S-West/S-Süd Lehrer fühlen sich vor den Kopf gestoßen

Von Kathrin Thimme und Heike Armbruster 

Heusteig- und Friedensschule sind zwei der 18 Werkrealschulen, die geschlossen werden sollen. Erfahren haben die Betroffenen das aus der Zeitung.

Am 31. Januar 2013 wird der Gemeinderat über die Zukunft der 18 Werkrealschulen entscheiden. Foto: red
Am 31. Januar 2013 wird der Gemeinderat über die Zukunft der 18 Werkrealschulen entscheiden. Foto: red

S-West/S-Süd - Rosy Freyd, Rektorin der Friedensschule, und ihre Kollegen sind enttäuscht und empört: „Wir haben von der Planungsvorlage aus der Zeitung erfahren“, berichtet Freyd. Bei einer solch wichtigen und folgenschweren Entscheidung hätte man eine direkte und persönliche Information voraussetzen können, kritisiert sie.

Die Rede ist von der Streichliste, auf der 18 Werkrealschulen stehen. Diese Liste ist Teil der Vorlage, über die der Gemeinderat am 31. Januar beschließen wird. Vorher wird in allen betroffenen Stadtbezirken der Bezirksbeirat nochmals darüber beraten. Ändern wird das wohl nichts mehr. In voraussichtlich diesen 18 Werkrealschulen werden vom Schuljahr 2013/14 ab keine Fünftklässler mehr aufgenommen, bis zum Schuljahr 2016/17, spätestens aber 2017/18 werden die Schulen geschlossen.

Dass so viele Werkrealschulen in Stuttgart betroffen sind, liegt daran, dass Eltern diese Schulart nicht annehmen und ihre Kinder lieber an anderen weiterführenden Schulen anmelden. „Wir wissen selbst, dass die Akzeptanz von Haupt- und Werkrealschulen gleich null ist“, sagt Freyd. Das ändere aber nichts an ihrer Kritik, unzureichend von den Behörden informiert worden zu sein. Und es ändert auch nichts an ihrem Eindruck, dass bei der Entscheidung, welcher Schulstandort erhalten bleibt und welcher nicht, die Größe der Räumlichkeiten mehr gezählt hat als das pädagogische Konzept.

Integration ist ein langer Prozess“

In der Friedensschule steht insbesondere die Integration von Migrantenkindern im Vordergrund. Seit mehr als 20 Jahren bietet die Schule sogenannte Internationale Vorbereitungsklassen (IVK) sowie Kooperationsklassen. Die IVK gibt es für Fünft- und Sechstklässler sowie für Siebt- und Achtklässler. „Die Klassen sind für Kinder geeignet, die während des Schuljahrs nach Deutschland kommen und die Sprache nicht können“, sagt Freyd.

Ziel ist es, die Schüler nach ungefähr einem Jahr in die Regelklassen zu integrieren, nachdem sie zuvor in der IVK Deutsch gelernt und je nach Fortschritt bereits an einzelnen Unterrichtsstunden der Regelklassen teilgenommen haben. „Unsere Lehrer haben eigene Unterrichtsmaterialien und Methoden entwickelt, wie die Kinder schnell und individuell gefördert werden können“, erklärt die Rektorin.

Die Kooperationsklassen richten sich an ältere Schüler, die noch sprachliche Defizite haben. Ihnen wird ermöglicht, innerhalb von zwei Jahren den Hauptschulabschluss zu machen. Der Unterricht ist berufsorientiert ausgelegt und findet in Kooperation mit der Robert-Mayer-Schule statt.

„Die Integration der Migrantenkinder ist ein langer Prozess, und unsere Lehrer haben das Wissen und die Erfahrung im Umgang mit diesen Schülern“, sagt Rosy Freyd. Sie fürchtet, dass eben solchen Schülern ein Schulabschluss verwehrt bleibt oder dass viele die Schule abbrechen, wenn die Friedensschule aufgelöst wird. „Die IVK, die Kooperationsklassen und die zehnte Klasse, die wir anbieten, sind lauter Bausteine, die eng miteinander verzahnt sind“, so Freyd. Die Rektorin befürchtet, dass das über lange Jahre gewobene Netz durch die Auflösung der Friedensschule zerreißt.

Schließung der Heusteigschule wird diskutiert

Ähnlich wie an der Friedensschule fühlt sich auch das Kollegium der Heusteigschule vor den Kopf gestoßen. Auch dort erfuhren die Lehrer über die sukzessive Schließung der Werkrealschule erst aus der Zeitung. Dabei hatte Schulleiter Jochen Schmidt-Rüdt in den vergangenen Monaten dafür gekämpft, die Heusteigschule zu einer Gemeinschaftsschule mit langfristiger Perspektive umzugestalten.

Mit 25 neuen Fünftklässlern, die sich für das laufende Schuljahr angemeldet haben, gehört die Heusteigschule zu den Werkrealschulen, die in Stuttgart vergleichsweise viele Eltern überzeugen konnten. Das Konzept der Schule beruht auf Integration und einem breiten Angebot an Fördermöglichkeiten.

Nun ist zwar die Möglichkeit, die Heu­steigschule in eine Gemeinschaftsschule umzuwandeln, noch nicht vom Tisch. Es besteht allerdings die Gefahr, dass Eltern im kommenden Jahr ihre Kinder nicht auf eine weiterführende Schule schicken wollen, die sukzessive geschlossen werden soll. Die Konsequenzen aus der Schließung der Heusteigschule will der Bezirksbeirat Süd in seiner nächsten Sitzung diskutieren.

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