Stuttgarter Zahnradbahn Nachtschicht für die neue Zacke

Eine weitere Testfahrt ist an diesem Abend noch nötig. Am Ende ist die To-do-Liste ein wenig länger geworden. Foto: Angelika Brunke

Seit 1981 verbinden drei Triebwagen der Zahnradbahn den Marienplatz mit Degerloch. Nun sollen sie durch eine neue Fahrzeuggeneration ersetzt werden. Die Tests laufen – vornehmlich nachts.

S-Süd - „Es geht los.“ Detlev Martin, Projektleiter bei der SSB, wirft einen Blick auf die Uhr und startet den Triebwagen. Es ist 21.45 Uhr. Normalerweise fährt die letzte Zacke gegen 21 Uhr. Seit einigen Monaten gibt es da Ausnahmen. Wer entlang der Strecke wohnt, kann das eindringliche Geräusch der Zahnräder mitunter tief in der Nacht hören. Der Grund ist simpel: Die Zackeflotte wird in diesem Jahr ausgetauscht. Das erste Fahrzeug, das Anfang Dezember geliefert wurde, ist Prototyp und Testwagen zugleich. Da die Strecke von 5.15 bis 21 Uhr durchgehend bedient wird, sind Probe- und Einstellfahrten fast nur bei Nacht möglich. Bei jeder Testfahrt werden andere Gewerke geprüft. Heute ist es das Kamerasystem. Insgesamt sechs Bildschirme leuchten im Dunkel der Fahrerkabine.

 

Sanft wie ein Schlitten im Schnee gleitet das Fahrzeug samt seinem zwölf Meter langen Vorstellwagen die ersten Meter von der Werkstatthalle in Richtung Liststraße. Hinter Detlev Martin, der in einer orangefarbenen Schutzjacke das Fahrzeug steuert, stehen sein Stellvertreter Tibor Walter und Zackefahrer Franz Maier. Mit dabei sind außerdem ein Fahrlehrer der SSB sowie mehrere Mitarbeiter der Firmen, die an der Fertigung der Fahrzeuge beteiligt sind.

Nach wenigen Metern bringt Detlev Martin das Fahrzeug schon wieder zum Stehen. Technische Details werden überprüft und korrigiert. Im Innern des Wagens sieht es aus wie in einer Werkstatt. Aufgeklappte Laptops, technische Geräte und Schreibunterlagen sind auf den abgedeckten Sitzen verteilt. Am Fenster hängt eine To-do-Liste. Über den Boden ziehen sich Kabel.

Die Kosten der neuen Flotte liegen bei 19 Millionen Euro

„In Deutschland gibt es nur vier Zahnradbahnen – eine davon ist die Zacke“, erklärt der Projektleiter. Die gelben Triebwagen sind nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal des Stuttgarter Südens, sondern ein Wahrzeichen für die ganze Stadt. Touristinnen und Touristen haben das längst erkannt. Vor allem im Sommer mischen sich zahlreiche Gäste mit Kamera unter die Einheimischen, für welche die Zacke ein ganz normales Nahverkehrsmittel darstellt. Nicht zu vergessen: Mountainbikerinnen und -biker, welche die Bahn als Transportmittel fürs Downhill Bike nutzen. Alles in allem zählt die SSB 2500 bis 3000 Fahrgäste pro Tag.

Ihnen allen will und soll die fünfte Zacke-Generation etwas bieten. 40 Jahre sind seit der Einführung der letzten „Garnitur“ vergangen. „Wir erleben einen Quantensprung“, kündigt Tibor Walter lapidar an. „Das ist, als würde man ohne Zwischenstufe vom Golf 1 zum Golf 7 übergehen.“ Eine Untertreibung. Walter nennt die neue Zacke auch gerne einen „fahrenden Computer“. Aus gutem Grund: Die Technik eines Stadtbahnwagens findet sich hier komprimiert auf einer Länge von 20 Metern. Die Kosten der neuen Flotte inklusive Vorstellwagen liegen bei 19 Millionen Euro.

Wer die neue Zacke bei einer Testfahrt sieht, entdeckt spontan mehrere Unterschiede. Die breite, eulengesichtige Front wird schmaler und schnittiger. Der abgesenkte Mittelteil ermöglicht ein nahezu ebenerdiges Einsteigen für Fahrgäste mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl. Der gelbe Vorstellwagen fasst 20 Fahrräder und wird via Digitalkamera rundum überwacht. Barrierefrei darf sich die neue Zacke allerdings nicht nennen. Dazu ist die Steigung am Hang zu gewaltig. „Wir kriegen den Berg nicht weg und können Stuttgart nicht aufschütten“, zitiert Detlev Martin einen Kollegen der SSB und lässt den Wagen wieder anfahren.

Die Strecke ist 140 Jahre alt

Mit einem hellen elektrischen Singen setzt sich das Fahrzeug in Bewegung. Das Reduzieren der Lautstärke nach innen und außen war ein großes Ziel. Auf den steilen Streckenabschnitten dröhnt das Fahrzeug dann aber zeitweise wie ein Staubsauger, der sich in den Teppich verbissen hat – nicht zuletzt, weil die Wartungsklappe zu den Zahnrädern noch offen steht. Etwas leiser wird der neue Triebwagen wohl werden. Dennoch: „Ein Zahnrad bleibt ein Zahnrad“, erklärt Franz Maier, der seit 27 Jahren die Zacke steuert, und ergänzt: „Die Strecke ist 140 Jahre alt. Da ist es auch eine Ehre, wenn man da wohnen darf.“

Die Einführung der neuen Generation bedeutet zugleich: Abschiednehmen von den drei alten Bahnen. „Das sind echte Diven“, erklärt Projektleiter Detlev Martin lachend. Franz Maier stimmt zu: „Jede hat ihre eigene Persönlichkeit.“ Vor allem Modell 1002 hat in den vergangenen Jahren durch Ruckeln und Zuckeln an den Haltestellen provoziert. Im Vergleich dazu zeigt sich das neue Modell vorbildlich. Die Fahrt nach Degerloch und zurück hinterlässt dank Luftfederung ein Gefühl von Schweben.

Eine weitere Testfahrt ist an diesem Abend noch nötig. Am Ende ist die To-do-Liste ein wenig länger geworden. Die Erwartungen und Wünsche an die neue Triebwagen-Flotte sind hoch. Kein Wunder: Schließlich soll auch die fünfte Generation 25 bis 40 Jahre in Betrieb sein.

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