Sahra Wagenknecht Die Frau fürs Große und Ganze kennt keine Selbstkritik
Sahra Wagenknecht kämpft gegen den Abwärtstrend. Sie will mit der Macht der Worte ein zweites Wunder für ihr Bündnis bewirken.
Sahra Wagenknecht kämpft gegen den Abwärtstrend. Sie will mit der Macht der Worte ein zweites Wunder für ihr Bündnis bewirken.
Nein, so war das nicht geplant. Es sollte doch so eine Art Selbstläufer werden, ein perpetuum mobile, eine Bewegung, die sich selbst trägt und beschwingt und beschleunigt. Und die frühen Stufen dieser sich selbst befeuernden politischen Rakete zündeten doch einwandfrei. Aus dem Stand gewann das Bündnis Sahra Wagenknecht bei den Europawahlen im Frühjahr 2024 respektable 6,2 Prozent.
Die Landtagswahlen im Osten brachten im Herbst nicht nur durchweg zweistellige Ergebnisse, sondern in Thüringen und Brandenburg auch Regierungsbeteiligungen. Das sollte den Schwung geben, der die neue Partei schließlich bis in den Bundestag trägt.
Aber nun stottert der Motor. Die Meinungsumfragen sehen das Bündnis an der Lebenslinie von 5 Prozent. Es gibt innerparteiliche Kritik an der Art, wie Wagenknecht die Partei führt. Und ihr organisatorischer Zustand ist nicht gerade robust. Das BSW hat erst 1100 Mitglieder. Das ist gewollt. Das neue Projekt will nicht von Glückrittern und Desperados überrollt werden. Aber mit dieser Rumpftruppe kann man kaum Wahlkampf machen. Es müssen Plakate geklebt und Stände besetzt werden.
Natürlich steht und fällt die Partei mit ihrer Zentralfigur. Sahra Wagenknecht hat Hoffnungen geweckt, aber inzwischen auch Enttäuschungen erzeugt. Und Fragen werden laut – auch danach, wie viel Widerspruch sie zulässt. Die Art, wie Wagenknecht versucht hat, Katja Wolf in Thüringen bei den Koalitionsgesprächen zu gängeln, hat Irritationen erzeugt, der stockende Parteiaufbau Zweifel an ihrer Organisationskraft geweckt. Dieser Punkt birgt Zündstoff. In Hamburg gibt es inzwischen zwei konkurrierende Landesverbände, was dazu führen kann, dass womöglich keine BSW-Liste zur Bundestagswahl in Hamburg zugelassen wird. Das ist genau das triste Klein-Klein, das Wagenknecht vermeiden wollte.
Wagenknecht versteht sich als Frau für das Große und Ganze. Das Problem: Auf der großen Bühne der Politik konzentriert sich nun alles auf die großen Namen. Merz, Habeck, Scholz. Das BSW wird auf Bundesebene als Gestaltungsfaktor nicht gebraucht – und schreckt mit seiner rigiden Haltung zum Ukraine-Konflikt alle Parteien ab, die auch nur in die Nähe der Regierungsbeteiligung kommen. Andererseits zeigt der Flirt Wagenknechts mit potenziellen AfD-Wählern, denen sie „eine seriöse Adresse“ geben will, nicht den geringsten Erfolg.
Das also sind die Vorbedingungen, als Sahra Wagenknecht an diesem Sonntag die Bühne des Bundesparteitags in Bonn betritt. Sie muss ein zweites Wunder wirken, die Partei neu mit der Hoffnung beseelen. Wagenknecht will die Mitglieder mit Zuversicht impfen. BSE wirkt doch. Das ist eine ihre Botschaften. „Dass Scholz keine Taurus-Raketen in die Ukraine liefert, hat doch auch mit uns zu tun“, sagt sie. Der Saal hört das gern. Selbstkritik? Ein unbekanntes Wort. Ja, der jungen Partei wehe gerade der Wind ins Gesicht. Wagenknecht nennt das eine „öffentliche Lügenkampagne“. Man werde als „undemokratische Kaderpartei“ beschimpft. Dann dreht sie den Spieß rhetorisch um: „Euer Hass spornt uns an“, ruft sie den Kritikern zu. Selbstbewusst soll die Partei auftreten, nicht auf Umfragen starren. „Wir haben noch keine Stammwählerschaft, wir müssen um jede Stimme kämpfen.“ Und das mit den bekannten Positionen: billiges Gas aus Russland, Ende der Sanktionspolitik gegen Russland und China, massive Kritik an der EU, Forderungen nach guten Löhnen und ordentliche Renten und viel Polemik gegen die angebliche Morallosigkeit der Eliten und die „kriegsbesoffenen Grünen“. Applaus, Applaus, Applaus.
Alles normal also, die Partei auf Kurs. Und den bestimmt nur Eine. Der Parteitag war am Sonntag damit sehr einverstanden.