Die Enttäuschung von Sabine Lisicki nach der verlorenen Wimbledon-Finale gegen Marion Bartoli ist riesig gewesen. Aber die Berlinerin will aus dem misslungenen Endspiel lernen, um weiter nach oben zu kommen.
London - Das nächste große Ziel hat Sabine Lisicki bereits zwei Stunden nach ihrer 1:6-4:6-Finalniederlage ausgegeben: „Erholen. Einfach gut erholen.“ Und so schaute sie sich das Endspiel der Männer in Wimbledon gar nicht mehr erst an, sondern flog am Sonntagnachmittag heim nach Berlin. Um die Erinnerungen an die vergebene Chance hinter sich zu lassen – und vor allem die riesige Enttäuschung.
Sie war so nah dran. Am Samstag hätte sie das prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt gewinnen können. Als erste Deutsche seit Steffi Graf 1996. Welch eine Bürde, aber Lisicki hatte all den Druck zuvor stets weggelacht. „Der Sieg würde die Welt für mich bedeuten“, sagte sie bei jeder Gelegenheit. Und immer wieder schilderte sie, wie viel Kraft sie daraus ziehe, auf der größten Bühne zu spielen. Doch als die 23-Jährige dann zusammen mit ihrer Gegnerin Marion Bartoli auf den mit 15 000 Zuschauern voll besetzten Centre-Court schritt, ergriffen sie ihre Emotionen, denn es war dann schon einiges ganz anders als bei den Partien zuvor.
Von Anfang an unkonzentriert
Es begann damit, dass sie bereits auf ihrem langen Weg durch die Katakomben von Fernsehkameras begleitet wurde. Direkt vor dem Match bekam sie dann einen kolossalen Blumenstrauß überreicht. Und den Münzwurf nahm die 14-jährige Sophie Snowling vor, deren Bruder unter einem Gehirntumor leidet. „Ich war von der Situation überwältigt“, sagte Lisicki, nachdem sie statt der goldenen Siegerschale das Silbertablett für die Zweite erhalten hatte.
Dabei begann ihr erstes Grand-Slam-Turnierfinale perfekt. Weil auch Bartoli aufgeregt war, gelang ihr sofort ein Break. Doch Lisicki konnte davon nicht profitieren. Sie war so unkonzentriert, dass sie beim Aufschlag mehrmals den Ball zu weit nach hinten emporwarf. Außerdem unterliefen ihr zahlreiche leichte Fehler. Entweder drosch sie den Ball aus aussichtsreicher Position ins Netz oder hinter die Grundlinie. So schaffte es Lisicki im ersten Satz kein einziges Mal, ihren Aufschlag durchzubringen. Bartoli hingegen legte ihre Nervosität schnell ab. Die 28-Jährige, die 2007 schon einmal ein Wimbledon-Finale gespielt, aber gegen Venus Williams verloren hatte, setzte die Deutsche mit ihrer harten, präzisen und beidhändigen Vorhand unter Druck. Nach nur 29 Minuten gewann die Französin den ersten Satz.
Auch im zweiten Satz konnte sich Lisicki nicht fokussieren. Wieder kassierte sie schnell ein Break. Und als sie beim Stand von 1:3 erneut einen Doppelfehler machte, konnte sie ihre Gefühle auf dem Centre-Court nicht mehr kontrollieren. Lisicki schluchzte, dann weinte sie. „Ich war so enttäuscht“, sagte sie über diesen Moment. „Enttäuscht über mich, denn ich wusste, dass ich es besser kann.“ Mit aller Macht versuchte sie während der Partie, sich zu konzentrieren. „Aber es klappte nicht.“
Auch das Publikum kann Lisicki nicht helfen
Nichts von dem, was Lisicki in den vergangenen beiden Wochen im Südwesten Londons ausgezeichnet hatte, funktionierte mehr. Sie schlug schlecht auf, traf die falschen Entscheidungen. Das Publikum versuchte alles, sie wieder ins Spiel zu bringen. Ständig feuerten die Briten sie an. Vergebens. Nach 26 Minuten im zweiten Satz lag sie bereits 1:5 zurück und Bartoli hatte die ersten drei Matchbälle. Doch plötzlich erwachte neue Energie in Lisicki. Sie wehrte die drei Matchbälle ab und kämpfte sich noch einmal auf 4:5 heran. Aber die Aufholjagd kam zu spät. Bartolis Vorsprung war zu groß, bei eigenem Aufschlag nutzte sie schließlich ihren vierten Matchball. Den Jubel der Französin, die zu ihrem Team und ihrer Familie auf die Tribüne kletterte, konnte sich Lisicki nicht anschauen. Mit gebeugtem Kopf saß sie auf ihrem Platz.
„Man hat gesehen, dass ihr Körper im Finale leer war. Schon im Training wirkte sie müde“, sagte ihr Trainer Wim Fissette. Auch Lisicki gab zu: „Mental und physisch war ich nicht mehr bei 100 Prozent. Der Weg ins Endspiel hat mehr Kraft gekostet, als ich mir eingestehen wollte.“ In mitreißenden Partien hatte sie die Weltranglistenerste und Titelverteidigerin Serena Williams bezwungen, die Vorjahresfinalistin Agnieszka Radwanska und zwei weitere Grand-Slam-Turniersiegerinnen. So bilanzierte die Bundestrainerin Barbara Rittner: „Sie hat gigantische zwei Wochen gespielt. Ich bin saustolz auf sie.“ Und der Belgier Fissette blickte bereits voraus: „Sabine ist noch so jung. Das Beste liegt noch vor ihr.“
Lisicki betonte ebenfalls sofort das Positive. „Ich habe aus meinen Erfahrungen immer so viel gelernt und ich bin sicher, dass ich auch aus dieser Niederlage viel lernen werde“, sagte sie. Wenn heute die neue Weltrangliste erscheint, wird sie zwar lediglich von Platz 24 auf 18 geklettert sein, aber als Zusatz zu ihrem Namen wird nun immer „Wimbledon-Finalistin“ erwähnt werden. Lisicki will die Endspielerfahrung jedenfalls so schnell wie möglich wiederholen: „Ich bin von Jahr zu Jahr besser geworden. Und dieses Turnier hat mich definitiv zu einer besseren Spielerin gemacht.“