Es ist etwa ein Jahr her, da bekommt David eine E-Mail mit verschlüsseltem Inhalt. Er liegt mit seiner Freundin gerade zu Hause im Wintergarten seiner Stuttgarter Wohnung. Er öffnet die E-Mail, dort steht eine knappe, bürokratische Formulierung, die ihm klarmacht: Aus seiner Samenspende ist ein Kind entstanden. Ein Satz, mit dem sich gleich mehrere Leben verändern. David erinnert sich an den Moment zurück, ein leichtes Lächeln im Gesicht, und sagt: „Es war ein schönes Gefühl.“
Im Leben eines Samenspenders gibt es viele Ungewissheiten
David, 33 Jahre alt, ist Spender in der Samenbank Ludwigsburg. Er ist groß, sportlich, seine Arme sind durchtrainiert, aber nicht aufgepumpt. Man sieht ihm an, dass er auf seine Gesundheit achtet. Er lächelt viel und denkt häufig einen Moment nach, reflektiert und analysiert, bevor er auf Fragen antwortet. Man kann sich gut vorstellen, dass sich viele als Erzeuger genau jemanden wie ihn wünschen. Aber Wunscheltern, die ihn in der Samenbank als Spender auswählen, wissen das alles nicht. Sie kennen keine aktuellen Fotos von ihm, und sie haben ihn auch nie getroffen. Sie müssen dabei der Samenbank vertrauen, einen Spender nach den Wünschen der angehenden Eltern zu finden.
Mittlerweile ist David Vater zweier Kinder, die er nicht kennt. Und eine Mail ist der einzige Hinweis, die er bis zu deren 16. Geburtstag über seine Spenderkinder bekommen wird. Dann muss er damit rechnen, dass sie vor seiner Tür stehen, dank des sogenannten Samenspenderregistergesetzes können sie seine Adresse erfragen und Kontakt aufnehmen. Vielleicht wird er aber auch nie wieder etwas von ihnen hören. Sie könnten in der Stuttgarter Königstraße oder sonst irgendwo ein paar Meter aneinander vorbeilaufen und nichts davon bemerken. Es liegt in der Hand der Spenderkinder, der Spender hat kein Recht auf Kontakt. Das Leben eines Samenspenders ist eines mit vielen Ungewissheiten.
Er überlegt lange, ob er die Spende machen soll
Ein Treffen in einem Stuttgarter Park. David kommt in Shorts und Flip-Flops. Er sieht noch nach dem Urlaub aus, aus dem er gerade zurückgekehrt ist: von der Sonne gebräunt und entspannt. Die Sonne heizt die Lichtung an diesem Spätsommertag auf, die Luft ist leicht verraucht, schon am Vormittag haben manche die Grillstellen angefeuert. Warum wird man zum Samenspender? Und was macht es mit einem, biologisch Vater zu sein, ohne den Kindern ein Vater zu sein? David ist hier, um Antworten auf diese Fragen zu geben.
„Ich hatte schon manchmal überlegt, dass das vielleicht eine coole Sache wäre“, sagt David. Es gibt verschiedene Gedanken, die ihn antreiben. Kinder zu bekommen ist für viele Menschen ein fundamentaler Wunsch. „Ich kann mit wenig Aufwand viel helfen“, erzählt der Stuttgarter. Und: „Ich finde es cool, dass irgendwo etwas von mir weiterlebt.“
Andererseits denken er und seine Partnerin: „Gibt es nicht schon genügend Menschen auf der Welt?“ Falls sie sich für eine eigene Familie entscheiden, fänden sie es derzeit schöner, ein Kind zu adoptieren, als selbst eines in die Welt zu setzen. „Deswegen habe ich auch gezögert, das mit der Spende zu machen.“
Letztlich entscheidet er aber, dass es nicht in seinem Ermessen liegt, was Leute zu kriegen haben und was nicht. „Wenn sich Leute unbedingt ein Kind wünschen, ist es auch schön, wenn das in Erfüllung geht“, sagt David. Als er online auf die Samenbank Ludwigsburg stößt, nimmt er Kontakt auf und bewirbt sich als Spender.
David weiß nichts über seine Kinder
Es gibt ein Gespräch, eine Probespende muss abgegeben werden, auch Blut und Urin werden auf Krankheiten getestet. Am Ende bleibt nur etwa jeder zehnte Bewerber übrig und darf tatsächlich spenden. „Ich interessiere mich für meine Gesundheit, ernähre mich gut und mache Sport. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Probespende gut genug sein wird“, erklärt David. Wenig später lagern seine Spermien in den Tiefkühlbehältern der Samenbank, wo sie Wunscheltern auswählen können, um Nachwuchs zu zeugen. 100 Euro gibt es pro Spende, für Anfahrt und Vorabuntersuchungen gibt es nichts extra. „Wegen dem Geld mache ich es nicht“, sagt David.
David weiß nicht, wo seine beiden biologischen Kinder wohnen, nicht, was für Menschen die Eltern sind, nicht, wie sie heißen, nicht einmal, ob es Mädchen oder Jungen sind. Fühlt er sich trotzdem ein bisschen als Vater? „Aus meiner Sicht hat ein Vater eine Erziehungsrolle, die habe ich nicht. Aber man fühlt es, dass ein Teil von mir irgendwo lebt. Das ist ein wohles Gefühl“, sagt David.
Wie es Spendern geht, ist weitgehend unerforscht
Und schmerzt es, keine Kontrolle darüber zu haben, ob er sie jemals sehen wird? „Es hat für mich in den nächsten 15 Jahren kaum Folgen. Aber ich muss damit rechnen, dass eines der Kinder irgendwann vor meiner Tür steht und fragt: ‚Warum hast du das gemacht?‘“, weiß David. „Ich habe mir diese Besuche vorgestellt, und ich finde den Gedanken daran schön.“ Er lässt anklingen: Solle das Kind dann seine Unterstützung brauchen, wäre er dafür bereit.
Es ist nicht ganz klar, ob alle Samenspender so gut damit klarkommen wie David. Bei Spenderkindern weiß man mittlerweile, dass die Frage nach dem Erzeuger wichtig für die eigene Identität ist. Auch deswegen gibt es seit 2018 das Samenspenderregistergesetz, das Spenderkindern ermöglicht, ab 16 Jahren Auskunft über den Spendervater anzufragen. Was es mit Spendern macht, nichts über ihre Spenderkinder zu wissen, aber ihnen später möglicherweise gegenüberzustehen, sei weitgehend unerforscht, sagt Martina Flaig. Die Diplom-Biologin leitet die Samenbank Ludwigsburg und will genau diese Lücke schließen. „Das ist ein Projekt für die nächsten Jahre“, sagt sie. Richtig spannend werde es erst, wenn aufgrund des Gesetzes viele Erzeuger auf ihre Kinder treffen. Weil das Gesetz noch jung ist, werde das noch dauern.
Manchmal sagt er: Ja, ich habe Kinder
David geht mit seinem Samenspender-Dasein offen um. Sein direktes Umfeld wüsste sowieso Bescheid, erzählt er. Von den Freunden hätte er „noch keine negativen Reaktionen bekommen“, sagt er. Die Freundin war ohnehin in die Entscheidung eingebunden. „Manchmal, wenn ich gefragt werde, ob ich Kinder habe, sage ich Ja“, erzählt er, „wenn es der Rahmen zulässt.“
Die zwei Kinder von ihm könnten noch Geschwister bekommen. David hat mehrere Samenspenden abgegeben. Es würde für die maximal empfohlenen 15 Kinder pro Spender locker reichen.