschützten öffentlichen Raum, im Grunde einen Innenraum, an dem eben auch Passanten vorbeikommen. Wir suchen.“

„Wir wollten schon immer so ein offenes Projekt machen“, sagt Philipp Mezger, Erster Vorstand des Musikwerks. „Die Stadtlücken waren die Möglichkeit.“ Das Projekt wird durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Wer im Konzert mitsingen will, zahlt eine Teilnahmegebühr von 50 Euro. Mezger: „Wir sind gemeinnützig, aber die Lizenzen der Noten kosten. Uns geht es vor allem darum, für Musik zu begeistern und unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, egal wie gut man bei Stimme ist. Hier singen Menschen jeden Alters, aller Berufe, Nationen und Lebensumstände miteinander. Das ist, was Leben und Stadt ausmacht.“

Kontakt: www.musikwerk-stuttgart.de

www.oe-platz.de/programm