Salzburger Festspiele Nockerln und Spiele
Kristina Hammer ist die erste Deutsche, die als Präsidentin die Salzburger Festspiele mitleitet. Wie jongliert die gebürtige Karlsruherin diesen Jahrhundertjob? Eine Begegnung vor Ort
Kristina Hammer ist die erste Deutsche, die als Präsidentin die Salzburger Festspiele mitleitet. Wie jongliert die gebürtige Karlsruherin diesen Jahrhundertjob? Eine Begegnung vor Ort
Die Präsidentin kommt gerade vom Videodreh. Sie trägt ein leuchtend blaues Kleid, die blonden Haare offen, dezentes Make-up, Seidenhalstuch. „Wir mussten uns beeilen, denn heute am Samstag ist Markt, und da spielt im Sommer oft eine Blaskapelle“, erzählt Kristina Hammer. Alles hat gut geklappt, das Reel für Instagram ist im Kasten. Mit der prachtvollen Kulisse der Salzburger Altstadt im Hintergrund und ohne störende „Humpta, Humpta, Tätärä“-Untermalung.
Social-Media-Beiträge, ob für externe Medien oder die eigenen Kanäle, gehören längst zum Alltag bei den Salzburger Festspielen. Einem Alltag, in dem Kristina Hammer – laut Selbstauskunft, ohne begleitende Instagram-Kamera – als „Außenministerin“ des Festivals wirkt. „Ich bin zuständig für Positionierung, die Gewinnung von Sponsoren und Mäzenen, für Freundeskreise, Marketing, PR, Vertrieb oder Kartenverkauf“, sagt sie. An der Festspiel-Spitze stehen neben ihr der Intendant Markus Hinterhäuser und der kaufmännische Direktor Lukas Crepaz, sie selbst begann ihre Amtszeit im Januar 2022 – und war direkt mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die Welt steckte noch in der Coronapandemie, später kamen Krieg, Wirtschafts- und Energiekrise dazu, außerdem die sich immer mehr zuspitzende Klimaproblematik.
In Salzburg kann es in den Sommermonaten sehr heiß werden, ein Problem für die Darsteller und das Publikum des „Jedermann“. Das Mysterienspiel bleibt das Herzstück der 1920 gegründeten Veranstaltung und wird traditionell unter freiem Himmel auf dem Domplatz gegeben. Außer wenn es regnet, dann weicht man ins Festspielhaus aus. „Wir wünschen uns schon lange eine mobile Überdachung des Domplatzes als Regen- und Sonnenschutz und sind dazu im Austausch mit den Behörden“, sagt Hammer. Ein anderes Projekt, das in diesem Kontext auf die steigenden Temperaturen reagiert, ist dagegen bereits umgesetzt: Bei den Festspielen gibt es dank des Hauptsponsors BWT kostenloses Wasser fürs Publikum, das man sich aus Spendern holen kann. Flaschen zum Nachfüllen bekommt man auch. Im Festspielsommer 2024 wurden so rund 424 000 Einwegbehälter aus Plastik eingespart. Es ist nur eine von diversen Nachhaltigkeitsideen, die man in Salzburg schon umsetzt.
Kristina Hammers Vorgängerin Helga Rabl-Stadler war 27 Jahre lang Präsidentin. „In dieser Position bin ich die insgesamt zweite Frau“, sagt Hammer, „die dritte Person, die nicht aus Salzburg stammt, und die erste Deutsche.“ Wer je Felix Mitterers Satire „Die Piefke-Saga“ gesehen hat, wird an der Stelle hellhörig. Gibt es sie denn immer noch, diese Rivalität zwischen den Österreichern und ihren Nachbarn? Kristina Hammer kann das nicht bestätigen. Sie gewann Sympathien, indem sie erst einmal zuhörte, sich alles genau ansah. „Viele unserer Mitarbeiter machen ihren Job seit 20 oder 30 Jahren. Sie kennen hier buchstäblich jede Schraube“, sagt die 56-Jährige. Das sei eine unschätzbare Expertise. „Jeder ist ein Rädchen im großen Ganzen“, sagt Hammer und erzählt vor einem Gänsehautmoment. Bei der Vorstellung der Sommermitarbeiter präsentierte Marcus Piso, Leiter der Abteilung Gebäude und Veranstaltungsmanagement, das Reinigungsteam. Und alle klatschten. Auch die, die sonst selbst den Applaus erhalten, weil sie im Rampenlicht der Bühne stehen.
Die Festspielpräsidentin wurde 1968 in Karlsruhe geboren, verbrachte ihre Kindheit in Ettlingen. Ging in Baden-Baden zur Schule, studierte Rechtswissenschaften in Mainz. Inzwischen ist sie so sehr in Österreich angekommen, dass sie „Jus“ statt „Jura“ sagt. Überhaupt verwendet sie gern Austro-Fachbegriffe, „Eierschwammerl“ oder „Marille“, jedoch ohne den Dialekt zu imitieren. „Ich habe auch in meinen 13 Jahren in der Schweiz nie Schwyzerdütsch gesprochen, verstehe es aber sehr gut“, sagt sie. In reinstem Hochdeutsch, ohne badische Färbung.
Nach der Promotion in Europäischem Wirtschaftsrecht in Wien blieb sie an der Donau hängen. Von 1995 bis 2000 arbeitete Hammer beim Gerngross-Konzern und unter anderem als Geschäftsführerin des Kaufhauses Steffl auf der Kärntner Straße. Dann holte sie der deutsche Manager Wolfgang Reitzle – „Bunte“-Lesern als Ehemann von Nina Ruge vertraut – zum Autobauer Ford nach London. Bei der Premier Automotive Group arbeitete Kristina Hammer für Aston Martin, Jaguar, Land Rover und Volvo. 2007 ging es dann zurück nach Deutschland, nach Stuttgart-Riedenberg, wo sie die weltweite Markenkommunikation bei Mercedes-Benz verantwortete. Drei Jahre später machte sie sich als Markenberaterin in Zürich selbstständig. 2021 wurde sie angesprochen, ob sie nicht in Salzburg an der Ausschreibung teilnehmen wolle. Sie wollte. Und setzte sich gegen mehr als 30 andere Bewerber durch.
Für die Aufgabe müsse man eine „gewisse Liebe zur Musik“ haben, sagt Kristina Hammer und erzählt von ihrer Großmutter mütterlicherseits. Die hatte nicht nur einen eifersüchtigen Dackel namens Strolchi, sie war vor allem eine große Verehrerin der Oper und reiste gern nach Bayreuth, München und Salzburg. Irgendwann durfte die kleine Enkelin mitkommen und sah die kindgerechten „Zauberflöte“-Vorstellungen des Salzburger Marionettentheaters. Vier Sommer lang. Dann fragte sie, ob es nicht noch was anderes gebe. Also ging die Oma mit ihr zu einer öffentlichen Probe mit dem großen Dirigenten Herbert von Karajan.
„Auch Anne-Sophie Mutter durfte ich erleben“, erzählt Kristina Hammer. Das Spiel der Jahrhundertgeigerin beeindruckte sie tief. Ihre erste richtige Opernvorstellung in Salzburg war „Carmen“ mit Agnes Baltsa in der Titelrolle und José Carreras als Don José. Es muss Mitte der Achtzigerjahre gewesen sein. „Da liefen mir die Tränen herunter.
Weil aber nicht jeder das Glück hat, einen solchen Mentor in der Verwandtschaft zu haben, riefen die Festspiele vor vier Jahren ein Patenschaftsprojekt ins Leben. Junge Leute und langjährige Festivalbesucher werden einander vermittelt, besuchen gemeinsam Vorstellungen. „Es ist bezaubernd zu sehen, wie gut das funktioniert“, sagt die Präsidentin. „Ich glaube, wir müssen uns keine Sorgen machen, dass das Opernpublikum ausstirbt. Wir verkaufen nicht nur Tickets, wir geben ein Versprechen.“
Um dieses Versprechen auch in Zukunft zu garantieren, steht ab 2026 eine umfassende Modernisierung der Bühnen- und Haustechnik an, die teilweise noch aus den Sechzigerjahren stammt. Hinter dem Festspielhaus und der Felsenreitschule wird zusätzlicher Raum geschaffen – indem man den Mönchsberg, in dem sich schon der Bühnenturm des Großen Festspielhauses und ein Parkhaus befinden, weiter aushöhlt. Die Logistik und der Lieferverkehr können dann durch einen neuen Tunnel von der Rückseite her abgewickelt werden. Lastwagen müssen nicht mehr durch die Unesco-geschützte Altstadt rumpeln. Außerdem entsteht seit Herbst vergangenen Jahres ein neues Besucherzentrum.
Das Mammutprojekt Festspielbezirk 2030 soll insgesamt 395 Millionen Euro kosten, finanziert vom Bund sowie von Land und Stadt Salzburg. „Zu den Herausforderungen der letzten Jahre gehören wie überall gestiegene Kosten für Personal und Baumaterial“, sagt Kristina Hammer. „Daher mussten wir das Projekt auch redimensionieren, um im Kostenrahmen zu bleiben.“
Die Festspiele werden oft kritisiert, eine elitäre und teure Veranstaltung zu sein. Im Vergleich zu den Preisen, die man heute für sonstige Konzert- oder Fußballkarten bezahlt, sehen sie allerdings erstaunlich gut aus. „50 Prozent unserer Tickets kosten zwischen fünf und 115 Euro“, betont Hammer. Sie erzählt von einer erfolgreichen Klage gegen die Verkaufsplattform Viagogo. Horrende Preise beim Wiederverkauf werden so verhindert. Wer wider Erwarten doch nicht zur Vorstellung kann, gibt seine Karten auf Kommission auf der Festspiel-Website zum Weiterverkauf frei, ohne Preisaufschlag.
Dabei kommen rund 50 Prozent des Etats tatsächlich durch den Kartenverkauf in die Kasse. Sponsoring und Mäzene, den Verein der Freunde mitgerechnet, tragen 16,6 Prozent zum Gesamtbudget bei. Und neue Geldgeber zu gewinnen, das gehört auch zu Hammers Aufgaben. Kürzlich wurde die Würth-Gruppe aus Künzelsau als sechster Hauptsponsor des Festivals präsentiert. „Bei uns sind unter dem Jahr 250 Menschen beschäftigt. Während der Saison sind es sogar 4500 Leute, die müssen fair und anständig bezahlt werden“, so Hammer.
So gesehen sind die Festspiele ein mittelständisches Unternehmen – mit großer Wirkung. Denn die Besucher, die sie anlocken, gehen natürlich nicht nur ins Theater oder ins Konzert. Sie übernachten, essen Schnitzel und Salzburger Nockerln, kaufen Souvenirs wie Mozartkugeln. Rund 250 Millionen Euro beträgt die so gewonnene Wertschöpfung für Österreich, 95 Millionen Steuern werden jedes Jahr erwirtschaftet.
„Schick wie immer!“, ruft eine Passantin im Vorbeigehen. Niemand wundert sich, dass jemand im Etuikleid und auf High Heels durch den Grünmarkt spaziert, Turnschuhe und Jogginghose tragen in dieser Stadt nur die Touristen. „Die Salzburger haben ein hohes Verständnis für Qualität“, sagt Kristina Hammer und kauft beim Gemüsestand ihres Vertrauens noch rasch ein paar Tomaten. Ob sie selbst kocht? „Ja! Sogar sehr gern“, sagt sie und erzählt, dass sie kulinarisch vielseitig interessiert sei. Egal, ob italienisch, deutsch, österreichisch, asiatisch, sie probiert gern etwas aus. Ihre Spezialitäten? „Fisch in Salzkruste und Rehrücken mit Spätzle.“ Die Teigwaren werden im Hause Hammer selbst gemacht. Wer gebürtig aus Baden-Württemberg kommt, hat da gewisse Ansprüche.
Hammer sieht sich bei den Festspielen so viele Produktionen wie möglich an, und da gibt es viel zu tun. Im Sommer 2025 gab es 174 Veranstaltungen in 45 Tagen an 16 Spielstätten, dazu 57 Vorstellungen im Jugendprogramm. Eine Lieblingsproduktion hat sie nicht, aber natürlich ist der „Jedermann“ immer ein besonderer Fall. „Zu erleben, wie diese Magie vor der einmaligen Kulisse des Domplatzes entsteht, das ist einzigartig schön.“ Sie möchte eine „präsente Präsidentin“ sein, sagt sie.
Und viel Laufen, viel Stehen, alles in eleganten hohen Schuhen, das kann anstrengend sein. Zur Sicherheit steht in ihrem Büro daher immer ein zweites Paar Pumps bereit. Das alternative Schuhwerk ist eine Nummer größer und wird im Notfall eingewechselt. Ein angemessenes Outfit sei schließlich Ausdruck des Respekts vor den Künstlerinnen und Künstlern.
Zum Abschluss geht es noch ins berühmte Café „Bazar“, direkt an der Salzach. Auf einer Tafel stehen die Tagesempfehlungen. „Ah, Marillenknödel“, liest Hammer vor und seufzt. Sie hat eine Schwäche für österreichische Mehlspeisen, aber verkneift sich heute die Kalorien. Bestellt stattdessen einen Salat mit Hühnchen und erzählt von den Ausflügen, die sie am Wochenende macht, wenn die Zeit es erlaubt. Die Präsidentin fährt gern Fahrrad, radelt manchmal am Fluss entlang, so weit sie kommt. Oder geht ausgiebig spazieren. Zum Beispiel über den Mönchsberg, den Hausgipfel der Salzburger. Um den Kopf freizubekommen. Die Aussicht auf die Stadt ist von da oben grandios. Ganz Salzburg liegt ihr dann zu Füßen.