S1 ab Böblingen S-Bahn-Verspätungen und Ausfälle: Im Oktober war jeder Tag ein „Chaostag“

, aktualisiert am 20.11.2025 - 13:38 Uhr
Für viele Menschen ist die S-Bahn ab Böblingen ein wichtiges Transportmittel. Foto: Kreiszeitung Böblinger Bote

Von Pendlerinnen und Pendlern ab Böblingen werden derzeit starke Nerven verlangt. Die S-Bahn war im Oktober so unpünktlich wie selten zuvor.

Tausende Pendlerinnen und Pendler der S-Bahnlinie 1 ab Böblingen mussten im Oktober besonders starke Nerven mitbringen. Die S-Bahnen hatten so viel Verspätung wie selten zuvor – und das jeden Tag. Echtzeitdaten, die unsere Zeitung ausgewertet hat, zeigen: Jeder Tag auf der Linie S1 in Richtung Herrenberg war ein „Chaostag“ – auch die Samstage und Sonntage. „Chaostage“ sind Tage, an denen mehr als jede fünfte S-Bahn mindestens sechs Minuten Verspätung hat – in diesem Fall gemessen am Bahnhof in Böblingen.

 

Die 31 „Chaostage“ auf der S1 passen ins Bild: Im Oktober erlitten Fahrgäste im gesamten Stuttgarter S-Bahn-Netz in Sachen Verspätungen und Zugausfällen einen der schlimmsten Monate aller Zeiten. Als trauriger Spitzenreiter sticht die S1 hervor. Von allen Linien war sie im Schnitt am unpünktlichsten.

S-Bahn-Verspätungen vor allem aus Richtung Stuttgart

Besonders hart traf es Pendlerinnen und Pendler in der Woche ab dem 20. Oktober. In dieser Woche war fast jede zweite Bahn der Linie S1 in Richtung Herrenberg mehr als sechs Minuten verspätet. In den vergangenen zwölf Monaten hatten die Bahnen der S1 nur Ende März/Anfang April noch mehr Verspätung.

Die Grafik zeigt die wöchentlichen Anteile an verspäteten S-Bahnen in Böblingen – getrennt nach Linie und Fahrtrichtung. Die grauen Bereiche markieren größere Bauphasen, beispielsweise die Stammstreckensperrung in den Sommerferien, während der die S1 zwar pünktlicher, aber nur sehr eingeschränkt fährt.

S-Bahn nach Herrenberg: Jeder Tag ein „Chaostag“

Dabei macht es einen deutlichen Unterschied, ob Bahnen aus Richtung Herrenberg oder Stuttgart kommen. War im Oktober in Richtung Herrenberg jeder Tag ein „Chaostag“, gab es nach Stuttgart keinen einzigen. Was nicht heißt, dass die Bahnen nicht auch Verspätung hatten – aber seltener.

Die Grafik zeigt die Zahl der „Chaostage“ gemessen am Böblinger Bahnhof und aufgeteilt nach Linie und Fahrtrichtung seit Mai 2025.

Ebenfalls auf sich warten ließ die S60 – vor allem von Böblingen in Richtung Renningen. Nach der Datenauswertung unserer Zeitung gab es in diese Richtung im Oktober elf „Chaostage“, in die Gegenrichtung einen. Trotzdem war die Linie im Oktober im Schnitt eine der pünktlichsten im ganzen Netz.

S-Bahn-Verspätungen: Ausgefallene Bahnen zählen nicht

Nicht in die Verspätungswerte zählen S-Bahnen, die ganz ausgefallen sind oder vorzeitig enden, ohne Böblingen zu erreichen. Am 5. November, als ein entgleister Bagger in Stuttgart-Vaihingen mehr als einen Tag lang Chaos verursachte, fielen beispielsweise rund 40 Prozent aller Halte der S1 in Böblingen aus – in beiden Fahrtrichtungen. Am 16. Oktober fielen sogar mehr als die Hälfte aller S1-Halte in Böblingen aus.

Eine Nachfrage bei der Bahn ergibt: Die Gründe für die starken Verspätungen sind offenbar das Zusammenspiel vieler Ursachen, von denen keine wirklich überrascht. So erklärt ein Bahnsprecher die besondere Anfälligkeit der Linie S1 unter anderem mit ihrer Länge. Wenn sie zwischen Herrenberg und Kirchheim unter Teck pendelt, legt sie im Vergleich mit den anderen Linien die meisten Streckenkilometer zurück.

Auf ihrem Weg passiert sie zwei Baustellen bei Bad Cannstatt und bei Stuttgart-Vaihingen. „Das macht die Züge der S1 derzeit leider besonders anfällig“, schreibt der Bahnsprecher. Vor allem die Baustelle bei Bad Cannstatt zwischen Ober- und Untertürkheim habe die S-Bahnen in den vergangenen Wochen aus dem Takt gebracht.

S-Bahn in Stuttgart: Tunnel als Nadelöhr

Der Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Schwabstraße verschärft als Nadelöhr die gesamte Situation. In diesem Streckenabschnitt sind alle sechs Hauptlinien der S-Bahn unterwegs und die heutige Infrastruktur mit den konventionellen Signalen an ihrer Belastungsgrenze, so der Sprecher.

„Zwischen zwei Zugfahrten liegen minimal 2,5 Minuten. Das ergibt maximal 24 Fahrten pro Stunde in jede der beiden Richtungen – ohne Puffer“, rechnet er vor. Bedeutet: Sobald eine Bahn Verspätung hat, überträgt sich das schnell aufs ganze Netz.

Seine Hoffnung setzt der Bahnsprecher vor allem auf die Digitalisierung der Strecke. „Mit der digitalen Leit- und Sicherungstechnik ETCS (European Train Control System) und mit teilautomatisiertem Fahren erhöht sich allein auf der Stammstrecke die Kapazität um mindestens 20 Prozent“, teilt er mit.

S-Bahn kämpft um ihren Ruf

Die ersten Novembertage lassen sich nur wenig besser an als der Oktober. In der Region kämpft die S-Bahn um ihren Ruf. So wichtig und unverzichtbar sie für viele Pendler ist, verlieren manche Fahrgäste inzwischen die Geduld. Immer wieder ist zu hören, dass sich Menschen dreimal überlegen, ob sie mit der S-Bahn fahren, weil sie deren Unzuverlässigkeit fürchten.

Diese Erfahrung macht beispielsweise Steffen Volkmer, der regelmäßig die Show „Comics&Bier“ im Kulturzentrum Blaues Haus in Böblingen moderiert. Er kenne viele Leute aus Stuttgart, die seine Shows in Böblingen nicht mehr besuchten. Denn: „Sie wissen nicht, ob sie mit der S-Bahn pünktlich ankommen“, sagt er.

Verspätete Gäubahn und Baustellen

Verspätungsdefinition
Alle Bahnen, die sechs Minuten oder mehr zu spät kommen, gelten offiziell als „verspätet“. Ausgefallene Bahnen werden aus dieser Rechnung ausgenommen. Die Bedingungen für „Chaostage“ sind eine Definition unserer Zeitung.

Baustellen
Auf den beiden Baustellen bei Bad Cannstatt und zwischen Vaihingen und Rohr arbeitet die Bahn am Anschluss der Strecken an Stuttgart 21 und an der Umstellung auf eine digitale Zugsteuerung, das ETCS (European Train Control System).

Gäubahn
Bei den Gründen für die Verspätungen – nicht nur im Oktober – dürften auf der Strecke der S1 auch die Züge der Gäubahn eine Rolle spielen, die aus Richtung Singen kommend oftmals schon verspätet den Herrenberger Bahnhof erreichen. Ab Herrenberg teilen sie sich bis Stuttgart-Vaihingen die Strecke mit der S-Bahn.

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