In Algier ist die drittgrößte Moschee der Welt entstanden – nach den Plänen von deutschen Architekten und Ingenieuren. Das Großprojekt hat jede Menge Superlative zu bieten. Als Vorbild für den gigantischen Gebetssaal diente die weltberühmte Moschee-Kathedrale von Córdoba mit ihrem Säulenwald.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Frankfurt/Algier - Djamaa el Djazair ist arabisch und bedeutet „Moschee für Algerien“. Diesen Namen trägt nicht irgendein islamischer Sakralbau in dem nordafrikanischen Land, sondern die nach Mekka und Medina drittgrößte Moschee der Welt in Algier. Errichtet haben den Bau der Superlative Architekten und Ingenieure aus Deutschland.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige algerische Präsident Abd al-Aziz Bouteflika waren im Juli 2008 bei der Vertragsunterzeichnung dabei. Jetzt reicht das mit 265 Metern höchste Minarett der Welt in den Himmel über der algerischen Hauptstadt. Der Gebetssaal, der jetzt eröffnet wurde, fasst an religiösen Feiertagen bis zu 36 000 Gläubige, und der Gesamtkomplex mit Museum, Geschäften, Cinemathek, Konferenzzentrum, Bibliothek, theologischer Hochschule und Wohnungen kann 120 000 Besucher fassen. Die Große Moschee ist das neue religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum der Stadt.

Chinas größtes Bauunternehmen

Vor zwölf Jahren hatten das Architekturbüro KSP Jürgen Engel aus Frankfurt, die Tragwerksplaner Krebs und Kiefer aus Darmstadt den Wettbewerb gewonnen, vier Jahre später begann der Bau. Das größte Bauunternehmen Chinas wurde mit der Bauausführung beauftragt, zum Teil waren bis zu 4000 Arbeiter im Einsatz.

Die Frankfurter Architekten wollen mit ihrem Entwurf maghrebinische Architekturtraditionen mit der europäischen Moderne vereinen. Das mit einer Bruttogrundfläche von 400 000 Quadratmetern monumentale Gebäudeensemble ist klar strukturiert: Im Grundriss reihen sich vier quadratische Großeinheiten, 150 mal 150 Meter, linear in Richtung Mekka aneinander und öffnen sich in unterschiedlichem Maß der Umgebung. Auf einen offenen Platz mit Eingangsarkaden und Wasserbassin folgt eine Esplanade. Diese leitet zu den sakralen Nutzungen über: dem Hof für rituelle Waschungen und schließlich dem Gebetssaal.

Größer als der Petersdom

KSP Jürgen Engel Architekten verstehen ihren Entwurf als Neu-Interpretation der im Maghreb verbreiteten Pfeilerhallen-Moschee. Dabei setzen sie in 618-facher Ausführung eine schlanke Säule mit weit auskragendem, blütenkelchartigem Kapitell als zentrales, alle Bereiche verknüpfendes Gestaltungsmotiv ein; inspiriert ist sie von der in Afrika heimischen Calla-Pflanze und der üppigen Vegetation des Landes. Die in Algerien dominierende Wüstenlandschaft greifen die Architekten hingegen in Farb- und Materialwahl auf, etwa mit sandfarbenem Travertin.

Die Ausmaße der Gebetshalle übertreffen den Petersdom in Rom – zwischen den Säulenreihen mit hier bis zu 45 Meter hohen achteckigen Schleuderbeton-Stützen, die in der Pfalz gefertigt wurden, schrumpft der Mensch zu Ameisengröße. Der Saal hat mit seinen Säulenreihen die Moschee-Kathedrale von Córdoba zum Vorbild, heißt es in einer Pressemitteilung der Architekten, und ist von einer Kuppel gekrönt.

Minarett mit Skylobby und Museum

Der schlanke Turm des Minaretts ist, entsprechend den Bautraditionen des Maghreb, asymmetrisch aus der Achse gerückt und das höchste Gebäude Afrikas. Gleichzeitig beinhaltet er weltliche Nutzungen als „modernes Hybridhochhaus“. So befinden sich unter der verglasten Turmspitze mit ihrer Aussichtsplattform ein Museum der islamischen Kultur, Büros und Skylobbys. Standsicherheit bei Erdbeben garantiert die 50 Meter tiefe Bodenverankerung. Der Gebetssaal wurde auf seismische Isolatoren aufgelagert, um von Erdstößen abgekoppelt zu sein.

Die Große Moschee von Algier, auf halbem Weg zwischen der Altstadt und dem Flughafen in der Bucht von Algier gelegen, soll in dieser urbanen Randzone als Katalysator die Stadtentwicklung voranbringen. Aus der mehrspurigen Schnellstraße, die den Komplex säumt, soll ein städtischer Boulevard werden, Bäume wurden dafür schon gepflanzt; eine Straßenbahnlinie ist geplant.

Eines von mehreren Großprojekten

Das Prestigeprojekt ist freilich, wie jedes Großvorhaben, heftig umstritten; Kritiker hätten die nicht genannten, aber vermutlich rekordbrechenden Bausummen lieber in Bereiche wie Bildung oder Gesundheit fließen lassen, auch die unglaublichen Dimensionen wurden vielfach moniert.

Doch wie schon der frühere französische Staatspräsident François Mitterrand seine „Grands Projets“, also die von ihm initiierten großen Bauprojekte wie die Louvre-Pyramide, die Nationalbibliothek oder die Opéra-Bastille in den 1980er Jahren, will auch die algerische Regierung die Mega-Moschee sowie weitere Großvorhaben als gebaute Symbole für Modernisierung und Erneuerung verstanden wissen. Djamaa el Djazair, das neue Wahrzeichen Algiers, ziert mittlerweile den algerischen Tausend-Dinar-Geldschein.