Saisonauftakt bei der Bachakademie Spannung im Saal

Hans-Christoph Rademann fordert Wagemut von allen. Foto: Holger Schneider

Cantorey-Orchester und Chor sind unter dem Dirigenten Hans-Christoph Rademann zusammengewachsen. Zur Saison-Eröffnung der Stuttgarter Bachakademie kontrastieren zwei Trauermusiken ganz vortrefflich: die eine von Bach, die andere von Zelenka – Askese trifft Üppigkeit.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Rein äußerlich gerät das Chalumeau schnell unter Blockflötenverdacht, doch das Instrument kann sich allemal mit einer Klarinette messen: nicht vom Umfang her, wohl aber, was die Weichheit des Klangs anbetrifft. „Unangenehm und wild“ wird der Ton allenfalls, wenn ein „gewöhnlicher Musiker“ sich ans Werk macht, wie schon Diderot in seiner „Encyclopédie“ befand. Der Österreicher Ernst Schlader aber, unter anderem Professor an der Trossinger Hochschule, ist in Habitus und Phrasierung das Gegenteil, nämlich außergewöhnlich. Als ihm von der Saalregie beim Schlussapplaus des ersten Abonnementskonzerts der Stuttgarter Bachakademie in der Liederhalle zur Anerkennung für so diskrete wie herrliche Soli und Begleitfiguren auch noch eine Blume zuteil wurde, zog das sehr angetane Publikum den ohnehin großen Beifall noch einmal an.

 

„Bach & und Zelenka“, Untertitel: „Zwei Trauermusiken für ein Fürstenpaar“ – das nennt die Bipolarität der Dramaturgie von Henning Bey und dem Akademieleiter Hans-Christoph Rademann beim Namen. Gegeben werden Werke, die kontrastreicher nicht sein könnten: Einerseits Johann Sebastians Bachs Trauerode „Lass, Fürstin, las noch einen Strahl“, BWV 198, die bei der Trauerfeier im Oktober 1727 in Leipzig anlässlich des Todes der sächsischen Kurfürstin und polnischen Königin Christiane Eberhardine gespielt wird, andererseits Jan Dismas Zelenkas böhmisch-katholisch geprägtes Requiem in D-Dur, ZWV 46, für den – zum Schrecken seiner Frau – zuvor katholisch gewordenen August den Starken, heimgegangen 1733.

Buchstäblich näher gerückt

Die Bachakademie sucht zunehmend nach solcher Art von rhetorischer Spannung in den Konzerten – und sie tut gut daran. Zudem verlässt sie bekanntermaßen das übliche Terrain und gastiert an diesem Donnerstag in den Wagenhallen („Wachet auf, ruft uns die Stimme“) sowie später in St. Eberhard und im Kunstmuseum. Aber selbst in der vertrauten Umgebung der fast ausverkauften Liederhalle ist zu spüren, dass der ästhetische Umbruch von Cantorey und Orchester Früchte trägt: Hans-Christoph Rademann dirigiert eine Art von Erntedank-Abend, an dem nahezu alles sich rundet.

Das Orchester um die famose Konzertmeisterin Nadja Zwiener pflegt eine sehr offene Balance mit dem Chor, der Cellist Joseph Crouch verkörpert weitaus mehr als nur das metrische Gewissen der Gemeinschaft – und überhaupt scheinen sich alle buchstäblich nähergerückt. Solche Art von Vertrautheit, noch nicht in Routine umgeschlagen, befördert wiederum den von Rademann geforderten Wagemut: So scharf er Bachs Ecken und Kanten formulieren lässt in dessen asketisch wirkender Destillation von Trauer, so hingegeben lässt er den Harmonienreichtum Zelenkas fließen. Zelenkas Musik, dessen Wiederentdeckung die Welt vor allem dem Schweizer Oboisten und Komponisten Heinz Holliger zu verdanken hat, kompensiert die Bachsche Formübererfüllung mit wohldosiertem Gefühl. Vokal passgenau die Solisten im Quartett, Ensemblekultur vom Feinsten und ein Saisonauftakt nach Maß.

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