Sabine Fecke aus Vaihingen „Lesen ist eine Grundkompetenz fürs Leben“

Lesen ist die Chance, durch die Literatur, andere Lebenswelten kennenzulernen, sagt Sabine Fecke. Foto: Oliver Berg/dpa/Oliver Berg

Immer weniger Mädchen und Jungen lesen, das hat jüngst eine Studie ergeben. Sabine Fecke steuert mit ihrer Leseagentur in Stuttgart-Vaihingen gegen und will mit Autorenbegegnungen begeistern.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Vaihingen - Nur noch 32 Prozent der Jugendlichen nehmen regelmäßig ein gedrucktes Buch in die Hand. Der Wert ist so niedrig wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Wir haben mit Sabine Fecke, der Inhaberin der Leseagentur Vaihingen, darüber gesprochen.

 

Frau Fecke, warum greifen immer weniger Mädchen und Jungen freiwillig zu einem Buch?

Wir wissen, dass Grundschulkinder dank der Leseförderung an vielen Schulen durchaus lesefreudiger geworden sind. Vorausgesetzt, sie hatten die Chance, das Lesen richtig zu lernen. Doch in der fünften Klasse bricht es ein, das beweisen viele Studien. Ich denke, das liegt auch daran, dass bei Mädchen und Jungen diesen Alters nicht mehr so viel Wert daraufgelegt wird. Andere Dinge werden wichtig, in der Schule kommen mehr Fächer hinzu, zu Hause und auch in der Schule wird kaum mehr vorgelesen.

Warum ist das Lesen denn so wichtig?

Lesen ist eine Grundkompetenz, um gut durchs Leben zu kommen. Wichtig ist das verstehende Lesen, nur dann kann ich mir Wissen selbst erarbeiten und zum Beispiel Textaufgaben in Mathe, in Chemie lösen. Und es ist die Chance, durch die Literatur, andere Lebenswelten kennenzulernen, mich in die Figuren einfühlen und Empathie empfinden zu können. Außerdem bekommt man durchs Lesen einen größeren Wortschatz. Das hilft auch, eigene Gedanken und Gefühle ausdrücken zu können.

Gehört es zu den Aufgaben einer Leseagentur, mehr Menschen und insbesondere Kinder zum Lesen zu bringen?

Kinder- und Jugendlesungen sollen natürlich immer für Bücher und das Lesen begeistern, insofern ja. Mit meiner Leseagentur vermittele ich vor allem Autorenlesungen. Meine Aufgabe ist es, für Autoren Lesemöglichkeiten zu finden, in Bibliotheken, Schulen oder auf Festivals, Konditionen auszuhandeln, Verträge abzuschließen und dafür zu sorgen, dass die technischen Voraussetzungen stimmen. Solche Lesungen organisiere ich für Kinder und Erwachsene in ganz Deutschland, teilweise auch in Österreich und der Schweiz.

Worauf kommt es bei so einer Autorenlesung denn an?

Wenn ich die Autorinnen und Autoren aussuche, achte ich vor allem darauf, dass es Menschen sind, die die Kinder mitreißen können. Kinder sind ein ehrliches Publikum, wenn ihnen langweilig ist, wird es unruhig. Natürlich schafft man es nie, dass hinterher alle Kinder lesen. Aber es sind jedes Mal einige dabei, die aufgrund so einer Veranstaltung zum Buch greifen.

Und wie bekomme ich als Elternteil mein Kind noch zum Lesen?

Vor allem geht es um die Vorbildfunktion. Wenn zu Hause kein Buch steht und überhaupt nur wenig gedruckte Medien da sind, und das fängt schon bei der Tageszeitung an, dann wird es für die Kinder schwierig. Außerdem sollte man die Kinder aussuchen lassen. Nicht jeder mag die gleichen Geschichten, nicht alle Mädchen lieben Pferdebücher, und nicht alle Jungen können mit Piraten etwas anfangen. Das ist ja gerade bei den Erstlesebüchern manchmal sehr klischeehaft. Manche Kinder mögen auch gar keine Geschichten, sondern eher Sachbücher. Und man muss ja auch gar nicht alle Bücher kaufen, Bibliotheken bieten eine große Auswahl.

Und wenn mein Grundschulkind zwar gern vorgelesen bekommt, aber partout nicht selbst lesen will?

Dann heißt es geduldig sein und dranbleiben. Selber lesen ist Übungssache, das ist manchmal hart. Abwechselnd lesen – eine Seite du, eine Seite ich – kann da ein guter Weg sein. Letztlich geht es vor allem um die Lesekompetenz. Nicht jedes Kind wird sich hinterher für Literatur begeistern. Es gibt eben auch Menschen, die greifen nicht so gerne zum Buch. Aber die Fähigkeit, lesen zu können, muss trainiert werden.

Welche Rolle spielen Kindergärten und Schulen?

Eine große Rolle. Natürlich muss in Kindergärten viel vorgelesen werden, und die Bücher sollten für die Mädchen und Jungen stets verfügbar sein. Für die Schulen würde ich mir mehr Schulbibliotheken wünschen, die dann nicht nur in zwei Pausen zweimal die Woche geöffnet haben und idealerweise auch mit Arbeitsplätzen für die Schüler zum Recherchieren ausgestattet sind.

Was braucht es Ihrer Meinung nach noch, damit wieder mehr Kinder und Jugendlich lesen?

Ich wünsche mir von der Politik, dass mehr Geld für die Leseförderung zur Verfügung gestellt wird: zur Finanzierung von Autorenlesungen, für Schulbibliotheken oder auch für Literatur- und Medienpädagogen. Natürlich haben die Schulen ihre Förderkreise und es gibt das Ehrenamt, aber das hat seine Grenzen. Das Bildungsthema muss wieder mehr in den Fokus der Politiker rücken.

Zur Person

Sabine Fecke,
Jahrgang 1956, ist in Hamburg aufgewachsen und lebt seit 39 Jahren in Stuttgart. Die Diplom-Ingenieurin für Städtebau arbeitete nach der Geburt ihrer Kinder in einer Vaihinger Buchhandlung und übernahm dort später die Leitung des Kinder- und Jugendbereichs. Die Begegnung mit den Autorinnen und Autoren sei für sie immer ein besonderes Sahnehäubchen gewesen. Darum habe sie sich vor 14 Jahren mit ihrer Leseagentur selbstständig gemacht, sagt Sabine Fecke.

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„Der kleine Wassermann“ von Ottfried Preußler und „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren gehören zu Sabine Feckes liebsten Kinderbuch-Klassikern. Aus ihrer Jugendzeit sind ihr die Bücher von Irmela Brender in Erinnerung geblieben. Aktuell empfiehlt Sabine Fecke für Kinder von acht Jahren an „Ein Baum für Tomti. Eine wunderbare Reise zu den Bäumen“ von Nina Blazon und für Jugendliche von 14 Jahren an „Play“ von Tobias Elsäßer. Sie selbst liest gerade „Der Zauberer“ von Colm Tóibín, eine Romanbiografie über Thomas Mann.

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