„Ökozid“ am Stuttgarter Schauspielhaus Das Jüngste Klima-Gericht

Szene aus „Ökozid“ am Schauspiel Stuttgart Foto: Julian Baumann

Das Stuttgarter Schauspielhaus bestreitet den Saisonauftakt mit Fakten, Fakten, Fakten zum brennendsten Thema der Gegenwart: „Ökozid“ in der Uraufführungs-Regie von Burkhard Kosminski.

Stuttgart - Yvonne Aki-Sawyerr steht in einem eleganten, farbenprächtigen Gewand hinterm Rednerpult. Die Bürgermeisterin von Freetown, Hauptstadt von Sierra Leone, Westafrika, hat einen Auftrag: den Kampf gegen den Klimawandel.

 

Überschwemmungen und Erdrutsche hätten in der Millionenmetropole mehr als tausend Tote gefordert und Tausenden von Menschen das Obdach geraubt. Dazu Dürre, Ernteausfälle, Binnenwanderungen, unter deren Last ihre Stadt zu zerbrechen drohe. „Der Klimawandel hinterlässt Schäden auf der ganzen Welt, aber am stärksten in Städten und Ländern des Südens, obwohl für 70 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes neun Nationen verantwortlich sind“, ruft die Gastrednerin ins Publikum und legt unter starkem Beifall das Fundament für die folgende Uraufführung: „Ökozid“ von Andres Veiel und Jutta Doberstein.

Koalition klagte gegen Deutschland

„Ökozid“ spielt in der Zukunft, im Jahr 2034, was aber da vorm Internationalen Gerichtshof verhandelt wird, hat mit unserer Gegenwart zu tun. Mit dem Luxus des Nordens auf Kosten des Südens, mit Klimakillern, die das Leben der Menschen in unterentwickelten Ländern heute schon überproportional bedrohen und morgen noch viel mehr. 2034 also: eine Koalition aus 31 Staaten klagt gegen Deutschland, das unter der Regierungszeit von Schröder und Merkel versagt habe.

Die Richterin Hannah Klein (Anke Schubert) formuliert es in aller juristischen Nüchternheit: „Durch Blockade europäischer Klimaschutzmaßnahmen hat die Bundesrepublik ihre völkerrechtliche Pflicht verletzt, einer Erhöhung der weltweiten CO2-Konzentration entgegenzuwirken. Die Kläger fordern einen Schadensersatz von jährlich 60 Milliarden Euro“ – und los geht das Gerichtsdrama, das es im Schauspielhaus mit dem Klima und dem Publikum mehr als ernst meint.

Akribischen Recherche

Wie in ihrem vor einem Jahr im Ersten ausgestrahlten Fernsehfilm, auf dessen Drehbuch das Stück beruht, sind es Fakten, Fakten Fakten, die Veiel & Doberstein in „Ökozid“ auftischen. Nicht alle, aber viele Figuren treten mit erfundenen Namen auf, aber alles, was sie in Rede und Gegenrede zur Sprache bringen, fußt auf jener akribischen Recherche, für die namentlich der in Stuttgart geborene, in Berlin lebende Dokumentarfilmer Andres Veiel berühmt ist. Im Jüngsten Gericht des Klimadramas blickt er jetzt hinter die Kulissen des Polit- und Lobbybetriebs, ruft Akteure aus Konzernen und Kommissionen auf und beleuchtet ihre Komplizenschaft bei der Sabotage eines wirksamen Klimaschutzes. Alles wahr und skandalös, was der Verteidiger der Bundesregierung, verkörpert von Sven Prietz, mit smartem Eifer zu widerlegen versucht. Er steht auf verlorenem Posten.

Dass „Ökozid“ keinen Zweifel an den Schuldigen der Katastrophe lässt, ist nicht das Problem. Die Beweislage ist zu erdrückend, der Handlungsbedarf zu dringend. Das Problem ist ein formales, das jedes Gerichtsdrama hat. Es spielt nicht mit Handlungen, sondern mit Worten. Im vorliegenden Fall müssen nun derart schnell derart viele Worte gewechselt werden, rund um den ausgehebelten Emissionshandel, rund um die hintertriebene Bändigung der Autoindustrie, dass sich das Spiel auf einem schmalen Grat bewegt. Es fordert die Zuschauer heraus. Womöglich überfordert es sie auch, weshalb Burkhard Kosminski mit seiner Regie die Dialoge sporadisch aufbricht und Leben in die Gerichtsbude bringt.

Wutrede wie Greta Thunberg

Seine Methode: mit Kontrapunkten voller Entertainment die Volkshochschule im Theater unterlaufen. Wenn eine NGO die Machenschaften von Daimler aufdeckt, begleitet das Ensemble die Enthüllung mit einer Gospelversion des Janis-Joplin-Klassikers „Mercedes Benz“. Wenn – wir bleiben bei Daimler – eine andere NGO die Tricks beim Greenwashing der SUVs bloßlegt, performt Boris Burgstaller eine mit Szenenapplaus belohnte kabarettistische Attacke. Wenn die Anklage ihre Argumente vertieft, setzt Josephine Köhler zu einer Wutrede wie Greta Thunberg an. Und wenn sich gegen Verfahrensende eine Mauschelei andeutet, führen sich die Beteiligten wie schlaffe, willenlose Handpuppen auf. Nur Angela Merkel bleibt bei sich: Nicole Heesters imitiert und parodiert die Kanzlerin nicht, sondern verleiht ihr eine souveräne Würde. Statt eines faulen Vergleichs fordert sie, bekehrt vom Prozessverlauf, ein klares Urteil.

Das Stuttgarter Schauspiel ist es schon längst, bekehrt, so grün leuchtend wie der Appell von Aki-Sawyerr und die Farbe aller seiner Publikationen sowieso. „Ökozid“ zum Spielzeitauftakt: Unmittelbar vor einer Richtungswahl ist das ein eindeutiges Bekenntnis.

Aufführungen mit wechselnden Gastrednern am 30. September, am 1., 2. und 18. Oktober sowie am 1. und 21. November

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