Saisonstart So viel Veränderung steckt in der Bundesliga

Julian Nagelsmann geht in seine erste Saison als Bayern-Trainer. Foto: imago/MIS/v

Die Rochaden auf der Trainerbank sind mit der Rückkehr der Zuschauer und dem Exodus der Traditionsvereine die dominierenden Themen vor der 59. Bundesliga-Saison.

Stuttgart - Borussia Mönchengladbach und Bayern München sind nicht nur 1965 gemeinsam in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen, sondern lieferten sich in den 1970er-Jahren ein fast episches Langzeitduell um die fußballerische Deutungshoheit. Damals freute sich die Liga noch über Meisterschaftskämpfe, die diesen Namen verdienten. Nur ein einziges Mal trafen die beiden Traditionsvereine am ersten Spieltag aufeinander: Am 28. Juli 2001 siegte die Fohlenelf dank eines Tores von Arie van Lent mit 1:0 – in der Saison danach wurde das offizielle Eröffnungsspiel durch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eingeführt, das nun zwei Jahrzehnte später eben diese beiden Vereine bestreiten. Die Vorzeichen stehen günstig, dass es dieses Mal nicht zu einer einseitigen Angelegenheit wie im Vorjahr kommt, als der Rekordmeister aus München mal eben locker den FC Schalke 04 mit 8:0 überrollte.

 

Vorfreude auf die Rückkehr der Fans

Zudem hat der amtierende Titelträger nicht mehr zwangsläufig Heimrecht, weshalb die 59. Bundesliga-Saison erstmals im Borussia-Park startet. Und endlich ist auch wieder Publikum erlaubt. „Wenn ich an die neue Saison denke“, sagt Herbert Hainer, der Präsident des FC Bayern, „freue ich mich am meisten auf die Fans.“ Ohne Zuschauer wird der Profifußball eines Wesenskerns beraubt. Trotz fragwürdiger Bilder speziell aus London und Budapest hat die Europameisterschaft gelehrt, dass der Resonanzboden von den Rängen unerlässlich bleibt, um die mit dem Volkssport verbundenen Emotionen zu erleben – auch für den Konsumenten am Fernseher oder den mobilen Endgeräten. Eines hat die Pandemie gelehrt: Der Stadionbesucher wird sich auf flexible Lösungen einstellen müssen. Gebraucht wird er aber nicht für die gute Stimmung. Die Einnahmeverluste durchs Ticketing und beim Sponsoring haben tiefe Furchen in die Bilanzen gezogen, die fetten Jahre sind vorbei. Vielerorts ist das Eigenkapital komplett aufgezehrt. Alles wieder ins wirtschaftliche Gleichgewicht zu bringen, gilt vielerorts als mindestens ebenso wichtig wie das Erreichen der sportlichen Ziele.

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Daher irritierte auch das Bäumchen-wechsel-dich!-Spielchen auf den Trainerbänken, wo die Fluktuation fast beängstigende Ausmaße annahm. Während der durch die Corona-Krise gelähmte Transfermarkt die steten Veränderungen der Spielerkader begrenzt, nehmen sich die Übungsleiter eine neue Freiheit heraus – und die Vereine zahlen plötzlich auch für die Coaches Ablösesummen. Nur der VfB Stuttgart (Pellegrino Matarazzo), SC Freiburg (Christian Streich), die TSG Hoffenheim (Sebastian Hoeneß) und Union Berlin (Urs Fischer) setzen noch auf denselben Chefcoach wie vor einem Jahr. Da wurden Ausstiegsklauseln gezogen (Marco Rose, Adi Hütter), Verträge gebrochen, um Bundestrainer zu werden (Hansi Flick), auf den Abschied gedrungen, um zum FC Bayern oder Eintracht Frankfurt zu wechseln (Julian Nagelsmann und Oliver Glasner). Alle Top-Sechs-Vereine haben einen neuen Coach unter Vertrag genommen. Der bekannteste deutsche Trainer-Berater, Marc Kosicke, sagt: „Die Trainer warten nicht mehr darauf, dass sie irgendwann rausgeworfen werden.“

Nur noch Projektarbeiter auf Zeit?

Eine Moraldebatte hält sogar Oliver Ruhnert, Manager von Union Berlin und Linken-Politiker, für bigott. Alle Arbeitsverhältnisse im Haifischbecken Bundesliga wären im Grunde nur Vereinbarungen auf Zeit. Wenn allerdings schon Führungskräfte auf die Identifikation mit dem Arbeitgeber pfeifen, ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen.

In Fredi Bobic drängte einer der erfolgreichsten Sportvorstände unvermittelt auf eine Luftveränderung und dient nun dem Hauptstadtklub Hertha BSC. Wieder als Projektarbeiter auf Zeit?

Auf dem Prüfstand steht die Beliebtheit der Bundesliga generell, weil ihr immer mehr Zugpferde verlustig gehen. Man hat sich vielleicht daran gewöhnt, dass Gründungsmitglieder wie der 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Braunschweig, 1. FC Saarbrücken, TSV 1860 München oder MSV Duisburg (früher Meidericher SV) nur noch drittklassig kicken. Doch hat der Sturz des SV Werder Bremen und FC Schalke 04 in die Zweitklassigkeit – in der auch der Hamburger SV das vierte Jahr in Folge gefangen ist – das Dilemma dramatisch verschärft. 31 deutsche Meisterschaften und zwölf Titel der einstigen DDR-Oberliga vereinen sich in der zweiten Liga. Mit Werder, Schalke und dem HSV spielen dort drei Clubs aus den Top Sieben der Ewigen Tabelle. Und weil auch langjährige Erstligisten wie Hannover 96, Fortuna Düsseldorf und der 1. FC Nürnberg sich zu Zweitligisten verzwergt haben, könnte ein zähes Ringen um die Gunst der Fußballinteressierten einsetzen.

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Deutschland hat mit dem Festhalten an der 50+1-Regel den Einfluss externer Geldgeber begrenzen wollen, um seine historischen Fußball-Marken zu schützen. Doch genützt hat das wenig. Den Konzernklubs VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen wurde ohnehin ein Sonderrecht eingeräumt, dann konnte auch die von Mäzen Dietmar Hopp aufgepäppelte TSG Hoffenheim und das erst 2009 von Red Bull erschaffene Gebilde RB Leipzig diese Regel unterlaufen. Weil dann noch der FC Augsburg, FSV Mainz 05 oder der SC Freiburg bei Transfers und Talentförderung vieles richtig gut machen, erwischt es zwangsläufig die Arrivierten wie Werder und Schalke, die – genau wie der HSV – die Zeche langjähriger Misswirtschaft zahlen. Im VfL Bochum und in der SpVgg Greuther Fürth nehmen zwei Aufsteiger deren Plätze ein, die nicht annähernd so viel Strahlkraft besitzen. Axel Hellmann, Vorstandssprecher bei Eintracht Frankfurt, sorgt sich um die Attraktivität. „Wir müssen wachsam sein, dass die Bundesliga ein absolutes Premiumprodukt bleibt. Dass die Bundesliga die breite Masse der Fans in Deutschland erreicht, dafür stehen die großen, reichweitenstarken Traditionsvereine.“ Zwei davon machen immerhin jetzt wieder den Anfang.

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