Das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien findet in der spektakulären Arena Itaquerão statt. Über die Finanzierung und den Bauzustand des Stadions in São Paulo herrscht allerdings immer noch Unklarheit.

Die Hektik der letzten Stunden? Nein, es geht eher gemächlich zu am Itaquerão, dem nagelneuen Stadion in São Paulo, das die Fifa als Schauplatz für Eröffnungsshow und -spiel ihrer Fußball-Weltmeisterschaft erkoren hat. Auf einem Handkarren rollen noch ein paar verpackte Flachbildschirme an, ein Lastwagen liefert plastikbunte Chemieklos im Zehnerpack. Ein paar Gärtner verlegen die letzten bräunlich verdorrten Grasrechtecke in den weiträumigen Außenanlagen.

 

Diese allerletzten Handgriffe hätten längst gemacht sein sollen. Im März 2013 wird das Stadion fertig sein, so hieß es 2010. Ob es tatsächlich fertig ist, wenn heute eine Milliarde Menschen in aller Welt am Fernseher sitzen und das Eröffnungsspektakel mit dem Spiel Brasilien gegen Kroatien als Höhepunkt sehen, ist eine Frage der Definition.

Die brasilianische Regierung tut jedenfalls so, als sei Unfertiges fertig. Sie weiht nach Herzenslust eine Arena nach der anderen ein und spielt die unglaublichen Verzögerungen herunter: „Ein wunderbares Stadion“, lobte die Präsidentin Dilma Rousseff schon Anfang Mai beim Einweihungsakt. Dass in der Elf-Millionen-Metropole die U-Bahn streikt – am Dienstag wurde der Ausstand ausgesetzt, aber nur für zwei Tage – , erhöht die Chance für eine Blamage am Eröffnungstag.

Schönes Stadion, aber zu wenig Plätze

Fertig? Die steil in den Himmel ragenden provisorischen Tribünen, die neben dem Stadion stehen und die Kapazität auf die von der Fifa geforderten 66 000 Zuschauerplätze bringen sollen, wurden erst am Montagabend von der Feuerwehr abgenommen, die in Brasilien für so etwas zuständig ist. Das Stadion soll wegen der TV-Kameras jetzt nur noch 61 000 Menschen Platz bieten und damit das Fifa-Limit unterschreiten.

Aber kein Zweifel – das neue Stadion in São Paulo hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens wird es nach der WM nicht ungenutzt herumstehen, wie man das von den vier sogenannten weißen Elefanten – Brasília, Cuiabá, Manaus und Natal – befürchtet. Anders als diese Städte, wo durchschnittlich 3300 Zuschauer zu einem Profispiel kommen, ist São Paulo eine Fußballstadt. Und der Bauherr des Stadions ist der Publikumsmagnet Corinthians, einer der traditionsreichsten Vereine Brasiliens.

Der zweite Vorteil: das Stadion ist wunderschön. Die meisten anderen Neubauten sehen aus wie in Beton gegossene Variationen vom Autoreifen. In São Paulo werden die beiden Tribünen an den Längsseiten des Rechtecks von einem höchst elegant gekrümmten Dach in Beziehung zueinander gesetzt. Das Stadtviertel Itaquera – aus dessen Vergrößerungsform Itaquerão der Volksmund den Namen gemacht hat – ist graues, glanzloses Mittelmaß, in dem sich die strahlend weiße Konstruktion wie ein Stück von unerhörtem Luxus ausnimmt.

Und das ist sie auch. Kein anderes WM-Eröffnungsstadion war jemals teurer, pro Zuschauerplatz gerechnet: 5705 Euro. Kein Wunder: die Innengestaltung aus San Francisco, der Marmor für die Böden aus Griechenland, die bis zu 500 Kilo belastbaren Kloschüsseln aus Japan. Das Dach hat der Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek entworfen. Das Licht leuchtet 40 Prozent heller als im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. Alle 53 Toilettenanlagen haben Bildschirme. Gespielt wird über 43 Kilometern unterirdischer Wasserleitung, die bei Hitze die sensiblen Grashalme des Rasens kühlt. Ob die elektronische Anzeigetafel die größte der Welt ist oder nur eine der größten, konnte bisher noch nicht abschließend geklärt werden.

Wacklige Finanzierung

2007 bekam Brasilien den Zuschlag für die WM, dann folgte ein drei Jahre langes Hin und Her, ob man das alte Morumbi-Stadion auf Fifa-Niveau veredeln solle. Im August 2010 schließlich wurde beschlossen, in Itaquera neu zu bauen. Von 335 Millionen Reais – heute wären das 110 Millionen Euro – war damals die Rede. Heute steht die Rechnung bei 1,2 Milliarden Reais, 393 Millionen Euro. Der Bauherr hat also sehr viel Geld in die Hand genommen. Das Problem ist nur: er hat es gar nicht.

Kein anderes WM-Stadion Brasiliens ist so wackelig finanziert wie das von São Paulo. Die Verdreieinhalbfachung erklärt sich natürlich nicht durch ein paar Sonderwünsche, mit denen Corinthians nachgekleckert kam, und auch nicht mit den Fifa-Anforderungen, auf die man in Brasilien gern die Schuld für hohe Preise abwälzt; 2010 waren die Fifa-Wünsche ja längst Gesetz. Die Gründe für die Preisexplosion sind eher im Zusammenspiel der wichtigsten Akteure – des Vereins, der Politik, der Baufirma und der Fifa – zu suchen. Sie haben sich gegenseitig verlockt und verführt, sie haben getäuscht und Druck gemacht – mitunter fällt es etwas schwer, die Vokabel Erpressung zu vermeiden.

Der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, bekannt als fanatischer Corinthians-Anhänger, dachte an die vielen anderen Corinthias-Anhänger, die alle Wähler sind, und förderte das Projekt. Die Baufirma verzögerte den Bauablauf, um ihre Bedingungen durchzusetzen, so der Vorwurf. Und der Wettlauf gegen die Zeit erhöhte die Kosten – immer zu Lasten des wichtigsten Akteurs, der aber nicht groß gefragt wurde: Des Steuerzahlers.

Szenenwechsel: eine Viertelstunde dauert der Spaziergang vom Itaquerão hinüber zur „Favela da Paz“, einer Ansammlung von Buden aus Holz und Ziegel im Schatten einer hoch am Himmel hinwegführenden U-Bahn-Brücke. „Hier hat leider niemand investiert“, sagt Pedro Furtado, einer der Sprecher der knapp 400 Familien, die sich hier vor 20 Jahren ngesiedelt haben, „es hieß ja immer weg, weg, weg!“ Die Stadt will die Favela-Bewohner umsiedeln. Aber bis auf „ein paar Trottel“, sagt Furtado, mag niemand in die Ersatzwohnungen ziehen: „Schließlich sind wir hier zuhause.“