Sängerin Sigi Gall über Krebserkrankung „Wir haben viel gelacht“ - auch kurz vor der Narkose

„Wir müssen den Schmerz ins Komische drehen. Darin liegt der Witz“, sagt Sigi Gall. Foto: Martina Baral

Monate der Unsicherheit, der Sorge und der Therapien: Die Stuttgarter Comedienne und Sängerin Sigi Gall hat eine schwere Erkrankung hinter sich. Im Frühjahr will sie auf die Bühne zurück.

Sigi Gall feierte Erfolge mit ihrer Comedy-Gruppe Backblech und mit dem Gospelchor The Union. Sie zelebrierte schwäbisches Kabarett mit der Neuen Museumsgesellschaft, trat auf in der Mäulesmühle, im Friedrichsbau Varieté. Man kennt sie als eine vor Witz und Lebensfreude sprühende Frau.

 

Aber plötzlich, im November 2023, war für Sigi Gall alles anders. Eben noch hatte sie im Stuttgarter Theaterhaus die Rückkehr von Backblech gefeiert. Dann kam aus heiterem Himmel die Diagnose Krebs – und damit der Sturz von einem Gipfel des Erfolgs in einen Abgrund existenzieller Angst, von der Bühne in den Operationssaal. Monate der Unsicherheit, der Sorge und der Therapien sollten folgen. Aufgegeben hat die 60-jährige Komödiantin in keinen Augenblick.

Sie erinnert sich daran, wie alles begann. Gemeinsam mit Cherry Gehring und James Geier gründete Sigi Gall 2001 Backblech, gemeinsam entwickelten sie drei Bühnenprogramme. Nach 2013 versuchten Cherry Gehring und James Geier sich mit Solo-Programmen, Sigi Gall spielte mit Backblech in neuer Besetzung – um das Management der Gruppe hatte sie sich von Anfang an selbst gekümmert. Als Gehring und Geier schließlich einer Reunion zustimmten, war sie außer sich vor Freude. Endlich sollte sie wieder mit ihren liebsten Kollegen auftreten. „Heimspiel – die Familie, die ich rief“, heißt das Stück, das sie im November vor einem Jahr im Theaterhaus präsentierten.

Sie konnte sich nicht freuen

„Ich hatte mein ganzes Leben auf diese Premiere ausgerichtet“, erzählt Sigi Gall. „Und sie war fulminant. Sie übertraf alles, was wir uns vorgestellt hatten. Ein paar Tage später besuchte mich Cherry. Er tanzte durch meine Küche, er feierte. Ich beobachtete ihn und dachte nur: Komisch, irgendetwas ist mit mir, ich freue mich überhaupt nicht.“

Das konnte sie sich nicht erklären. Ein Traum war doch für sie wahr geworden. Tage der Erholung waren gefolgt – und dennoch empfand sie nur eine tiefe Erschöpfung. Sie suchte ihren Hausarzt auf. Er sagte: „Ich möchte, dass du ein CT machen lässt. Wir müssen nach etwas Ungutem schauen.“

Die Frauenklinik Stuttgart erstellte die Diagnose. Der Krebs war im Blut nachweisbar, er saß im Eierstock. Am 10. Dezember begab sich Sigi Gall in die Klinik für die erste Operation. Sie dauerte zwölf Stunden. Am 24. Dezember wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen. Heiligabend konnte sie zuhause verbringen. „Ich war so froh, dass ich meinen Mann Nils hatte“, sagt sie. „Ich war ein Pflegefall. Eine Treppe hinaufzusteigen, ins Bett zu kommen – das waren echte Herausforderungen für mich.“

Foto: Bernd Eidenmüller

Der große Schock lag zu diesem Zeitpunkt schon hinter ihr, sie hatte längst den Kampf gegen die Krankheit aufgenommen. „Zuerst“, erzählt sie, „habe ich nicht in vollem Umfang verstanden, was mit mir geschah. Ich glaube, die Seele besitzt irgendeine Funktion, die dir in einer solchen Situation sagt, dass alles nicht so schlimm ist. Irgendetwas hat mich beschützt.“

Drei Monate dauerte die schlimmste Zeit. Sigi Gall erhielt einen künstlichen Darmausgang, der später zurückgebaut wurde. Sie wurde in der Klinik mit dem Schicksal anderer Patientinnen konfrontiert, denen der Krebs innere Organe raubte.

Einmal erlebte sie nachts eine Schmerzspitze. „Ich hatte die Nachtschwester gerufen“, erzählt Sigi Gall. Aber ich bekam keine Tablette, es war keine da, ein Fehler war passiert.“ Am nächsten Tag machte der Oberarzt eine Visite, begleitet von seinem Schmerzteam. „Er war gut drauf, er war lustig. Und ich lag da, nass geschwitzt, und dachte: Was ist mit dem los? Hat er einen Clown gefrühstückt? Das war die einzige Situation, in der mich der Humor ganz verlassen hat.“

„Wir haben viel gelacht“ - Sigi Gall über ihre Krebserkrankung

Der Oberarzt entschuldigte sich später, und Sigi Gall kann heute rückblickend noch so manch anderer Situation, die sie im Krankenhaus erlebte, eine komische Seite abgewinnen. „Nils ging auch super humorvoll an all das heran“, sagt sie. „Wir haben viel gelacht – im Krankenhaus, als all die schweren Themen auf uns zukamen, und auch immer dann, wenn etwas schieflief.“

Zurück bleibt eine tiefe Dankbarkeit für die Menschen, die sie begleiteten, die Ärzte, die sie retteten. Geblieben ist auch die Gewissheit, dass Humor in einer solchen Situation eine echte Medizin sein kann.

Sigi Gall erzählt die Geschichte, als sie vor einer Operation in Narkose versetzt wurde: „Der Narkosearzt hat mit mir geredet, und wir haben dabei laut gelacht. Da ging eine Schiebetür auf, eine Schwester schaute herein und sagte: ‚Was gibt es denn zu lachen?‘ Ich antwortete: ‚Darf man das denn nicht hier?‘ Darauf sagte sie: ‚Doch, das muss man sogar. Ich wollte nur die Tür aufmachen, damit alle es hören.‘“ Sigi Gall ging mit einem Lachen in die Narkose, und mit einem Lachen ist sie dann wieder aufgewacht. „Man spürt das. Es ist etwas ganz anderes, als wenn man verkrampft in eine Narkose geht.“ Eine Vollnarkose ist beängstigend, das hat Sigi Gall nicht vergessen. „Aber man kann mit dem Lachen dagegen halten.“

Humor hat im Leben von Sigi Gall schon immer eine große Rolle gespielt. Und sie verstand Humor schon immer auch als etwas, das mit Schmerz verbunden ist. „Heimspiel – Die Familie, die ich rief“, das Stück, das sie im November 2023 mit Backblech im Theaterhaus aufführte, verfasste sie bereits Jahre zuvor. Es handelt von einer Familie, in der die Eltern sterben. „Es geht um Geschwister, die zurückbleiben, die sich gegenseitig einen Spiegel vorhalten. Und um die Frage, ob der Tod der Eltern Menschen verändern kann“, sagt sie. James Geier spielt den Notar und väterlichen Freund der Familie, dem die Aufgabe zukommt, die Erbschaft sehr ungleich zu verteilen. „Das ist eigentlich grausam – und zugleich sehr lustig“, sagt Sigi Gall.

Witz ist nun mal eng verbunden mit Unglück, Ungeschick, im Grunde tragischen Situationen. „Humor“, sagt sie, „hat für mich viel zu tun mit Wissen. Wenn wir nicht das gleiche Wissen haben, können wir nicht über die selben Witze lachen. Das andere ist der Schmerz. Den müssen wir ins Komische drehen. Darin liegt der Witz.“

„Ich mache Musik und versuche, dabei lustig zu sein“

Geboren wurde sie im September 1964 in Stuttgart. In Böblingen besuchte Sigi Gall das Max-Planck-Gymnasium und brachte mit ihrer komischen Begabung ihre Mutter in Verlegenheit: „Zuhause habe ich immer meine Lehrer nachgeahmt. Meine Mutter bekam schon Angst davor, die Elternabende zu besuchen. Sie hatte die Lehrer als Karikaturen kennengelernt und durfte nicht lachen, wenn sie den Originalen begegnete. Das fand sie sehr anstrengend.“

Auf die Frage, ob Comedy oder Gesang ihr mehr am Herzen liegen würden, weiß Sigi Gall keine Antwort. „Beides“, sagt sie, „ist für mich unfassbar wichtig. Die allererste Show, die ich je gespielt habe, hatte Comedy und Musik. Auf diese Weise arbeite ich immer. Ich mache Musik und versuche dabei, lustig zu sein. Ich habe immer einfach ganz naiv begonnen und etwas gemacht.“

Den Gesang musste sich Sigi Gall nach der schweren Zeit wieder erarbeiten. Sie war von Anfang an entschlossen, auf die Bühne zurückzukehren. Singen beansprucht die Bauchmuskulatur. Diese Muskeln musste Sigi Gall nach ihren Operationen erst allmählich wieder aufbauen. Früh schon verschaffte sie sich Bewegung, begann wieder zu joggen, nahm Kontakt auf zu ihrer Yoga-Lehrerin. Der Zuspruch einer Heilpraktikerin half ihr, auch in den schweren Zeiten, die nach den Operationen kommen sollten.

Sie plant bereits ein Mitsingkonzert – die „Starke Stunde“, die sie mit Cherry Gehring entwickelt hat. Es soll am 19. Februar 2025 im Theaterhaus stattfinden. Im März möchte sie mit Backblech und ihrem „Heimspiel“ auf der Bühne stehen – erst in Osterfeld bei Pforzheim, im Mai dann im Theaterhaus.

Kampf gegen den Krebs - die schwere Chemozeit

Von Februar bis Juli 2024 war Sigi Galls „Chemozeit“. Sie denkt nicht gerne an sie zurück. Ihr fielen die Haare aus, auch die Augenbrauen, die Nasenhaare. „Mir wurde das kleinste Teil meines Körpers bewusst – und weshalb es das gibt“, erzählt sie. „Ich habe nicht mehr geträumt. Es war ein seltsames Gefühl. Das ganze Leben war grau, und vor jeder Chemo hatte ich noch größere Angst. Aber ich dachte: Da musst du einfach durch.“

Die Tumormarker in ihrem Blut haben sich zurückgebildet. Über einen Port-Katheder wird Sigi Gall noch einige Monate Infusionen erhalten. Ihre Kräfte kehren allmählich wieder und immer öfter setzt sie sich ans Klavier, um an Songs zu arbeiten. Die Krankheit wurde für sie zur Erfahrung, hat sie verändert. „Dass mein Leben endlich ist, das habe ich jetzt wirklich kapiert“, sagt sie. „Ich möchte meine Zeit nicht mehr mit Oberflächlichkeiten vergeuden. Ich habe verstanden, dass man nicht über die eigene Kraft gehen darf, nur um höflich zu sein.“

Viel mehr noch hat der Krebs Sigi Gall etwas anderes gelehrt: „Ich wusste nicht, wie sehr ich geliebt werde“, sagt sie. „Ich fand Blumen und Zucchini vor meiner Tür und Zettel von Menschen, die mir Gutes wünschten. Menschen haben angerufen und bei mir vorbeigeschaut. Eine Frau, die ich nur vom Spazierengehen kannte, besuchte mich und brachte mir einen Riesenblumenstrauß. Sie sagte: ,Es tut mir leid, dass ich hier so herein stürze. Ich möchte Ihnen sagen, Sie müssen wieder gesund werden.“

Weitere Themen