Nach der Saison ist vor der Saison: Kaum hat der Stuttgarter Bundesligist den Klassenverbleib geschafft, stellt er sein Zukunftskonzept vor. Der neue Trainer Alexander Zorniger ist nicht die einzige personelle Veränderung.

Alles soll besser werden beim VfB Stuttgart. Das ist die Kernbotschaft des Vorstands mit Bernd Wahler, Robin Dutt, Jochen Röttgermann und Stefan Heim. Sie sprechen an diesem Pfingstmontag im Presseraum des Stadions über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dabei sind die Baustellen offensichtlich.

Robin Dutt wirkt entschlossen, als er über seine wichtigste Erkenntnis spricht. Damit der Abstiegskampf nicht endgültig zu einem Dauerzustand auf dem Wasen wird, ist in den Augen des Managers ein Umbruch im Kader unerlässlich. Das Problem ist nur, dass außer bei Oriol Romeu, Moritz Leitner und Karim Haggui kein Vertrag endet. Deshalb müssten überzählige Spieler wie Vedad Ibisevic, ­Mohammed Abdellaoue, Konstantin Rausch oder Sercan Sararer weiterbeschäftigt werden, wenn sich keine Abnehmer finden, die ähnlich hohe Gehälter bieten wie der VfB. „Wir haben einige Profis, für die es keinen Markt gibt“, sagt Dutt, „da sind uns in gewisser Weise die Hände gebunden.“

Der VfB kann kaum Abfindungen zahlen

Weil der Manager jedoch auch weiß, dass ein Trainer kaum vernünftig arbeiten kann, wenn der Kader aufgebläht ist, würde es eine letzte Möglichkeit geben – nach dem Vorbild von Hoffenheim vor zwei Jahren könnte der Verein eine zweite Trainingsgruppe gründen, in der die ausgemusterten Spieler betreut werden. Dutt setzt aber darauf, dass es nicht so weit kommt und dass es andere Lösungen gibt.

Dabei kann der VfB die Sache kaum über Abfindungen regeln. Das Geld ist nicht vorhanden, obwohl sich der Sportetat auch in der nächsten Saison wieder bei 43 Millionen Euro einpendeln wird. Große Sprünge sind angesichts dessen nicht möglich – was sich auch anhand der ersten Neuverpflichtung zeigt. Vom Zweitligisten 1. FC Heidenheim kommt der Linksverteidiger Philip Heise (23), der in der abgelaufenen Runde 30-mal zum Zug gekommen ist. Zudem kehrt der ausgeliehene Kevin Stöger aus Kaiserslautern zurück. Gesucht wird noch mindestens ein weiterer Abwehrspieler und ein Torwart (der Freiburger Roman Bürki?) als Konkurrent für Sven Ulreich. Auf der anderen Seite ist Dutt jedoch klar, „dass wir auch Einnahmen generieren müssen“. Das heißt, dass Spieler verkauft werden, für die es im Gegensatz zu den Ausgemusterten einen Markt gibt. Antonio Rüdiger ist einer von ihnen (siehe Seite 25).

Wie will der Club moderne Strukturen schaffen?

Es hat Tradition, dass der Club mit der Schaffung moderner Strukturen spät dran ist. So war es bereits vor rund 50 Jahren bei der Einführung des Profifußballs. Danach hinkte der VfB bei der Installierung eines zeitgemäßen Managements hinterher – und das setzte sich fort, als es um den Umbau des Stadions in eine Fußballarena ging. Immer waren die meisten Konkurrenten schneller – auch jetzt bei der Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein. 13 Clubs aus der zu Ende gehenden Bundesligasaison haben diesen Schritt schon vollzogen – außer dem VfB nur Schalke, Freiburg, Paderborn und Mainz nicht.

Um sich sportlich wieder nach oben zu orientieren und die Mannschaft verstärken zu können, strebt nun auch der VfB nach frischen Geldquellen – die wohl über strategische Partnerschaften erschlossen werden könnten. Aber um eine mit solchen Sponsoren verbundene Ausgliederung zu beschließen, bedarf es laut Satzung auf der Mitgliederversammlung einer Mehrheit von 75 Prozent. Deshalb wurde das Vorhaben auch schon einmal zurückgestellt, nachdem es ursprünglich in diesem Frühjahr über die Bühne gehen sollte. „Wir haben das zu früh zum Thema gemacht, aber das heißt nicht, dass wir es jetzt nicht mehr umsetzen wollen“, sagt der Präsident Bernd Wahler. Der VfB will die Mitgliederversammlung im Oktober nutzen, um für das Projekt zu werben, das dann im Frühjahr 2016 zur Abstimmung gestellt werden soll. Als Rechtsform wird eine Aktiengesellschaft favorisiert. Nicht mehr als ein Viertel der Vereinsanteile soll abgegeben werden (wobei die Vermarktungsrechte nicht betroffen wären) – für etwa 80 Millionen Euro. Eine zentrale Rolle würde der Daimler-Konzern spielen, der nicht abgeneigt ist, beim VfB in größerem Stil einzusteigen.

Die Ausgliederung der Profis steht als nächstes an

Dabei wissen die Verantwortlichen im Clubhaus jedoch, dass der Gewinn der Meisterschaft 2007 auch aus finanzieller Sicht ein besserer Zeitpunkt für die Ausgliederung gewesen wäre. Damals hätte sich der Club besser verkaufen können. Aktuell sind nicht wenige Fans dagegen – wobei sich der Widerstand spalten könnte, wenn der VfB ein Konzept vorlegt. Solche Signale von der Basis gibt es. Zudem sind auf der Geschäftsstelle externe Vorschläge zur Gestaltung der Ausgliederung eingegangen. Nun warten viele Mitglieder darauf, dass der Club Ross und Reiter nennt.

Bernd Wahler erinnert sich gut, wie er vor fast zwei Jahren beim VfB zum Präsidenten gewählt wurde – wie die Mitglieder ihm zujubelten und auch die Fans mit ihm Hoffnungen verbanden. „Beim VfB herrscht eine Kultur des Wartens“, sagt Wahler jetzt, „das Warten auf den Heilsbringer.“ Doch nun soll es vorbei sein, mit der Bewegungsunfähigkeit beim Verein für Bewegungsspiele. Der Vorstand wurde neu aufgestellt, und nun soll weiteres Personal mit ausgesprochener Sportkompetenz im Management helfen, so dass der VfB vorwärtskommt. Entsprechend der neuen „klaren Strategie“ holt sich Robin Dutt in Joachim Cast im organisatorischen Bereich Unterstützung. Ab 1. Juni tritt der frühere Manager der Stuttgarter Kickers seinen Dienst in der Mercedesstraße an, zuletzt arbeitete der 47-jährige Ex-Profi (SSV Reutlingen, Kickers) für eine amerikanische Berateragentur.

Schäfer soll die Talente des VfB betreuen

Zudem erhält Günther Schäfer, der bisherige Leiter der VfB-Fußballschule, als Teammanager neue Aufgaben. Eine der wichtigsten: Schäfer soll die Talente des VfB betreuen, auch wenn sie an andere Vereine ausgeliehen sind. Und in Guido Buchwald erhält eine weitere VfB-Legende eine Funktion. Der Weltmeister verstärkt die Scoutingabteilung und soll aufgrund seiner Japan-Erfahrung vor allem den asiatischen Markt im Blick haben.