Sabotage in Ostsee Wer sprengte Nord-Stream-Pipelines?

Gasblasen stiegen im September 2002 im Meer auf, nachdem Unbekannte Pipelines von Nord Stream 1 und 2 gesprengt hatten. Foto: //Danska Forsvaret

Russland verlangt eine UN-Untersuchung der Anschläge 2022. Eine umstrittene Recherche eines US-Reporters gibt dem Kreml zusätzlich Auftrieb. Doch die vermeintlichen Opfer könnten auch die Täter sein. Eine Spurensuche.

Joe Biden hat es gesagt. Der US-Präsident hat offen gedroht, die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 zu verhindern. „Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird es das Projekt nicht mehr geben“, erklärte Biden kurz vor der Invasion und versicherte: „Wir werden dazu in der Lage sein.“ Der Kreml zitiert diese Sätze immer wieder, seit unbekannte Täter die Nord-Stream-Pipelines 1 und 2 im September 2022 gesprengt haben. Drei der vier Gasröhren auf dem Grund der Ostsee sind zerstört. Nun erhöht Moskau den Druck. Im UN-Sicherheitsrat will Russland internationale Ermittlungen durchsetzen. Die USA und ihre Partner sind im „Fall Nord Stream“ in der Defensive. Zumal die Hoheit über die Untersuchungen in Schweden und Dänemark liegt. Auch die Bundesanwaltschaft ermittelt.

 

USA weisen Vorwürfe zurück

Ergebnisse? Streng geheim. Vor allem die schwedischen Behörden hüllen sich in Schweigen. Als sicher gilt, dass es sich um Sabotage handelte. Wegen des Aufwands kommt nur ein staatlicher Akteur als Verursacher infrage. Dazu stieß zuletzt eine Recherche des renommierten US-Reporters Seymour Hersh auf starke Resonanz. Demnach sollen US-Marinetaucher im Juni die Nato-Übung „Baltops 22“ genutzt haben, um Sprengladungen an den Pipelines anzubringen. Drei Monate später sei die Fernzündung erfolgt. Die US-Regierung weist dies als „frei erfunden“ zurück. Zweifel weckt der Bericht auch, weil Hersh sich nur auf eine anonyme Quelle stützt. Seriös lässt sich daher im „Fall Nord Stream“ derzeit kein Täter benennen.

Doch wer hatte Motiv, Mittel und Gelegenheit? Zu den entschiedensten Gegnern von Nord Stream gehörten von Anfang an die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten. Sie verloren Transiteinnahmen und fürchteten Erpressung: Russland konnte ihnen das Gas abdrehen und den lukrativen Westen über die neuen Pipelines weiter beliefern. Fachleute halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass diese Staaten in der Lage wären, in der engmaschig überwachten Ostsee eine derart komplexe Spezialoperation auszuführen und sie geheim zu halten.

Warum hätte Biden einen Anschlag befehlen sollen?

Ben Hodges, ehemaliger Oberkommandierender der US-Armee in Europa, ist überzeugt: „So etwas kommt am Ende immer heraus.“ Das gelte auch für eine Beteiligung der USA. Dieses Szenario hatte Hersh entworfen. Demnach soll die US-Marine von Basen in Norwegen mit Wissen der Regierung in Oslo gehandelt haben – unter dem Deckmantel des Baltops-Manövers. Der frühere Nato-General Erhard Bühler hält das für abwegig: „Diese Übung wird in einem gemeinsamen Hauptquartier geführt. Da sitzen auch Deutsche drin.“ Es sei bei 16 Marinen mit 47 Schiffen nicht vorstellbar, dass eine US-Operation den Nato-Partnern verborgen bliebe.

Der Hinweis auf das Bündnis führt zur Frage nach den Motiven: Warum hätte Biden einen Anschlag befehlen sollen? Aus geostrategischen und ökonomischen Interessen? Demnach hätten die Vorteile alle Nachteile überwogen: die Hilfe für die Ukraine und die Partner im Osten, der Schlag gegen den russischen Gazprom-Konzern und der Profit für die eigene Wirtschaft. Schließlich drängte Washington seit Jahren besonders Deutschland zum Bau von Terminals für Flüssigerdgas (LNG), um eigenes Gas verkaufen zu können. Auch der angebliche Mittäter Norwegen ist Energieexporteur.

Allerdings war Nord Stream 1 im September 2022 faktisch außer Betrieb, weil Gazprom im Krieg den Hahn zudrehte. Nord Stream 2 galt seit der russischen Invasion als politisch tot. Und die Bundesregierung hatte längst den Weg für LNG-Importe geebnet. Die wichtigsten Motive der USA waren zum Zeitpunkt des Anschlags also entfallen. Hinzu kommt: Biden tat nach seinem Amtsantritt alles, um die westliche Allianz nach den Chaosjahren unter Donald Trump zu stärken. Bis heute gilt es als sein größter außenpolitischer Erfolg, die Nato vor dem russischen Überfall auf die Ukraine zusammengeschweißt zu haben.

An Nord Stream wiederum sind Unternehmen aus Deutschland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden beteiligt. Ein Angriff auf die Pipelines hätte im äußersten Fall also nicht nur die Röhren gesprengt, sondern auch das transatlantische Bündnis – und das in Kriegszeiten. Der Zeitpunkt der Explosion ist aber noch aus anderen Gründen aufschlussreich. Nur fünf Tage vor dem Anschlag, am 21. September, verkündete Wladimir Putin eine Teilmobilmachung. Am 30. September annektierte der russische Präsident vier ukrainische Regionen – eine Art zweiter Kriegserklärung. Dmitri Medwedew, einer der engsten Vertrauten des Kremlchefs, fasste es kurz vor der Pipelinesprengung in die Formel: „Russland hat seinen Weg gewählt. Es gibt kein Zurück.“

Russische Spezialschiffe im Einsatz

Hat also die Führung in Moskau die eigenen Gasröhren zerstören lassen, um alle Brücken nach Westen abzubrechen? Es gibt kaum Zweifel, dass Russland Mittel und Gelegenheit für den Anschlag hatte. Als wahrscheinlichste Variante gilt, dass während der Verlegearbeiten von Nord Stream 2 Sprengmaterial angebracht wurde. 2021, als Putin seine Truppen an den Grenzen zur Ukraine aufmarschieren ließ, übernahmen russische Spezialschiffe den Einsatz in der Ostsee.

Weniger klar ist dagegen die Motivlage. Der Kreml habe die Energiemärkte in Chaos stürzen wollen, um den Gaspreis in die Höhe zu treiben, sagen die einen. Andere Fachleute halten eine Drohgebärde für wahrscheinlicher. Die Botschaft: „Seht her, wir sind in der Lage, eure kritische Infrastruktur anzugreifen.“ Reicht das als Motiv?

Plausibler erscheint, dass der Anschlag eine interne Machtdemonstration von Hardlinern im Kreml gewesen sein könnte. Denn in russischen Wirtschaftskreisen wuchs im Sommer 2022 der Unmut über die Konfrontation mit dem Westen. Die Pipelinesprengung raubte dieser Fraktion eine wichtige Perspektive. Allerdings haben US-Geheimdienste laut einer umfangreichen Recherche der „Washington Post“ bisher keine belastbaren Indizien gefunden, die auf eine russische Täterschaft hindeuten. Das Rätsel um die Nord-Stream-Sprengungen – es muss daher vorerst ungelöst bleiben.

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