S-Ost/Bad Cannstatt Große Bühne für kleine Schauspieler

Von Tilman Baur 

120 Kinder aus drei Stuttgarter Schulen treten Anfang Juli in einem inklusiven Musiktheater in der Liederhalle auf. Bei den Proben läuft noch nicht alles rund.

Kinder spielen die Kutschpferde des Landvogts. Foto: Tilman Baur
Kinder spielen die Kutschpferde des Landvogts. Foto: Tilman Baur

S-Ost/Bad-Cannstatt - Knechte, Quellnymphen, ein strenger Landvogt und sein Pächter, ein Bauernjunge, ein Bauernmädchen: Diesen mystischen Figuren konnte man am Mittwoch im Gemeindesaal der Bad Cannstatter Lutherkirche begegnen. Die Rollen sind Teil eines inklusiven Kinderkonzerts, das am Sonntag, 2. Juli im Beethovensaal in der Liederhalle stattfindet und Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ in eine fantasievolle Darbietung mit Sprechrollen, Tanz, Gesang und Musik verwandelt. Im Mittelpunkt der von der Lehrerin Christa Brombach verfassten Geschichte steht ein junges Bauernpärchen, das sich ineinander verliebt.

Ganz reibungslos läuft die Liebesgeschichte freilich nicht ab. Denn wie die Proben am Mittwoch offenbarten, entpuppt sich der strenge Landvogt schon bald als ehrgeiziger Nebenbuhler des Bauern. „Der große, strenge Landvogt kommt. Nehmt ein bisschen Haltung an!“, weist Ulrike Hahn, Lehrerin für Sonderpädagogik an der Helene-Schoettle-Schule und Regisseurin des Konzerts, die Schülerinnen und Schüler an. Eingeschüchtert kauern die Mädchen nun am Boden, aus Angst vor dem Landvogt, der mit seiner Kutsche angefahren kommt. „Na na, Pächter Simon, was machst Du mit meinem Feld?“, herrscht er den Bauern an. „Das geht aber noch ein bisschen strenger beim Landvogt“, geht Ulrike Hahn dazwischen.

Keine Probe ist wie die andere

Die Proben wirken auf Außenstehende allein wegen der vielen Kinder im Saal zum Teil chaotisch. Doch das dürfe und müsse ruhig so sein, findet Hahn. Denn allein die Dimension des Unterfangens macht Perfektion unmöglich. Beteiligt sind 120 Kinder aus drei Stuttgarter Schulen: der Helene-Schoettle-Schule in Steinhaldenfeld, dem Heidehof-Gymnasium aus Stuttgart-Ost und der Bad Cannstatter Schillerschule. 17 Lehrer sind eingebunden, die in den drei Schulen mit ihren Schülern zusätzlich proben. Manche Kinder haben eine Behinderung, andere nicht. Das mache die Proben herausfordernd und spannend gleichermaßen, sagt Hahn.

„Manchmal ist es schwierig, den roten Faden zu finden. Aber was dabei zwischen den Schülern passiert, ist einfach großartig“, sagt Hahn. Keine Probe sei wie die vorherige. Doch die Erfahrung zeige: Wenn es darauf ankommt, dann sind die Schüler voll bei der Sache. „Manche Hürden lassen sich eben auch nicht überwinden, und das ist in Ordnung“, sagt die Lehrerin. Am Mittwoch fand die dritte Gesamtprobe statt. Bald folgt eine weitere mit Kostümen, darauf bereits die Generalprobe in der Liederhalle. Organisation ist alles bei einem Großprojekt wie diesem.

Der Kammerchor „Cantus Stuttgart“ unterstützt die Kinder

Im Gemeindesaal beschränken sich die Verantwortlichen am Mittwoch daher auf die Probe ausgesuchter Schlüsselszenen. „Es gibt acht Tänze im Stück, die können wir zum Beispiel gar nicht Proben heute“, sagt Ulrike Hahn. Wichtig sei, den Schülern den Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen. So spielt Hahn die Musik der einzelnen Szenen jeweils für einige Momente an, damit alle wissen, wo im Stück man gerade ist.

Unterstützt werden die Kinder vom Stuttgarter Kammerchor „Cantus Stuttgart“, den Ulrike Hahns Mann Jörg-Hannes leitet. Von der Wirkung klassischer Musik auf Kinder ist er überzeugt. „Der Sound des Orchesters macht etwas mit ihnen“, findet Jörg-Hannes Hahn. Das Erlebnis des Konzerts im Beethovensaal und die Zusammenarbeit mit den hochkarätigen Vokalsolisten von „Cantus“ sei etwas ganz Besonderes. Eine Videoleinwand sorge bei der Aufführung dafür, dass die Zuschauer das Schauspiel bis in die letzte Reihe verfolgen könnten. Weil Sponsoren wie die „Aktion Mensch“ das Konzert unterstützen, zahlen Besucher mit maximal 20 Euro keine typischen Liederhallen-Preise.

Trotz aller Organisation kommt der Spaß an der Sache bei den Proben nicht zu kurz. Die neunjährige Ida aus der Schillerschule etwa spielt ein „Geschwisterkind“. Was sie macht? „Eigentlich sitze ich von Frühling bis Herbst nur auf der Bank“, sagt sie und lacht. Keine große Rolle also. Spaß hat sie aber allemal: „Ich darf Sachen für die Braut bestellen und sie schmücken“, sagt Ida, bevor sie wieder aufs Parkett verschwindet, um weiter zu proben.




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