Samsung in Südkorea Familie Lee und das große Samsung-Erbe

Lee Jae-yong ist der Sohn des Samsung-Patriarchen Lee Kun-hee. Vor Jahren hat er bereits erklärt, dass es keine Kontroversen bezüglich seines Erbes geben soll. Foto: /Kim Jae-Hwan

Die Familie hinter dem südkoreanischen Multikonzern muss Aktien im Wert von Milliarden verkaufen, um nach dem Tod des Firmenchefs die Erbschaftssteuer zu zahlen.

Am Wochenende veröffentlichte Südkoreas führende Nachrichtenagentur Yonhap einen Artikel, der so kurz und nüchtern gefasst war, dass man im darin beschriebenen Thema eine kleine Nebensächlichkeit vermuten musste. „Die Samsung-Familie verkauft Anteile an Samsung Electronics im Wert von 2,8 Billionen Won, um Erbschaftssteuern zu begleichen“, lautete der Titel. Es folgte ein Text nur sechs Sätzen, der bloß die Eckdaten nannte. Ist man des Themas etwa überdrüssig? Oder wissen alle längst Bescheid?

 

Das größte und mächtigste Firmenkonglomerat Südkoreas

Seit Jahren ist das Erbe von Familie Lee, die hinter Samsung und damit dem größten und mächtigsten Firmenkonglomerat Südkoreas steckt, jedenfalls ein Streitthema im Land gewesen. Leitartikler, Politikerinnen und Bürger haben sich eingeschaltet in eine Angelegenheit, die sich rechtlich gesehen erstmal nur zwischen einer Familie und einer Behörde abspielt. Aber beim Samsung-Erbe geht es um viel mehr: Nicht nur um Geld und Macht, sondern auch um empfundene Gerechtigkeit – und damit um Politik.

Doch der Reihe nach. Aus zuletzt an die Öffentlichkeit gelangten Unterlagen schloss die Nachrichtenagentur Yonhap am Wochenende, dass die Hinterbliebenen des 2020 verstorbenen Samsung-Patriarchen Lee Kun-hee nun planen, Anteile des Konzerns Samsung Electronics in Höhe von umgerechnet 1,92 Milliarden US-Dollar (1,64 Milliarden Euro) zu veräußern. „Offenbar handelt es sich dabei um einen Versuch, Erbschaftssteuern zu begleichen“, schlussfolgert Yonhap.

Dies liegt jedenfalls nahe. Denn im April 2026 wird die letzte Rate einer über fünf Jahre gestreckten Erbschaftssteuerrechnung fällig, die derart hoch ist, dass nicht einmal eine milliardenschwere Familie wie die Lees sie einfach so begleichen kann. Seit dem Jahr 2021 stottern sie Verpflichtungen in Höhe von insgesamt zwölf Billionen Won (rund 6,9 Milliarden Euro) an den Fiskus ab. Oft ist im Land von „einer der größten Erbschaftssteuerzahlungen jemals“ die Rede.

Erbschaftssteuer in Höhe von 50 Prozent

Südkoreas Erbschaftssteuer von 50 Prozent – und sogar bis zu 60 Prozent bei Vermögen wie Kontrollbesitz an Unternehmen – zählt zu den höchsten der Welt. Gerade vermögende Personen kritisieren die Steuer schon lange. Links der Mitte wird dagegen oft mit einem Hebel der Gerechtigkeit argumentiert, zumal Südkorea ansonsten eher wenig für Umverteilung tut. Der Sozialstaat ist relativ zur Wirtschaftsleistung eher klein, das Bildungswesen in hohem Maße privatisiert – und Samsung mischt auch hier mit.

Das Konglomerat – 1938 von Lee Byung-chull als Handelshaus gegründet – besteht längst nicht nur aus der bekannten Smartphone-Marke, sondern macht Haushaltselektronik und Mikrochips, managt Krankenhäuser, Hotels, Modebusiness und vieles Weiteres.

Von den Chaebols genannten Konglomeraten, die entlang der Wertschöpfungskette und quer durch Sektoren alles Mögliche herstellen, ist Samsung das größte. Die Umsätze belaufen sich etwa auf ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts von Südkorea.

Seit Jahren aber wird darüber geklagt, dass die Chaebols längst zu mächtig geworden sind – nicht nur im ökonomischen Sinn, indem sie kleinere Betriebe aus dem Markt drängen, sondern auch politisch, da sie Gesetze beeinflussen. Patriarch Lee Kun-hee war sowohl für seine Abneigung gegenüber Gewerkschaften bekannt als auch für Bestechungsaffären und Steuervermeidung. Auch Sohn Lee Jae-yong saß schon – wie der Vater – wegen Korruption hinter Gittern. Und wurde kontroverserweise begnadigt.

Großer öffentlicher Druck

So haben Zyniker in Südkorea das Land auch immer wieder als „Samsung-Republik“ bezeichnet – da im Zweifel das getan werde, was im Hause Samsung gewünscht werde. Vor dem Hintergrund des riesigen Erbes, das Firmenpatriarch Lee dann Ende 2020 mit seinem Tod hinterließ, ist die Nervosität daher groß gewesen. Die Lees – also die Witwe, der Sohn und zwei Töchter – hätten auch große Vermögensposten in Stiftungen übertragen können.

Aber der öffentliche Druck in Südkorea, dies nicht zu tun, war beträchtlich. „Ich werde dafür sorgen, dass es keine Kontroversen bezüglich meines Erbes mehr geben wird“, hatte Sohn Lee Jae-yong vor einigen Jahren erklärt. Über die vergangenen fünf Jahre haben die Lees nun diverse Vermögenswerte liquidiert. Schon zuvor gab es seitdem größere Aktienverkäufe, um die nötige Liquidität zu erlangen.

Offenbar zur Imagepflege verschenkte die Familie zudem einen Großteil der durch den Patriarchen gesammelten Kunstwerke an den südkoreanischen Staat. Die vielen Kritiker der Lees dürften aufgrund der Nachricht vom Wochenende aufatmen. Denn damit zeichnet sich ab, dass die Hinterbliebenen in diesem Fall tatsächlich ihrer steuerlichen Verpflichtung nachkommen.

In Deutschland oder Österreich, wo seit Jahren immer wieder über die Besteuerung von Erben gestritten wird, könnte sich dies auch als Strategie für hohe Einkünfte auf Staatsseite herausstellen: Erbschaftsfälle einfach mit derart viel öffentlicher Diskussion begleiten, dass ein Ausweichen vor der Steuer einem Skandal gleichkäme. Wobei das kaum immer möglich sein wird. In Südkorea ist kaum eine reiche Familie so prominent wie die Lees von Samsung.

Weitere Themen