Stuttgart - Zugegeben, es ist ein höchst unwahrscheinliches Szenario. Und trotzdem hat es durchaus seinen Reiz, sich auszumalen, wie die vom Erfolg verwöhnten Verantwortlichen des FC Bayern München reagieren würden, wenn ihr Club seine Vormachtstellung innerhalb einer Saison verlieren würde. Wenn Titel plötzlich nicht mehr selbstverständlich wären. Wenn es einen Konkurrenten gäbe, der das eigene Team hinter sich lässt. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Unvorstellbar? Im Fußball schon. In der nordischen Kombination ist genau das passiert. Zum Leidwesen der deutschen Athleten.
Jahrelang haben sie (fast) alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Bei der WM 2017 in Lahti holte Johannes Rydzek alle vier Titel, im Wettbewerb von der Normalschanze belegten die Deutschen die ersten vier Plätze. Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang sicherten sich Rydzek, Frenzel und Co. alle drei Goldmedaillen, von der Großschanze feierten sie sogar einen Dreifachsieg. Und auch bei der WM 2019 in Seefeld gab es Gold für Eric Frenzel von der Großschanze und gemeinsam mit Fabian Rießle im Teamsprint, dazu Silber für die Staffel. Die Deutschen waren die nordischen Dominierer – und stürzten danach böse ab.
Heim-WM in Oberstdorf
Im vergangenen Winter flog Jarl Magnus Riiber an ihnen vorbei, der norwegische Superspringer siegte in 14 von 17 Einzelrennen. Die schwarz-rot-goldenen Favoriten handelten sich meist auf der Schanze einen derart großen Rückstand ein, dass sie in der Loipe chancenlos hinter Riiber herliefen. Das tat weh und wurde nur deshalb nicht zu einem chronischen Schmerz, weil kein Großereignis anstand. Das ist nun anders. Ende Februar beginnt die Heim-WM in Oberstdorf, 2022 stehen die Olympischen Spiele in Peking an. „Die Vormachtstellung der Norweger ist uns ein Dorn im Auge“, sagt Eric Frenzel vor dem Start in die Weltcup-Saison an diesem Freitag (11 Uhr) im finnischen Ruka, „sie ist zugleich aber auch Antrieb und Motivation. Wir wollen zurück auf den Thron.“ Und Hermann Weinbuch, seit 1996 der Bundestrainer, erklärt: „Es reizt uns sehr, wieder die Nummer eins der Welt zu werden.“ Einfach wird das allerdings nicht.
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Es wäre eine Überraschung, würde Riiber (23) plötzlich zur vorzeitigen Landung ansetzen. Neulich, bei der norwegischen Meisterschaft der Spezialspringer, kam er völlig unerwartet auf Rang fünf. Damit es ihn in den Kombinationsspringen nicht zu weit nach unten trägt, bleibt der Jury oft nichts anderes übrig, als den Anlauf zu verkürzen. Womit es für seine Konkurrenten noch schwieriger wird, auf annehmbare Weiten zu kommen. „Riiber ist ein überragendes Talent. Er hat die Kombination auf ein neues Niveau gehoben“, sagt Hermann Weinbuch, „und er hat es geschafft, dass Veränderungen stattfinden müssen, um ihn zu schlagen.“ Auch im deutschen Team.
Basisarbeit von Heinz Kuttin
Die ungewohnten Misserfolge im vergangenen Winter haben Hermann Weinbuch ins Grübeln gebracht. So sehr, dass er sogar seinen Rücktritt erwogen hat und sich fragte: „Bin ich noch die richtige Person, um die Jungs wieder nach vorne zu bringen?“ In den Gesprächen mit seinen Athleten hat er dann die „hundertprozentige Überzeugung“ gewonnen, dass es gemeinsam zu schaffen ist – und mit Hilfe von außen.
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Wer vor ein paar Jahren Geld darauf gesetzt hätte, dass es irgendwann mal einen österreichischen Trainer braucht, um den deutschen Kombinierern auf die Sprünge zu helfen, der wäre jetzt reich. Denn im Sommer kam Heinz Kuttin (49). Der Kärntner war selbst ein erfolgreicher Spezialspringer, von 2014 bis 2018 betreute er Österreichs Adler. Er ersetzt Ronny Ackermann, der lange als erster Anwärter auf die Nachfolge von Hermann Weinbuch galt und gemeinsam mit dem Bundestrainer daran gescheitert war, aus dem deutschen Team eine moderne Fluglinie zu machen. „Wir haben festgestellt, dass viele Basissachen nicht mehr up to date waren“, erklärt Heinz Kuttin, „und wenn du ein routinierter Sportler bist, wird es dann eben von Jahr zu Jahr schwieriger.“
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Das sind deutliche Worte – aber sie sind erlaubt. Weil alle mit dem Namen Kuttin die Hoffnung verbinden, an alte Erfolge anknüpfen zu können. „Er hat eine hohe Autorität und große Überzeugung“, sagt Weinbuch über den Sprungtrainer, „wir haben unser Krafttraining und unsere Sprungstruktur verändert, viel an der Dynamik beim Absprung gearbeitet. Das geht jetzt alles mehr in Richtung Spezialsprung.“ Mit dem Ziel, den Abstand auf Jarl Magnus Riiber zu verkürzen. Ob dies gelungen ist? Wird an diesem Wochenende in Ruka zu sehen sein. „Ich bin sicher, dass wir rangekommen sind“, meint der Bundestrainer, „nun zeigt sich, ob wir ihn schon schlagen können.“
Wenn nicht, bleiben noch drei Monate Zeit bis zur Heim-WM in Oberstdorf. Dort würden Niederlagen ganz besonders wehtun.