S-Süd Serie Böblinger Straße Ein Mohikaner an der Böblinger Straße

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Während sich die Tübinger Straße im Stuttgarter Süden aufbrezelt, scheint in der Böblinger Straße die Zeit zu rasten. In einer Serie schauen wir bei angestammten Werkstätten und Läden vorbei – heute bei Ramsaiers Fachbetrieb für Bodenbeläge.

Links, Richtung Süd-Westen führt die Böblinger Straße vom Marienplatz nach Kaltental hinaus. Foto:  
Links, Richtung Süd-Westen führt die Böblinger Straße vom Marienplatz nach Kaltental hinaus. Foto:  

S-Süd - In diesen Laden kommen Sie nur nach Vereinbarung. „Für einen Kunden, der vier Vorhangringe braucht, lohnt es sich nicht, den ganzen Tag einen Verkäufer hinzustellen“, sagt Bastian Ramsaier vom gleichnamigen Fachbetrieb für Bodenbeläge und Innendekorationen. Und genau wegen solcher taktischer Entscheidungen hat der Fachhändler die Jahrzehnte überdauert. Der Laden, 1950 von Erwin Ramsaier an der Böblinger Straße eröffnet, dient heute bloß noch als Showroom, denn Laufkundschaft gibt es kaum. Die Geschichte des Familienunternehmens ist eine wechselvolle, in der sich sowohl die allgemeinen Zeitläufte als auch die sich ändernden Bedürfnisse der Menschen spiegeln.

Je größer, desto mehr Ärger

Einfach weiterhin im Laden Stoffe uns Tapeten verkaufen, das funktionierte schon nicht mehr, als Bastian Ramseisers Vater noch die Geschäfte führte. In den Wendejahren erschloss sich Jochen Ramsaier neue Aufträge im Osten, später beinahe bundesweit: „Er hat für Generalunternehmen in großen Objekten wie Krankenhäusern, Wohn- und Hotelanlagen die Böden gemacht. Meist waren das Unternehmen aus Stuttgart, die Handwerksbetriebe von hier mitgenommen haben. Da ging es immer um große Mengen. 200 000 Quadratmeter Boden hat unser Betrieb damals jährlich verlegt“, erzählt der Junior. Das sei so lange gut gegangen, bis der Preisdruck zu groß wurde. „Außerdem: Je größer das Projekt, desto mehr Ärger. Da arbeiteten Tausend Gewerke gleichzeitig und wir immer auf dem Boden und den anderen im Weg. Außerdem herrschte immer ein wahnsinniger Termindruck“, erinnert sich der 41-Jährige. Der Umsatz sei immens, der Gewinn aber gering gewesen.

An seinem 65. Geburtstag verkündete Jochen Ramsaier feierlich, dass er von morgen an nicht mehr zur Arbeit gehe. „Ich habe ihm das natürlich nicht geglaubt. Er war jeden Tag da gewesen, sein Leben lang. Aber dann kam der nächste und er erschien tatsächlich nicht – nie mehr.“ Manchmal fragte er den Sohn noch, wie es so läuft, „aber er redet mir nicht rein“. Bastian Ramsaier wollte nie etwas anderes als eines Tages den familiären Betrieb weiterführen. Gleich nach dem Studium an der Berufsakademie Stuttgart, stieg der fertige Diplombetriebswirt im Alter von 26 Jahren in den Betrieb mit ein.

Billigheimern ausgewichen

Nach den Erfahrungen mit den Großbaustellen von Generalunternehmen, entschied er „einen Schritt zurück zu gehen, kleiner, feiner und kundenorientierter zu arbeiten“. Der Sohn bringt es heute nur noch auf 7000 bis 8000 Quadratmeter Bodenbelag im Jahr. Aber da sind prominente Stücke dabei. „Der beige Teppich im Landtag ist von uns und das Parkett im Business-Center des VfB-Stadions auch.“ Bastian Ramsaiers Betrieb bedient Kunden mit besonderen Wünschen und Augenmerk auf Qualität. „Anders geht es nicht.“ Es hätte keinen Sinn, Ikea, den Baumärkten und anderen Billiganbietern Konkurrenz machen zu wollen. „Laminat zum Beispiel haben wir schon lange aus dem Sortiment genommen.“ Der Fachhandel könne nur mit Qualität und Service punkten.

So wie es jetzt läuft, bleibt ihm an manchen Tagen sogar die Zeit für ein bisschen Savoir-vivre. Dann schlendert Bastian Ramsaier mit seiner Frau, die den Laden nebenan betreibt, zum Marienplatz hinüber und genehmigt sich einen Cappuccino in der Sonne. Irgendwo in ein Industrie- oder Gewerbegebiet, sagt er, hat es ihn nie recht gezogen.

Er ist im Viertel aufgewachsen, zum Schickardt-Gymnasium gegangen. Er kennt hier noch viele, aber er sieht auch, dass die Liste der alteingessessenen Geschäfte in der Böblinger Straße ausdünnt: „Der Betreiber vom Hähnchen-Lokal nebenan hat vor einem halben Jahr verkauf, die Zoohandlung gegenüber ist schon eine Weile verschwunden und das Café schräg gegenüber hat gefühlt in den letzten zwei Jahren fünf mal den Betreiber gewechselt. Manchmal fühlt man sich dann schon wie der letzte Mohikaner.“

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