S-West Wohnen nur im Westen

Im Westen hat Honstetters Karriere begonnen, hier fühlt er sich am wohlsten. Foto: H. Heiss
Im Westen hat Honstetters Karriere begonnen, hier fühlt er sich am wohlsten. Foto: H. Heiss

Vom Kellner im „Müsli“ zum Lichtblick-Besitzer: Philipp Honstetter lebt und arbeitet von jeder im Westen.

Leben: Nina Ayerle (nay)
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S-West - Schon während seiner Schulzeit am Dillmann-Gymnasium hat Philipp Honstetter sich gern gegenüber in seiner Stammkneipe aufgehalten und sich mit obskuren Spielautomaten beschäftigt. „Video-Flipper“ nennt er das Gerät, das heute wohl kein Mensch mehr kennt. „Da hab ich meine große Pause verdaddelt“, erinnert sich der Gastronom. Dabei sei er eigentlich gerne zur Schule gegangen. Das damalige Wirtshaus Troll, das heute Hotzenplotz heißt, hat den Schüler trotzdem magisch angezogen – die Begeisterung für die Gastronomie war bei ihm entfacht.

Zum ersten Mal arbeitete Honstetter in dieser Branche, als er mit 18 Jahren als Kurier bei einem Pizzaservice im Westen anheuerte. Er lieferte allerdings nicht mit einem gewöhnlichen Kleinwagen aus, sondern mit einem original englischen Oldtimer. Darüber freut er sich noch heute: „Viele haben mich darauf angesprochen.“ So kannten ihn bald viele im Westen.

Nach dem Abitur arbeitete Honstetter zunächst als Fotograf. Doch der Anziehungskraft der Club- und Kneipenszene im Westen konnte er nicht widerstehen. Seine Karriere begann er nach dem Abitur als Kellner in der damals angesagten Disco Musicland an der Reinsburgstraße – das Alteingesessene nur unter dem Spitznamen „Müsli“ kennen.

„Ich bin rein und habe gedacht, was für ein geiler Laden“

Acht Jahre arbeitete er dort mit seinem heutigen Lichtblick-Partner Dirk Geiger. Gegangen sind sie nicht ganz freiwillig: „Nachdem mehr als die Hälfte der Gäste angefangen hat, uns zu siezen, wurde uns nahegelegt, woanders hinzugehen“, erzählt er. Heute lacht er darüber.

Ein neuer Gastrojob war schnell gefunden. Natürlich wieder im Westen. Das Rat-Rat, damals noch eine Kneipe mit Türsteher, war die nächste Station. Dirk Geiger wechselte mit ihm dorthin. „Das war ein sehr angesagter Laden“, betont der 43-Jährige. Für den jungen Honstetter war das damals wichtig, heute ist ihm egal, ob sein Restaurant zu den In-Locations zählt oder nicht.

Doch zurück ins Jahr 2000: Im Rat-Rat hatte sich Honstetter mit Dirk Geiger nach vier Jahren so gut etabliert, das viele in der Szene dachten, der Laden gehöre den beiden, erzählt der Lichtblick-Besitzer. Das habe die beiden auf die Idee gebracht, etwas Eigenes aufzumachen. Das neue Lokal fand Honstetter über eine Zeitungsanzeige. Ein Grieche gab sein Restaurant im Westen auf. „Ich bin rein und habe gedacht, was für ein geiler Laden“, schwärmt er noch heute.

„Im Westen habe ich alles, was ich zum Schönleben brauche“

Doch die Örtlichkeit allein war nicht nur etwas Besonderes für ihn. Außergewöhnlich fand er, dass der Grieche genau eine Ecke vom Musicland entfernt war – seiner ersten Station. „Das war fast schicksalhaft. Unser neuer Laden war genau neben dem, wo alles angefangen hat“, mein Philipp Honstetter.

Das Lichtblick im ersten Jahr war tatsächlich noch ein Szeneladen, wo es eher Trinken mit einem bisschen Essen gab. „Heute ist das umgekehrt“, meint Honstetter. Auch er und sein Partner Dirk Geiger sind im Alter etwas ruhiger geworden. Dennoch gibt er zu, dass sie auch im Lichtblick gerne legendäre Partys feiern – wie in den guten alten Zeiten im „Müsli“.

Nicht nur beruflich ist Honstetter seit über 20 Jahren im Westen zu Hause, auch privat hatte er nie das Bedürfnis, woanders hinzuziehen. „Warum sollte ich?“, fragt er irritiert. „Ich habe im Westen alles, was ich zum Schönleben brauche“, ergänzt er. Der Bäcker und der Metzger, den er seit Jahren kennt, ebenso wie sein Zigarrenladen und sein Reisebüro in der Schwabstraße, seine engsten Freunde, seine Mutter und auch sein Restaurant, alle sind im Viertel. Der Großteil seines Lebens spielt sich zwischen Reinsburgstraße und Kräherwald ab.

„Wir können ihre Sprache sprechen“

Als Halbfranzose könnte er sich höchstens noch vorstellen, an der Côte d’Azur zu leben. Außerhalb Stuttgarts zu wohnen ist für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. „Ich bin am liebsten Downtown“, sagt er. Das hängt damit zusammen, dass er zwar inzwischen 43 Jahre alt ist, aber so richtig erwachsen werden will er nicht. Mit den jungen Gästen in seinem Laden könne er immer noch locker umgehen. „Wir können ihre Sprache sprechen und wollen das auch“, sagt er über sich und seinen Partner Dirk. Doch damit ist es für ihn nicht genug: „Manchmal lassen wir uns auch gehen wie vor 20 Jahren“, verrät er.

Auch wenn er sich selbst nicht als Stuttgarter Szenemensch bezeichnet, weiß Honstetter auch mit 43 Jahren noch, wo die einschlägigen Etablissements in der Stuttgarter City sind, „in denen man sich am Wochenende danebenbenehmen kann.“ Oft frage er sich selbst, ob diese Phase irgendwann bei ihm aufhöre. So schnell wünscht er das aber gar nicht. Vielleicht irgendwann, wenn er den Stuttgarter Westen tatsächlich verlässt, um seinen Lebensabend an der Côte d’Azur zu verbringen.




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