S-Mitte Teure Beliebtheit

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Weil alles ins Zentrum drängt, ist in der Zuschusskasse des Bezirksbeirats kaum Geld.

Ohne einen 2000-Euro-Zuschuss des Bezirksbeirats Mitte könnte zum Beispiel das Festival der Kulturen nicht stattfinden. Foto: Steinert
Ohne einen 2000-Euro-Zuschuss des Bezirksbeirats Mitte könnte zum Beispiel das Festival der Kulturen nicht stattfinden. Foto: Steinert

S-Mitte - Beliebtheit ist nicht unbedingt ein Grund für ungetrübte Freude. Des 80. Jahrestages der Bücherverbrennung im Jahr 1933 soll – selbstverständlich – am Schlossplatz gedacht werden, nicht auf einem Plätzlein am Stadtrand. Ebenso selbstverständlich würdigt der Bezirksbeirat der Stadtmitte den Willen, eine solche Veranstaltung zu organisieren, zumal sie für Besucher kostenlos ist und niemand an ihr Geld verdient. Ganz im Gegenteil.

Die Freude trübt, dass es bei so viel Selbstlosigkeit kaum möglich ist, den Veranstaltern einen Zuschuss von ein paar Hundert Euro zu verweigern, obwohl „es eigentlich der Stadt gebührt, eine solche Veranstaltung zu fördern“, wie der Sozialdemokrat Manuel Krauß sagt – der Gesamtstadt, nicht nur dem Bezirksbeirat Mitte aus seinem vergleichsweise schmalen Etat. Schließlich habe der Gedenktag „Strahlkraft weit über den Stadtbezirk hinaus.“

Was kein Einzel-, sondern der Regelfall ist. Verständlicherweise ist die Stadtmitte bei jeder Art Veranstalter beliebter als jeder andere Bezirk. Und diese Beliebtheit kostet Geld. Im vergangenen Jahr war der Zuschusstopf des Bezirksbeirats nach zehn Monaten leer. Die Lokalpolitiker vergaben ihre letzten 200 Euro bezeichnenderweise für eine Veranstaltung der Aids-Hilfe. Deren Sitz ist im Westen. Solche Beispiele gibt es viele. „Wir haben ein paar Grenzgänger“, sagt Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin. Teilweise ist das wörtlich zu verstehen. Kultur im schwul-lesbischen Zentrum Weißenburg förderte der Bezirksbeirat Mitte, obwohl an der Eingangstür der Süden beginnt. Die Sankt-Konrad-Gemeinde wünscht sich immer wieder Geld. Sie liegt exakt auf der Markungsgrenze zum Osten. Ähnliches gilt für die Friedenskirche.

Die Stadtmitte zahlt, obwohl die Vereine aus ganz Stuttgart kommen

Zwar gab es Bitten, auch schriftliche, an die Kollegen aus den Nachbarbezirken, einen Teil solcher Förderbeträge zu übernehmen. Aber „diese Versuche sind seit acht Jahren alle gescheitert“, sagt Kienzle, „mich befremdet das“.

Am Beispiel von Großveranstaltungen wird dieses Befremden verständlich. Eigentlich ist der Etat der Bezirke für kulturelles oder soziales Wirken innerhalb der Bezirksgrenzen gedacht. Besonders merkwürdig mutet an, dass der Beirat den Christopher Street Day fördert, eine bundesweit beachtete Veranstaltung. Zumal die Parade der Schwulen und Lesben durch die halbe Innenstadt zieht und die Veranstaltungen sich über die gesamte Stadt verteilen. Aber – dies gilt als entscheidend – Ort der Schlusskundgebung ist der Schlossplatz.

Selbstverständlich könnten die Lokalpolitiker Zuschusswünsche einfach ablehnen. Allerdings fiele dann manche stadtweit als segensreich erkannte Veranstaltung schlicht aus. Beim Festival der Kulturen präsentieren 60 Einwanderervereine Landestypisches aus ihrer Heimat auf dem Marktplatz, gleich ob Musik oder Mahlzeiten. Die Veranstaltung verteuert, dass die Stände wegen des Wochenmarkts zweimal in Nachtarbeit ab- und wieder aufgebaut werden müssen. Ohne einen 2000-Euro-Zuschuss wäre dies nicht möglich. Den bezahlt die Stadtmitte, obwohl die Vereine aus ganz Stuttgart kommen.

Beteiligung der anderen inneren Bezirke

Um derlei zu vermeiden, müsste der Gemeinderat die Förderkriterien ändern. Die Höhe der Bezirksetats berechnet sich nach der Zahl der Einwohner. Für Plieningen oder Feuerbach mag das gerecht anmuten, „für Mitte ist es eigentlich das falsche Kriterium“, sagt Kienzle. Schließlich konzentrieren sich im Stadtkern nicht nur die Veranstaltungen, sondern auch soziale und andere Probleme, um die sich durchaus Ehrenamtler bemühen.

Zumindest Karl-Stephan Quadt, Bezirkbeirat der SPD, hofft eher auf Einsicht als auf neue Regularien. Zumindest „die anderen inneren Bezirke müsste man mal bitten, sich an zentralen Veranstaltungen zu beteiligen“, meint er – aus einer Art freiwillig gebildetem Gemeinschaftsetat. Ob der Vorschlag auf Gegenliebe stößt, ist fraglich, finanzierbar scheint er durchaus: Während der Bezirksbeirat Mitte jene letzten 200 Euro an die Aidshilfe vergab, diskutierten die Kollegen im Norden ein anderes Problem. Sie hatten noch reichlich Geld in der Kasse, aber keine Idee, wen sie damit beglücken könnten.

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