In den Platanen am Stadtgarten nisten rund 40 Paare der Saatkrähe. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Allein in der Stadt Stuttgart brüten zurzeit 800 Paare von Saatkrähen – manche Anwohner sind von Lärm und Schmutz ziemlich genervt. Die Stadtverwaltung unternimmt bisher nichts.
Jetzt krächzen sie wieder, die 800 Brutpaare der Saatkrähe in Stuttgart: In diesen Tagen legen die Rabenvögel ihre Eier – rund acht Wochen wird es dauern, bis der Nachwuchs geschlüpft und flügge geworden sein wird. Das Problem dabei: Saatkrähen lieben es gesellig, nicht selten brüten 30 oder 40 Paare gemeinsam in nebeneinander stehenden Bäumen. Die Anwohner müssen es also mindestens zwei Monate lang ertragen, dass sich die Vögel von früh morgens bis spät abends lautstark unterhalten und dass die Krähen ihre Hinterlassenschaften auf Parkbänken und Gehwegen hinterlassen.
Tatsächlich gibt es dieses Phänomen, dass die Saatkrähe in großer Zahl in den Städten brütet, erst seit wenigen Jahrzehnten. In der Region Stuttgart wurden die ersten Paare um 2005 beobachtet. Eigentlich handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes, denn im Jahr 1980 war die Art in ihrem Bestand gefährdet gewesen, im ganzen Südwesten soll es nur noch 500 Paare gegeben haben. Mittlerweile ist die Art zwar immer noch streng geschützt und darf im Grundsatz nicht bejagt werden, aber ihr Bestand gilt längst als ungefährdet. Knapp 10.000 Brutpaare in Baden-Württemberg waren es laut der letzten veröffentlichten Roten Liste von 2019.
Mehr als 400 Brutpaare leben allein in Bad Cannstatt
In Stuttgart ist gut die Hälfte der 800 Brutpaare rund um die MHP-Arena und in Bad Cannstatt selbst heimisch geworden. Für Stammheim listet die Stadt Stuttgart 65 Brutpaare auf, vor allem entlang der Korntaler Straße. Auf Bäumen über dem ebenerdigen Parkplatz neben dem Stadtgarten und dem K1-Gebäude der Universität wurden 41 Paare kartiert; dort dürfte manches Auto mit weiß-schwarzen Souvenirs wieder wegfahren. Auch in Zuffenhausen, Untertürkheim und Möhringen würden Saatkrähen brüten, teilt Sven Matis, der Sprecher der Stadt Stuttgart, auf Anfrage mit. Beschwerden habe es bisher nur aus zwei Bereichen in Zuffenhausen und Stammheim gegeben.
In Nürtingen etwa nisten Saatkrähen sogar in der Fußgängerzone; ein Sitzpodest ist vorübergehend nicht benutzbar, weil permanent Kotpflatscher von oben drohen. In Aalen ist ein großer Teil der Fußgängerzone betroffen.
In Nürtingen steht ein Saatkrähen-Baum mitten in der Fußgängerzone – auf dem Sitzpodest darunter will sich niemand mehr niederlassen. Foto: Faltin
Im Stuttgarter Rathaus ist man ziemlich ratlos, wie man mit dem Problem umgehen soll – und tut gar nichts. Derzeit würden verschmutzte Flächen nicht einmal häufiger gereinigt, räumt die Stadt ein. Ein Krähenmanagement, über das schon vor zwei Jahren diskutiert worden war, lässt noch auf sich warten: „Aus den Erfahrungen aus anderen Städten zeigt sich, dass ein solches Management nicht einfach sein wird“, betont Sven Matis. Denn die Vögel zu vertreiben, sei meistens nicht dauerhaft erfolgreich; vielmehr bestehe sogar die Gefahr, dass sich die Kolonien zersplitterten und die Vögel dann an mehreren anderen Orten für Ärger sorgten.
Auch sei es gar nicht so einfach, eine Erlaubnis für die Vergrämung der Saatkrähen zu erhalten. Es müsse ein überwiegendes öffentliches Interesse bestehen oder eine unzumutbare Belastung im Einzelfall vorliegen. In der Brutzeit sind sowieso alle Maßnahmen verboten. OB Frank Nopper setzt sich dafür ein, dass die Bundesregierung einen „fundamentalen Richtungswechsel weg vom Individualschutz hin zum Populationsschutz“ vornehmen müsse. Vor drei Jahren war ein Antrag der CDU im Bundestag, den Schutzstatus der Saatkrähe herabzustufen, gescheitert.
Andere Städte sind nicht ganz so fatalistisch wie Stuttgart unterwegs. Für einiges Aufsehen sorgt der in diesem Jahr erstmalige Versuch in Ulm und Neu-Ulm, die Saatkrähen mit Wüstenbussarden zu vertreiben – ab Februar war ein Falkner mit seinen Beutevögeln unterwegs. Es werde aber zwei bis drei Jahre dauern, bis man abschätzen könne, ob das Verfahren zum Ziel führe, so die Stadt Ulm. Allein in der Schwabenstraße in Neu-Ulm hielten sich in den letzten Jahren 400 Paare auf.
Daneben hat der Ulmer Baubetriebshof seit dem letzten Herbst und bis kurz vor Brutbeginn leere Nester aus den Bäumen in der Innenstadt abgeräumt. Teils nisteten die Vögel jetzt aber anderswo in Ulm, hieß es jüngst in einem ersten Resümee in der Südwestpresse. Andere Städte stutzen zumindest die Bäume, um den Nestbau weniger attraktiv zu machen.
Nabu: Den Autolärm haben die meisten Menschen auch akzeptiert
Auch Alexandra Ickes vom Nabu-Landesverband betont: Ohne eine durchdachte Planung, wo die Tiere anschließend hin sollen, sei jede Vergrämung zum Scheitern verurteilt. „Jedoch finden die Saatkrähen solche Ausweichhabitate kaum mehr in der Feldflur“, so Ickes, gerade deshalb kämen sie ja in die Städte.
Sie bittet die Menschen, den Lärm der Vögel zu tolerieren: Autos seien lauter, und das hätten die meisten Menschen auch akzeptiert. Gegen den Kot könne man heikle Orte in der Innenstadt oder über Spielplätzen zeitweise mit Stoff überspannen. Die Saatkrähen lebten nur während der Brutzeit in Kolonien; das Problem sei also zeitlich begrenzt. Grundsätzlich sagt Ickes: „Wir verfolgen mit Sorge, dass es Meinungen gibt, die den Schutzstatus von Tierarten grundsätzlich senken wollen und zur Jagd rufen, sobald diese nicht mehr vom Aussterben bedroht sind.“ Tiere hätten aber grundsätzlich ein Recht auf Leben.
Mit Genehmigung ist auch der Abschuss der Vögel möglich
Auch draußen auf der Feldflur gibt es allerdings Probleme: Der baden-württembergische Landesbauernverband (LBV) und der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband registrierten in den Jahren 2021, 2022 und 2024 zusammen mehr als 400 Schadensmeldungen. Jungpflanzen würden von den Vögeln herausgepickt, reife Erdbeeren, Kürbisse oder Salate würden angefressen.
Das Umweltministerium hat deshalb Vorschriften gelockert – im vergangenen Jahr sei es in sechs Landkreisen im Südwesten möglich gewesen, Saatkrähen auch abzuschießen, sagt Lydia Johnson vom LBV. Für 2026 seien teils ebenfalls solche sogenannten Allgemeinverfügungen erlassen worden. Johnson: „Die Auswertung der eingegangenen Schadensmeldungen für 2025 zeigt, dass in Regionen mit Allgemeinverfügungen keine oder nur vereinzelt Krähenschäden aufgetreten sind.“