Saisonbilanz der Stuttgarter Oper Die Oper lebt!

Ein echter Coup: die Uraufführung von Bernhard Langs und Frank Witzels „Dora“ mit Josefin Feiler in der Titelrolle und Marcel Beekman als Teufel. Foto: Staatstheater/Martin / Sigmund

Die vergangene Spielzeit im Stuttgarter Opernhaus hatte zwei Höhepunkte: die Uraufführung von „Dora“ und die Neuinszenierung von Verdis „Trovatore“. Die musikalische Seite konnte auch bei flacheren Regiekunststücken meist bestehen.

An der Stuttgarter Oper probiert man gern etwas aus. Rege kuschelt man mit Pop und Rap – damit neue und naturgemäß jüngere Zielgruppen warm werden mit dem prunkenden Haus und möglichst auch mit dem, was darin sonst noch gespielt wird. Eine Schnüffelparty für beide Seiten, Stamm- und Stampfpublikum, Kulturcracks und coole Follower, Eltern und Kinder; und ein bisschen Verkaufe à la Kaffeefahrt. Muss wohl sein. Darf man nicht meckern.

 

Sängerinnen- und Orchesterfest

Auch mit der Auftaktpremiere der vergangenen Spielzeit hat die Opern etwas ausprobiert, allerdings in umgekehrter Richtung: einen Oldie, „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss und seinem Texter Hugo von Hofmannsthal, seit hundert Jahren auf der Songlist, aber nie ganz oben in den Charts. Was einen nicht wirklich wundert: die Story vollgestopft mit reaktionärer Geschlechterrollen- und Patriarchatssymbolik, die Musik aufgepumpt mit Über-Wagner an der Schwelle zu einer schon damals modernden Modernität. Heute ein idealer Soundtrack für böses Genderbashing? Oder rotzige Ironisierung? Regisseur David Hermann riskierte weder die eine noch die andere Probe aufs Exempel, er beließ es bei postapokalyptischem Ungefähr und kleinem Genderspäßchen mit schwangeren Männern. Dirigent Cornelius Meister inszenierte indes ein Sängerinnen- und Orchesterfest von leuchtenden Gnaden mit der überragenden Simone Schneider als Kaiserin.

Ging die Rekreation der Stück-Leiche szenisch in die Binsen, geriet die Kreation der „Dora“-Novität umso lebendiger. Frank Witzels Libretto zeichnet eine bis zum Stumpfsinn gegenwärtige Titelfigur, Bernhard Langs Musik lässt ihr „Elektra“- und andere Resonanzen einer mythisch-musikgeschichtlichen Vorzeit hinterherschallen, von der die radikale Zeitgenossin nichts ahnt. Doch Dora ist auch Rebellin, sie will raus aus dem endlosen Hier und Heute. Deshalb beschwört sie den vorzeitigsten aller Gesellen, den Teufel – der sich als alter Langweiler entpuppt.

Elisabeth Stöpplers sensationell kluge Inszenierung macht aus Existenzverdruss und Satire gewitztes Jetztzeit-Welttheater, gewetzt von Elena Schwarz’ schärfendem Dirigat der Lang’schen Repetitionsloops. Ein echter Coup, diese Uraufführung.

Dann Kurt Weills und Bertolt Brechts „Mahagonny“. Abermals Welttheater, nun mit großem Traditionsbesteck: Michelangelos Jüngstem Gericht auf dem Bühnenboden, dazu ironisch herbeizitierte Brecht-Orthodoxie, vom Steg ins Publikum bis zur berühmten Gardine (statt Vorhang). Regisseurin Ulrike Schwab geizt nicht mit Theateropulenz, aber was als menschheitsdramatische XXL-Revue auftrumpft, gerät zum Missverständnis. Der wahren Zumutung – der Verfremdung – stellt sich Schwab nicht. Sie eignet sich nur die Staffage des Stücks an. Dazu passend macht Cornelius Meister als Music-Hall-Kapellmeister auf Stimmung: zu flach für Weills geniale Musik.

Mit Verdis „Trovatore“ hat es dann geklappt: ein alter Schmarrn, der in Paul-Georg Dittrichs Neuinszenierung ungeahnte Qualitäten entwickelt. Statt die wirre Gräuelstory einem Plausibilitätscheck zu unterziehen, setzt er assoziativ noch einen drauf – bis zum Lebend-Puppenspiel mit Barbie und Ken. Antonello Manacorda dirigiert mit Drive durch die Traumata von Dittrichs Horrortrip aus Beklemmung und Groteske.

Was gab’s noch? „Hotel Savoy“ als verkorkste Koproduktion mit dem Schauspiel, denn Joseph Roths Roman erwies sich als das ungeeignetste Trägermedium für eine Operettenrevue. Dann: aus Berlin übernommen eine hübsch anzuschauende, aber mangels Dialogen seltsam entbeinte „Zauberflöte“ im Laterna-magica- und Animationsfilm-Look (Regie: Barrie Kosky und die Künstlergruppe 1927). Und vor allem: den Hit der Saison (99,7 Prozent Auslastung, übrige Neuproduktionen: 90 Prozent), Eric Gauthiers „La Fest“. Dem Tanzmeister gelingt das Kunststück, sperrige Da-Capo-Barockarien in mundgerechten Häppchen zu servieren, garniert mit Break- und anderem -dance, gefügt zu lockerem Plot zwischen „Dinner for one“ und Ettore Scolas Geschichtstanzfilm „Le Bal“. Im ersten Teil gibt Gauthier den Conférencier mit Charme und Witzchen eines beliebten TV-Moderators. Der Wiedererkennungswert zahlt aufs Erfolgskonto ein. Aber dabei bleibt es bei Intendant Viktor Schoner und seinem Team denn doch nicht. Beim Saisonmix kriegt immer auch die Neugier etwas aufs Auge und Ohr. Die Oper lebt!

Saisonbilanz Staatstheater Unsere Bilanz des Stuttgarter Balletts erschien in der Ausgabe am 3. August; die zum Schauspiel am 6. August. Die Reihe ist damit abgeschlossen.

Drei Sängerinnen und ein Schwabenstreich

Auch in der vergangenen Spielzeit wurde an der Oper oftmals fantastisch gut gesungen, besonders herausragend von drei Sängerinnen.

Kristina Stanek
 Die Rolle der Azucena ist in Verdis „Trovatore“ nicht nur die psychologisch komplexeste, sondern die sängerisch schwierigste. Als Mezzo- oder eher Alt-Partie fordert sie sonore, markige Tiefe, stößt aber auch hinauf in dramatische Höhen. Kristina Stanek singt die Herausforderung mit unerschütterlicher Stimme und packender Expressivität. Sensationell!

Simone Schneider
 Die Titelrolle der „Frau ohne Schatten“ ist ebenfalls eine extreme Zumutung, aber niemals darf sie so klingen. Tut sie bei Simone Schneider auch nicht, sondern glänzt und leuchtet in höhensicherem Melos – mit phänomenaler Ausdauer.

Josefin Feiler
 Die Dora in der gleichnamigen Uraufführung fordert ihrer Interpretin ganz besondere Kunststücke ab. Nicht – oder nicht nur – das Rachengold holder Kantilenen, sondern einen rasanten Sprechgesang, durchsetzt mit Sopranspitzen und dem Pathos und Melos der diversen Tonzitate. Josefin Feiler berührt mit der Berührung dieser Extreme, die sie bruchlos und nuanciert verbindet.

Brezelklemmer
 Schwaben streichen gern Brezeln. Die Butterbrezel ist die schwäbische Spezialität unter den Snacks. An der Oper wird ein doppelter Schwabenstreich draus: Freut man sich in der Pause auf seine Brezel, ist sie fast immer schon ausverkauft. Die eine wird von der anderen schwäbischen Spezialität sabotiert: dem Geiz. Keine Entaklemmer, ein Brezelklemmer muss da am Werk sein.  

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