Sachsen Ein ausgelöschtes Leben

Von Michael Kraske 

Fünf junge Männer töten einen Obdachlosen. Doch die Staatsgewalt glaubt nicht an eine Tat von Nazis. Die Ermittler gehen vielen Fragen nicht nach.

Neonazis bei einer Demonstration in Dessau Foto: dpa-Zentralbild
Neonazis bei einer Demonstration in Dessau Foto: dpa-Zentralbild

Oschatz - Nicht mal ein Foto ist von André K. geblieben. Als hätte es ihn nie gegeben. Das Wartehäuschen am Südbahnhof im kleinen Oschatz mitten in Sachsen, wo sich der 50-Jährige am Abend des 26. Mai schlafen gelegt hatte, ist neu gestrichen. Die Bank, auf der er mit einem Tritt geweckt wurde, ist entfernt worden. Müll liegt herum. Kein Kranz, keine Tafel erinnern daran, dass junge Männer ihn hier so lange traten, bis er sich nicht mehr rührte. Dass sie André K. blutend zurückließen, mit zertrümmertem Gesicht und gebrochenen Rippen. In einem Leipziger Krankenhaus erlag er seinen schweren Verletzungen. Die Tat erscheint anlasslos, die Täter mitleidlos. Die Frage bleibt: Warum?

Das versucht derzeit die Jugendschöffenkammer des Leipziger Landgerichts zu klären. Die Staatsanwaltschaft hat fünf Männer wegen Totschlags angeklagt, zudem einen 36-Jährigen, weil er dem Opfer nicht geholfen habe. Obwohl André K. gewaltsam geweckt wurde, werten die Ankläger den Angriff nicht als heimtückisch, was Mord bedeuten würde. Auch die Absicht, „minderwertiges“ Leben zu vernichten, ist ein Mordmerkmal. Motiv und Hintergründe, so die Staatsanwaltschaft, „konnten im Verlauf der Ermittlungen nicht vollständig geklärt werden“.

Langsam entsteht ein Bild der grausamen Nacht

9 Uhr morgens: Im Saal 14 starren die Angeklagten stur auf die Tischplatten. Da ist Chris K., 16, der wie ein netter Junge aussieht, beinahe zerbrechlich wirkt. Neben ihm legt David O., ebenfalls 16, aber stämmiger, stockend und leise nuschelnd ein Geständnis ab. Immer wieder muss Richter Norbert Göbel nachfragen, weil der Schüler nicht zu verstehen ist. So quält sich das Gericht durch jenen Abend im Mai, bis sich ein Bild ergibt. Demnach begannen drei Schüler nach der Schule Bier zu trinken, trafen dann die älteren Ronny S. und Sebastian B., mit denen sie in einer Wohnung weitertranken. Dann habe Ronny S., 27, gesagt, ein Nachbar habe Schulden bei ihm. Sie suchten den Nachbarn, der aber nicht da war. Daraufhin habe Ronny S. erklärt, auch André K. habe Schulden und solle eine Abreibung kriegen. Eine krude Geschichte. Wer leiht einem Obdachlosen Geld? David O. hat sich das offenbar nicht gefragt. „Schulden, Geld, ich wusste nichts Genaues“, stammelt er, „dass wir hingehen, Abreibung machen, Schulden holen.“ Man habe abgestimmt. Alle hätten Ja gesagt.

Dann seien sie los, Sebastian B. nahm sein Samurai-Schwert mit. Sie suchten im Oschatz-Park. Zogen weiter zum Südbahnhof, wo André K. manchmal war. Was da geschah, schildert David O. so: „Da hab ich’s bläken hören und da bin ich halt hin. Wo ich zu dem hinkam, ham se auf den eingetreten.“ Er gibt zu, zweimal getreten zu haben. Warum? „Gruppenzwang.“ Die Staatsanwältin bohrt nach. Nein, keiner habe ihn aufgefordert. „Also haben Sie es besser gefunden, einen wehrlosen Mann zu treten als Außenseiter zu sein“, fragt die Staatsanwältin. Schweigen. Dann schildert der junge Mann, wie Sebastian B. mit dem Schwert zuschlug, die Klinge auf dem Boden abbrach. André K. schrie, krümmte sich, dann röchelte er nur noch, blutend, mit Bier übergossen. Am Ende lag er reglos auf dem Rücken, aber sie traten ihm weiter ins Gesicht. Zwei der Peiniger wollten einen Krankenwagen rufen. Ronny S. habe das verhindert. Dann gingen sie zurück und tranken weiter.

Die Geschichte eines früh gescheiterten Lebens

Sebastian B. lässt von seinem Anwalt eine Erklärung verlesen. Die Geschichte eines früh gescheiterten Lebens. Lernförderschule bis zur 9. Klasse. Keine Chance auf einen Job. Eine Drogenkarriere: Alkohol, Ecstasy, Speed, auch Heroin. Es folgen Entzüge und Rückfälle, jeden Tag ein Kasten Bier. B. räumt die Tritte ein, er gibt zu: die Sache mit den Schulden war ein Vorwand. „Es gab sicher keinen Anlass, gegen Herrn K. vorzugehen. Wir haben uns im Suff einen sinnlosen Grund eingeredet.“

Nach der Tat machten Antifa-Seiten im Internet zwei Fotos publik. Eines zeigt den Angeklagten Ronny S. mit NPD-Aktivisten an einem Transparent, auf dem NPD und JN steht – das Kürzel der NPD-Jugendorganisation. Das Foto wurde am Rande einer Demo in Oschatz aufgenommen, bei der die linksalternative Szene gegen geplante Etatkürzungen demonstrierte. Ein Teilnehmer erinnert sich, Ronny S. dort gesehen zu haben. Das zweite Foto zeigt auf der Internetseite „myspace“ unter dem Namen Ronny S. einen Mann unter einer Reichskriegsflagge. Sein Mittäter belastet ihn als Wortführer jener Gewaltnacht. Unter Neonazis gelten Obdachlose als Asoziale. War das wahre Motiv also rechter Menschenhass? Ronny S., klein und kräftig, wegen Nötigung und Beleidigung vorbestraft, stand unter Bewährung.